Dazu kommen 2,4 Millionen Menschen mit Wertpapierdepot, ein heimischer Onlinehandel von 12,5 Milliarden Euro und ein Influencer-Werbemarkt, der zweistellig wächst. Wer online Geld verdienen will, hat mehr Optionen als je zuvor. Er hat auch mehr Möglichkeiten, welches zu verlieren.
Spielraum zwischen Unterhaltung und Kostenrisiko
Eine eigene Kategorie der Online-Ökonomie bilden die Unterhaltungsangebote im Feld zwischen Freizeitkonsum und kalkuliertem Einsatz. Sportwetten, Pokerräume und Casino-Plattformen haben in Österreich ein durch Bundesabgaben reguliertes Segment und einen grenzüberschreitenden Offshore-Bereich. Wer sich als Spieler orientieren möchte, greift auf Bewertungsportale zurück, und seriöse Vergleichsportale wie casino.org arbeiten dabei mit nachvollziehbaren Prüfkriterien, dokumentieren Auszahlungsquoten und weisen ein Online Casino mit hoher Gewinnchance entsprechend der geprüften Return-to-Player-Werte aus. Dieser Teil des Marktes hat in den vergangenen Jahren hörbar an Professionalität gewonnen.
Für Einkommen im klassischen Sinn taugt das Segment trotzdem nicht. Die Geschäftsmodelle der Anbieter beruhen auf einem statistischen Hausvorteil, der unabhängig von der Geschicklichkeit einzelner Spieler wirkt. Die Suchtberatungsstellen empfehlen feste Einzahlungsgrenzen als Grundregel.
Der Onlinehandel ist kein Selbstläufer mehr
Die 15. Ausgabe der eCommerce-Studie des Handelsverbandes zeichnet ein gespaltenes Bild. Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbandes, spricht vom wirtschaftlichen Comeback, verweist aber auf eine unbequeme Zahl. 54 Prozent der Online-Ausgaben der Österreicher fließen mittlerweile an ausländische Shops, vor allem an asiatische Fast-Fashion-Plattformen. Die drei größten Marktplätze vereinen laut Top-100-Webshops-Report mehr als die Hälfte aller heimischen E-Commerce-Umsätze. Allein auf den Amazon Marketplace entfallen über vierzig Prozent, wobei zwei Drittel davon nicht an Amazon selbst gehen, sondern an die Händler, die dort verkaufen. Zalando folgt mit rund 607 Millionen Euro Jahresumsatz in Österreich als Nummer zwei.
Harald Gutschi, Vizepräsident des Handelsverbandes und Geschäftsführer der Otto Austria Group, hat in einer Wortmeldung Mitte 2024 einen Generationenunterschied angesprochen, der für die Strategie kleiner Betriebe Bedeutung hat. Bei den 15- bis 29-Jährigen liegt der Ausgabenanteil im ausländischen Distanzhandel bei 58 Prozent, bei der Generation 50 plus bei der Hälfte. Junge Kunden sind auf Temu, Shein und Amazon kaum zurückzuholen. Wer sie erreichen will, muss dort präsent sein oder ein Produkt anbieten, das es dort nicht gibt.
Für kleine Shopbetreiber heißt das: Der Preiswettbewerb ist verloren. Wer ins Geschäft kommen will, braucht eine Nische. Das steirische Unternehmen Niceshops hat sich ein Konglomerat aus dutzenden Themenshops aufgebaut, vom Naturkosmetiksegment bis zum Tierbedarf, und beschäftigt in Saaz mittlerweile über tausend Mitarbeiter. Aus dem Stand lässt sich das nicht nachbauen.
Niederschwelliger funktioniert Print-on-Demand. Anbieter wie StyriaShirts aus Graz oder das lettische Unternehmen Printful übernehmen Produktion, Lagerung und Versand gegen Margenbeteiligung. Der Verkäufer kümmert sich um Design, Shop und Zielgruppenansprache. Das Risiko bleibt überschaubar. Die Margen auch.
Noch ein Hinweis aus der Studie. Die Retourenquote ist auf 44 Prozent gestiegen, Tendenz weiter steigend. Wer Mode oder Schuhe verkauft, muss damit rechnen, dass fast jedes zweite Paket zurückgeht.
Die Wertpapiere erreichen die Mitte
Das Aktienbarometer 2026 von Industriellenvereinigung, Aktienforum und Wiener Börse ergab, dass 31 Prozent der österreichischen Wohnbevölkerung Wertpapiere besitzen. 2,4 Millionen Menschen, ein Plus von 100.000 innerhalb eines Jahres, also ein Zuwachs in der Größenordnung von Klagenfurt. Angelika Sommer-Hemetsberger, stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende der Wiener Börse, formulierte es nüchtern und sagte, Investieren sei ein Marathon und kein Sprint.
Den größten Anteil an der Bewegung haben die Neobroker. Trade Republic bietet seit 2024 auch in Österreich steuereinfache Depots, Bitpanda expandierte vom Krypto-Handel in Richtung klassischer Aktien und ETFs, Scalable Capital und Flatex werben um dieselbe Zielgruppe. Der Einstieg in einen ETF-Sparplan kostet teilweise nur einen Euro im Monat und bietet mehr Sicherheit als die Anlage in Einzelaktien oder Derivate.
