"Unternehmen messen den Wert ihrer Angestellten leider nur am Tun, nicht am Denken"

Kreativitätsguru, TedX-Speaker und Allround-Multitalent: das ist Dave Birss. Anlässlich des Releases seines neuen Buches holte LEADERSNET sich exklusive Tipps wie man seine Techniken auf Unternehmenskultur umlegen und leben kann.

Der Engländer Dave Birss ist ein Tausendsassa: Autor, Creative Director, Musiker, Comedian, DJ, Poet, Nacktmodel, Lasagnekoch, Universitätslektor, Graffiti-Künstler und Illustrator sind nur wenige der Berufsbezeichnungen, die man ihm geben könnte. Seine großen Interessensfelder sind Kreativität und Technologie und ihre Verschränkung. Der Querdenker hat 20 Jahre lang für namhafte Agenturen als Creative Direktor in der Werbebranche und im Marketing gearbeitet, kehrte dieser Karriere jedoch den Rücken, weil es laut eigenen Aussagen nicht seinen "kreativen Juckreiz" befriedigte.

Birss ist der Autor der Bücher "A User Guide to the Creative Mind", hat an mehreren anderen Büchern als Co-Autor mitgewirkt, die Plattformen OneDayCodeSchool.com und RIGHTthinking.co gegründet und ist Redakteur bei The Drum, dem größten Marketing Magazin Europas.

Viele Unternehmen aller Größen und Branchenzugehörigkeit wenden sich an Birss, der auch als Consultant und Keynote-Speaker tätig ist. Seine Keynotes im Speziellen sind sehr populär, was ihm auch eine Einladung als Speaker für einen Talk bei TedX eingebracht hat. Birss ist sehr aktiv auf Social Media und postet beinahe täglich auf Twitter. Am 8. November 2018 veröffentlichte Dave Birss sein neuestes Werk, "How to get to great ideas – A system to smart, extraordinary thinking" im englischsprachigen Raum. LEADERSNET traf den Kreativen zum Interview über die Entfaltung kreativen Denkens in der modernen Unternehmenskultur, die Ideenkiller Produktivitätsdenken und Auslastung und warum Neugier das Herzstück jeder guten Idee ist.

LEADERSNET: Mr. Birss, zuallererst herzliche Gratulation zur Veröffentlichung Ihres neuen Buches! Was war Ihre Zielsetzung für "How to get to Great Ideas"?

Birss: Die Mythen und Missverständnisse die sich um Kreativität und Innovation ranken, hindern Menschen daran, so effektiv zu denken wie es ihnen tatsächlich möglich wäre. Und das sind wirklich schlechte Nachrichten – für die Wirtschaft und die Menschheit im Allgemeinen. Ideen formen unsere Welt: wenn es sie nicht gäbe, wären wir immer noch ein Haufen grunzender Viecher die sich auf allen Vieren ihre Knöchel am Boden wund kratzen. Der Sinn und Zweck hinter meinem Buch ist es, Kreativität zu entmystifizieren und Innovationen nahbarer zu machen, um Menschen und Unternehmen dabei zu helfen, bessere Ideen zu haben. Denn bessere Ideen bedeuten eine bessere Welt.

LEADERSNET: Geht es denn heutzutage mehr um Management oder Kreativität? Und wie schwierig ist es für Unternehmen Kreativität, Ideen und Management zu vergleichen?

Birss: Unternehmen fordern von ihren Angestellten mehr und mehr Ideen ein. Aber das Problem hierbei ist, dass sie nicht die richtigen Prozesse in Gang setzen, sich der falschen Mittel bedienen, um ans Ziel zu kommen. Die meisten Firmen bieten nicht die richtigen Aus- und Weiterbildungen oder Seminare an um ihre Angestellten dorthin zu bringen, wo sie sie gerne hätten. Sie investieren nicht die Zeit, die es braucht, um den Nährboden für Kreativprozesse zu schaffen und organisieren auch ihre Managementprozesse nicht entsprechend. Der erklärte Fokus von Unternehmen liegt auf Produktivität. Dieser Fokus intensiviert sich mehr und mehr und fährt sich fest. Dadurch hält die Wirtschaftswelt ihre Angestellten de facto einfach viel zu beschäftigt als dass sie die Möglichkeit hätten, ihren Geist zu füttern und so zu neuen Ideen zu kommen. Die Art wie Unternehmen sich verhalten lässt darauf schließen, dass der Wert ihrer Angestellten sich für sie daran misst, wie viel sie tun und arbeiten und nicht daran, wie gut sie denken.

