Die Bahnindustrie steht vor einem tiefgreifenden Wandel: Digitalisierung, alternative Antriebe, steigende Kapazitätsanforderungen und neue Servicekonzepte verändern den Schienenverkehr nachhaltig. Wir haben darüber mit Christian Diewald, CEO von Stadler Austria, gesprochen.
LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Diewald, Österreich investiert massiv in den Ausbau des Bahnverkehrs. Gleichzeitig steigen die Anforderungen an Kapazität, Digitalisierung und Nachhaltigkeit. Wo sehen Sie aktuell die größten technologischen Umbrüche in der Bahnindustrie?
Christian Diewald: Wie in vielen Branchen befindet sich die Bahnindustrie mitten in einem tiefgreifenden technologischen Wandel. Betrieb und Wartung werden immer datenbasierter, Systeme greifen stärker ineinander. Fahrzeuge, Infrastruktur und Betrieb werden enger verzahnt. Das verändert die Anforderungen an Technologie und Steuerung grundlegend. Veränderungen spüren wir auch auf Kundenseite. Die Erwartungen an Kapazität, Komfort und Zuverlässigkeit steigen deutlich. Darauf reagieren wir bei Stadler gezielt, etwa mit dem Kiss Cityjet Doppelstockzug der ÖBB oder dem ersten Hochgeschwindigkeitszug Smile bei der Westbahn. Es geht heute nicht mehr nur um Fahrzeuge, sondern um integrierte Lösungen über den gesamten Lebenszyklus. Das sind Herausforderung, die man nur in einer guten Partnerschaft zwischen Betreiber und Hersteller bewältigen kann – und das wird bei Stadler tagtäglich gelebt.
LEADERSNET: Stadler hat mit der neuen Werkhalle in Niederösterreich gezielt in den Standort Österreich investiert (LEADERSNET berichtete). Welche strategische Rolle spielt Österreich künftig innerhalb der internationalen Stadler-Gruppe?
Diewald: Österreich ist für die Stadler-Gruppe ein zentraler Wachstumsmarkt. Und das Umfeld passt: Immerhin sichert die Bahnindustrie in Österreich über 34.000 Arbeitsplätze und erwirtschaftet mehr als drei Milliarden Euro Wertschöpfung. Seit 2002 beliefern wir Kunden in Österreich mit Schienenfahrzeugen, vor wenigen Jahren haben wir dann mit einem eigenen Standort in Wien gestartet. Seither bauen wir Schritt für Schritt unsere Kompetenzen in der Entwicklung, dem Service, der Inbetriebnahme und der Modernisierung auf. Mit unserem Büro im Herzen Wiens und der neuen Werkhalle, unserer "Halle für alle", in Niederösterreich stärken wir unsere Präsenz vor Ort ganz bewusst. Aktuell beschäftigen wir in Österreich über 90 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Und wir wachsen weiter. Unser Anspruch ist klar: Wir bieten unseren Kunden effiziente, maßgeschneiderte Lösungen, und zwar über den gesamten Lebenszyklus hinweg.
LEADERSNET: Sie sprechen von einer "Halle für alle", die unterschiedlichen Betreibern offensteht. Verändert sich die Bahnindustrie zunehmend von einem klassischen Fahrzeuggeschäft hin zu einem umfassenden Service- und Infrastrukturmodell?
Diewald: Ja, wir sehen klar, dass sich das Geschäft in Richtung ganzheitlicher Service über den gesamten Lebenszyklus entwickelt. Kunden erwarten heute nicht mehr nur ein Fahrzeug. Sie wollen Lösungen, die langfristig funktionieren – von der Wartung über Modernisierung bis hin zur gesicherten Verfügbarkeit. Unsere "Halle für alle" ist genau darauf ausgelegt: Sie ist offen für unterschiedliche Betreiber und Fahrzeugtypen. Das ermöglicht flexible und effiziente Abläufe. Damit schaffen wir eine Infrastruktur, die die Zusammenarbeit vereinfacht. Und am Ende wird der Betrieb stabiler und wirtschaftlicher.
LEADERSNET: Alternative Antriebe gelten als Schlüssel für die Mobilität der Zukunft. Stadler ist weltweit führend bei Wasserstoff- und Batteriezügen. Welche Technologien werden sich Ihrer Einschätzung nach in Europa langfristig durchsetzen?
Diewald: Die Anforderungen in Europa sind sehr unterschiedlich. Das betrifft den Grad der Elektrifizierung, die Topografie, die Distanzen, die vorhandene Infrastruktur oder auch die regulatorischen Vorgaben. Deshalb wird es keinen einheitlichen Weg geben, sondern einen klaren Mix an Lösungen. Wir beschäftigen uns bei Stadler sehr intensiv mit verschiedenen Technologien. Entscheidend ist immer, was im konkreten Einsatz am besten funktioniert. Aus unserer Sicht haben Batteriezüge auf vielen Strecken klare Vorteile. Sie können auch dort eingesetzt werden, wo nicht elektrifiziert ist, sind energieeffizient und sehr umweltfreundlich. Ein Beispiel ist unser Flirt Akku, der ab 2028 auf der Kamptalbahn in Niederösterreich unterwegs sein wird. Und dort, wo größere Reichweiten oder kürzere Ladezeiten gefragt sind, wird Wasserstoff eine wichtige Rolle spielen. Dafür braucht es allerdings die passende Infrastruktur.