Das ist die schöne Seite.
Die andere steht als Pflichttext auf der Website fast jedes CFD-Anbieters. Zwischen 74 und 89 Prozent der Kleinanlegerkonten verlieren beim Handel mit Hebelprodukten Geld. Wer Daytrading mit kurzfristigen Derivaten als Einkommensquelle begreift, landet mit hoher Wahrscheinlichkeit in dieser Statistik. Der Kapitalmarkt als zusätzliche Einkommensquelle funktioniert langfristig, nicht über Nacht.
Robert Ottel, Präsident des Aktienforums, hat im Rahmen der Aktienbarometer-Präsentation auf einen Punkt hingewiesen, der bei der Debatte über Kapitalmarktförderung gerne übersehen wird. Von den 2,4 Millionen Wertpapierbesitzern verdienen 1,3 Millionen weniger als 3.000 Euro netto im Monat. Das Depot ist keine Oberschichten-Angelegenheit mehr.
Creator Economy mit Schattenseiten
Der österreichische Influencer-Werbemarkt soll laut Statista-Prognose bis 2029 auf über 90 Millionen Euro anwachsen, ausgehend von 58 Millionen Euro im Jahr 2024. Das entspricht einer durchschnittlichen jährlichen Wachstumsrate von gut neun Prozent. Die Verteilung der Erlöse bleibt ungleich. Eine kleine Gruppe bekannter Namen verdient gut, die breite Mitte der Micro-Influencer bewegt sich zwischen Hobby und Nebenerwerb.
Steuerlich greift ab einem Jahreseinkommen von 13.303 Euro im Jahr 2025 die Einkommensteuer, und auch Produktgeschenke gelten als zu versteuernder Vorteil. Die Rechtsanwaltskammer weist seit Jahren auf diesen Punkt hin, weil er unter jüngeren Creatorn systematisch unterschätzt wird.
Strukturell bleibt das Geschäft fragil. Unabhängige Analysen zeigen, dass bei Kampagnen mit prominenten Influencern ein zweistelliger Prozentsatz der Interaktionen auf Bot-Accounts zurückgeht. Wer auf Reichweitenzahlen ohne Qualitätsprüfung einkauft, bezahlt für Luft. Aus Sicht der Creator wiederum bedeutet ein Algorithmus-Update auf TikTok oder Instagram binnen weniger Wochen einen Einbruch der Sichtbarkeit. Diversifikation der Einnahmequellen, also die Kombination aus Werbekooperation, Affiliate-Marketing und eigenen Produkten, gilt in der Branche als Standardstrategie.
Das stille Rückgrat heißt Freelance
Im Dezember 2024 verzeichnete die Wirtschaftskammer 361.932 Ein-Personen-Unternehmen, das entspricht 61 Prozent aller aktiven Mitgliedschaften in der gewerblichen Wirtschaft. Der Frauenanteil liegt bei rund 52 Prozent, allerdings mit deutlicher Verzerrung durch die Personenbetreuung, die statistisch hier eingerechnet wird und zu 92 Prozent weiblich besetzt ist.
Die digitalen Freelancer, also IT-Dienstleister, Texter, Übersetzer und Grafikerinnen, arbeiten über Plattformen wie Upwork, Fiverr oder die deutsche freelancermap. Die Honorarspanne ist groß. Laut Einkommensteuerstatistik der Statistik Austria für das Jahr 2021 liegt das Medianeinkommen selbständig Erwerbstätiger bei 13.201 Euro jährlich, spürbar unter dem Medianlohn unselbständig Beschäftigter. Die Zahl unterrepräsentiert die Spitze der Verteilung. Sie zeigt aber, dass die Selbständigen-Statistik kein Boom-Narrativ trägt.
Wer auf den großen Plattformen antritt, konkurriert mit Anbietern aus Ländern mit deutlich niedrigeren Lebenshaltungskosten. Ein Logo-Auftrag, für den eine Wiener Grafikerin mit Erfahrung zweihundert bis vierhundert Euro ansetzt, findet auf Fiverr einen Konkurrenten für dreißig. Erfolgreich sind in diesem Umfeld jene, die sich auf spezifische Marktnischen konzentrieren. Steuerberatung für deutschsprachige Online-Händler etwa, Videoschnitt für LinkedIn-Formate oder technische Übersetzungen für Medizinprodukte. Je enger die Nische, desto geringer der Preisdruck.
Was im Ratgeber selten steht. Die Pflichtversicherung bei der Sozialversicherung der Selbständigen beginnt mit dem Tag der Aufnahme der Tätigkeit, die Meldung muss binnen eines Monats erfolgen. Wer darauf vergisst, bekommt später rückwirkende Beitragsbescheide.
Die Wiener Börse verweist seit Jahren auf einen Umstand, der auch für diese Debatte Bedeutung hat. Rund 40 Prozent des österreichischen Privatvermögens liegen weiterhin in Spareinlagen und Bargeld. Luft nach oben gibt es also reichlich.