Dave Birss bei einem OpenExchange-Event © Dave Birss

Wir tendieren dazu, Organisationen aufzubauen die resistent gegenüber Veränderung und Andersartigkeit sind, sie sogar scheuen. So werden diese Unternehmen aber zur toxischen Umgebung für kreative Ideen. Und diese "Corporate Antikörper" machen sich fleißig daran, alles zu zerstören was fremd, unbekannt und eventuell mit einem Level an Risiko verbunden ist. Wenn wir innerhalb solch konservativer Zwänge operieren, können wir uns nicht erwarten, von innovativen Ideen profitieren zu können.

LEADERSNET: Muss man ein sehr talentierter Mensch sein um in der Art erfolgreich zu sein, wie Sie es sind? Welche Rolle spielt Talent?

Birss: Talent ist eine schrecklich missverstandene Sache. Die meisten Menschen glauben, dass man mit Talent geboren wird. Ich gehöre nicht zu diesen Menschen. Ich glaube, dass manche Menschen möglicherweise Gehirne haben, die etwas besser für kreatives Denken "verkabelt" sind als andere. Viel wichtiger hierbei ist aber der kontinuierliche Einsatz, den man zeigt, um seine kreativen Ziele zu erreichen. Ein Beispiel: Usain Bolt hat einen Körper, der viel besser auf das Sprinten ausgerichtet ist, als meiner. Aber der wahre Grund dafür, warum ich ihm nicht auf der Rennstrecke heiß auf den Fersen bin ist, dass es viel wahrscheinlicher ist mich vor meinem Laptop sitzend vorzufinden als schwitzend im Leichtathletikclub oder Fitnesscenter. Bolts Erfolg kam daher, dass er jeden Tag ausnahmslos früh aufstand um zu trainieren und an seinem Ziel zu arbeiten. Und er hat weiter und weiter gemacht, egal ob ihm gerade danach war, ob es ihm Spaß machte oder nicht. Genau so funktioniert es mit kreativem Denken. Je mehr du machst, je mehr du investierst, desto besser wirst du. Talent ist etwas, was man sich erarbeitet und verdient, nicht etwas, was einem in die Wiege gelegt wird.

LEADERSNET: Bleiben wir vielleicht noch ein wenig auf Businessebene: Es ist kein Geheimnis, dass Sie der festen Meinung sind, dass Neugier das Fundament jeglichen kreativen Gedankens ist. Wie können Unternehmen und Agenturen Neugier in ihren Mitarbeitern kultivieren und am Arbeitsplatz generell unterstützen?

Birss: Ich glaube nicht, dass man Neugier lehren kann, aber ich denke sehr wohl dass man jemanden zur Neugier ermutigen kann, ihn dabei unterstützen, eine natürliche Neugier zu entwickeln. Menschen neigen dazu, das zu tun, was die Menschen um sie herum tun und die Verhaltensweisen ihres Umfelds anzunehmen. Dadurch ist es also auf jeden Fall eine gute Idee eine regelmäßige Aktivität zu schaffen, die die Menschen dazu ermutigt sich darüber auszutauschen, was sie beschäftigt, was sie denken und was sie entdeckt haben. Wenn Menschen andere Menschen sehen und dabei beobachten wie sie interessante Dinge tun, wird eine Art Konkurrenzdenken einsetzen und andere werden anfangen, nach noch interessanteren Dingen Ausschau zu halten.