LEADERSNET: Der Bahnverkehr wird dichter, schneller und digitaler. Welche Rolle spielen Themen wie KI, Predictive Maintenance oder automatisierte Systeme künftig in der Wartung und im Betrieb moderner Züge?
Diewald: Wir kennen es aus der Automobilindustrie, aber auch im Schienenfahrzeugbau passiert technologisch gerade sehr viel. Österreich gehört dabei zu den Innovationsführern weltweit. Die Entwicklungen reichen von automatisiertem Fahren bis hin zu besserer Überwachung von Gleisen und Infrastruktur. Auch beim Störungsmanagement und bei der Energieeffizienz sehen wir klare Fortschritte. Das kann den Bahnverkehr deutlich zuverlässiger und effizienter machen. Gleichzeitig gilt – und das ist enorm wichtig: Die Bahn ist systemrelevant. Sicherheit steht immer an erster Stelle. Für uns als Hersteller heißt das, dass wir sehr bewusst vorgehen. Wir testen neue Technologie intensiv und gehen erst dann damit in den Betrieb, wenn sie sich bewährt haben.
LEADERSNET: Österreich gilt traditionell als starker Bahnmarkt. Gleichzeitig stehen Industrie und Infrastrukturbetreiber unter hohem Kostendruck. Welche politischen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen benötigt die Bahnindustrie jetzt, um international wettbewerbsfähig zu bleiben?
Diewald: Österreich ist ein starker Bahnmarkt und die Branche gehört zu den wichtigsten Exportsektoren. Pro Kopf liegen wir in Europa an der Spitze. Gleichzeitig wird der internationale Wettbewerb spürbar härter. Österreich ist im globalen Ranking zuletzt zurückgefallen, auch der Marktanteil ist gesunken. Das zeigt: Wir dürfen uns nicht auf unserer Position ausruhen. Was es aus Branchensicht jetzt braucht, sind verlässliche Rahmenbedingungen, gezielte Investitionen und vor allem ein fairer Wettbewerb. Wenn wir hier konsequent handeln, kann Österreich auch künftig ein führender Hightech-Standort für die Bahn bleiben.
LEADERSNET: Die neue Anlage im Marchfeld soll helfen, Züge schneller in Betrieb zu nehmen und effizienter zu warten. Wie wichtig werden Geschwindigkeit und Verfügbarkeit künftig als Wettbewerbsfaktoren in der Bahnbranche?
Diewald: Diese beiden Faktoren werden in Zukunft noch entscheidender. Betreiber erwarten bei Inbetriebnahme und Wartung heute eine maximale Fahrzeugverfügbarkeit bei möglichst kurzen Durchlaufzeiten. Genau da setzt unsere "Halle für alle" im Marchfeld an: Sie ermöglicht effizientere Abläufe, reduziert Standzeiten und erhöht damit unmittelbar die Leistungsfähigkeit unserer Kunden.
LEADERSNET: Wenn Sie zehn Jahre vorausblicken: Wie sieht die Bahnindustrie in Österreich 2036 aus – und welche Rolle möchte Stadler in diesem Mobilitätsökosystem spielen?
Diewald: 2036 wird die Bahn in Österreich hoffentlich noch stärker gefragt sein als heute. Sie wird vernetzter, digitaler, dichter getaktet und konsequent nachhaltig sein. Ich bin überzeugt, dass sie eine der zentralen Säulen unserer Mobilität wird. Stadler liefert in den nächsten drei Jahren rund 200 Schienenfahrzeuge am österreichischen Markt aus – so viel wie noch nie zuvor in so kurzer Zeit. Damit werden wir dazu beitragen, dass das System Bahn im Alltag zuverlässig funktioniert und ein wahres Erlebnis ist. Nicht nur mit guten Zügen, sondern mit Lösungen, die langfristig tragen. Am Ende geht's darum, dass Menschen mit der Bahn fahren. Nicht weil sie müssen, sondern weil sie wollen.
LEADERSNET: Abschließend: Dürfen wir uns auf die Zukunft freuen oder müssen wir diese mit großem Respekt erwarten?
Diewald: Wir können uns auf die Zukunft freuen, aber nur, wenn wir jetzt liefern. Die Aufgaben liegen auf dem Tisch: technologisch aufholen, wirtschaftlich effizienter werden, konsequent investieren. Wir sollten auch genauer hinschauen, was anderswo besser funktioniert – und das dann umsetzen, nicht nur diskutieren. Die Bahn hat enormes Potenzial. Aber ob sie ein starkes Zukunftsmodell ist, entscheidet sich daran, wie konsequent wir heute handeln. Wenn wir das tun, wird sie in zehn Jahren nicht nur gewollt sein, sondern im Alltag einfach funktionieren.
LEADERSNET: Vielen Dank!
www.stadlerrail.com
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