Diesen Prozess kann man weiter dadurch anfeuern, indem man jenen Anerkennung schenkt, die mit interessanten und inspirierenden Ideen aufwarten. Man könnte hier beispielsweise eine Art "Leaderboard" für das Unternehmen kreieren. Und als letzten Schritt: ermutigen Sie die Leute dazu, sich anzusehen was sie von diesen Dingen lernen können. Und ermutigen Sie sie auch dazu, darüber nachzudenken, wie sie ihre Erfahrungen und das Gelernte in das Unternehmen und ihre Tätigkeit implementieren könnten. Neugier ist das Herzstück kreativen Denkens, also ist es definitiv lohnend, sie weiterzuentwickeln und zu fördern. 

Dave Birss auf einem Cover des Magazins "The Drum". © The Drum / Dave Birss

LEADERSNET: Dennoch ist es doch so, dass der moderne Arbeitsplatz dazu neigt, seine Angestellten so beschäftigt und stark ausgelastet zu halten, dass sie wirklich kaum Zeit dafür haben, sich ihren Gedanken zu widmen. Besonders Top-Leader und Führungskräfte kommen bei einem bis auf die letzte Zeile verplanten Terminkalender kaum zum denken. Haben Sie vielleicht ein paar Tipps dazu, wie man Zeit für kreatives Denken trotz allem im täglichen Stundenplan unterbringen kann?

Birss: Ich denke, dass unsere Obsession mit Produktivität und Auslastung ein echtes Problem darstellt. Es fokussiert die Menschen darauf, zu tun, zu machen und nochmals zu tun - und das auf Kosten des Denkens. Viele Unternehmen verlangen von ihren Angestellten, Ideen in ihrer Freizeit zu entwickeln – zusätzlich zu all den Aufgaben die ihren täglichen Arbeitsalltag füllen. Das ist ein grober Fehler. Es zeugt davon, dass das Unternehmen keinen Respekt vor neuen Ideen hat. Und wenn das Unternehmen sich nicht dazu bereit erklärt, sich dem Ideenentwicklungsprozess zu verschreiben, wer dann? Wer sonst sollte das tun, und warum? Wenn man sich gute Ideen von seinen Angestellten wünscht, dann muss man ihnen auch die Zeit und die Ressourcen geben, sich dieser Aufgabe zu widmen. Und wenn man nicht nur irgendwelche, sondern die besten Ideen haben möchte, dann muss man ihnen auch die Zeit zugestehen, die sie benötigen um ihren Geist mit interessanten Dingen zu füllen. Ganz zu schweigen von der Zeit, die sie zusätzlich benötigen um in der Folge Ideen zu entwickeln. All das erfordert ein kontinuierliches und verbindliches Engagement von Unternehmensseite.

Verstehen Sie mich nicht falsch – wenn man wirklich mit Herz und Seele bei der Sache ist und man mit Leidenschaft daran arbeitet, die Dinge zu verbessern, wenn man auch die Energie hat, seine Ideen gegen den Widerstand eines skeptischen und innovationsresistenten Unternehmens durchzubringen, dann ist das großartig. Aber die Verantwortung dafür, die Zeit und den Raum für neue und kreative Gedanken zu schaffen liegt beim Unternehmen selbst.

LEADERSNET: Stress ist ja eine weitere große Blockade für Kreativität und in den meisten Unternehmen ein unvermeidbarer Faktor mit dem man in jeder Position unweigerlich konfrontiert werden wird, zumindest ab und zu. Da er in verschiedensten Intensitätsgraden auftauchen kann, müssen wir lernen, mit ihm umzugehen und trotz allem produktiv und ja, auch kreativ zu bleiben. Wie können wir das erreichen und hier eine Balance schaffen?

Birss: Stress bewegt sich in der Wirtschafts- und Unternehmenswelt auf einem epidemischen Level. Und, wie Sie es selbst auch sagen, das sind wirklich schlechte Nachrichten für kreatives Denken. Er bringt uns dazu, blind direkt die sicherste Lösung eines Problems anzusteuern, ganz so als würden wir in der Wildnis versuchen, einem geifernden Wolfsrudel zu entkommen. Stress hält uns davon ab, andere Möglichkeiten und Lösungen zu erforschen und daran, wertvolle Risiken einzugehen. Er schränkt Mitarbeiter und die Unternehmen für die sie tätig sind gleichermaßen in ihrem Wirken und Denken ein, lässt sie in festgefahrenen Bahnen verharren und sperrt sie in einen unsichtbaren Käfig, aus dem es so leicht kein Entkommen gibt.

In den letzten Jahren erleben wir ein gesteigertes Interesse an "Mindfulness", also an Achtsamkeit. Einige Unternehmen haben hierauf mit der Einführug von "sleep pods" oder auch "nap pods" reagiert (spezielle Stühle, die Menschen im Arbeitsumfeld, aber auch an Universitäten oder Flughäfen Nickerchen oder kurze regenerative Schlafpausen erlauben, Anm. d. Red.), Yoga, Massagen und anderen vorteilhaften Angeboten für ihre Mitarbeiter reagiert. Diese Dinge sind allesamt wirklich toll und auch erfreulich, aber sie beheben nicht das wahre Problem, adressieren es nicht einmal. Und dieses wahre Grundproblem, das ist das Arbeitsumfeld per se. Es sind Management, Arbeitsbelastung und Unternehmenspolitik die Stress am Arbeitsplatz verursachen. Vielleicht sollten wir versuchen, das Problem erst gar nicht erst entstehen zu lassen oder zumindest an der Wurzel zu packen, anstatt eine Fleischwunde mit einem Hansaplast schließen zu wollen.

© Dave Birss

LEADERSNET: Wenn wir schon bei Unternehmen sind – in diesem Zusammenhang würden wir gerne noch ein paar weitere Tipps aus Ihnen herauskitzeln. Teamwork und Soft Skills, vor allem was die soziale Interaktion betrifft, sind essentiell für ein gesundes Arbeitsumfeld, egal in welcher Branche. Dennoch erhob eine Studie des Gallup Instituts dass 87 Prozent aller Arbeitskräfte weltweit sich festgefahren fühlen und es ihnen an einem kreativen Outlet fehle. Wie können Unternehmen so mehr Kreativität aus ihren Teams ziehen?

Birss: Ich bin der Meinung, dass Unternehmen endlich verstehen müssen, dass Brainstorms nicht die Antwort auf ihre kreativen Fragen sind. Die Lösung liegt darin, bessere Prozesse zu nutzen: Prozesse, die Gedanken in neue Bahnen lenken und es ihnen auch erlauben, in neue Bereiche vorzudringen und so schlussendlich auch zu besseren, effektiveren Ideen führen. 

Der Prozess, über den ich in meinem Buch schreibe, heißt "RIGHT thinking", also richtiges Denken. Das Wort "RIGHT" steht hier aber nicht nur für richtig, sondern auch als Abkürzung für: Research, Insight, Generate Ideas, Hone Ideas, Test Ideas. Zu Deutsch bedeutet das Recherche, Einsicht, Entwicklung von Ideen, das Schärfen von Ideen und zu guter letzt das Austesten von Ideen. Es ist ein System das den Denkprozess sowohl ermutigt als auch ermöglicht. Dieses System, diesen "RIGHT thinking"-Prozess, habe ich bei vielen Projekten in allen möglichen Branchen erfolgreich angewandt. In meinem Buch gehe ich detailliert darauf ein, aber kurz gesagt lässt es sich so zusammenfassen: Wenn Unternehmen mehr Ideen wollen, dann müssen sie ihren Fokus vom Tun auf das Denken verlegen. Denn Denken ist der einzige bekannte Weg um an wertvolle Ideen zu kommen.

Dave Birss' Buch "How to Get Creative Ideas" ist am 08. November 2018 erschienen und bislang nur in der englischen Originalversion hier erhältlich. 

www.davebirss.comBirss' jüngstes Werk "How to Get Creative Ideas" © Dave Birss

leadersnet.TV