Rund 100 Tage nach dem Ausbruch des Krieges im Nahen und Mittleren Osten zeigen sich die wirtschaftlichen Folgen für Österreich deutlich. Neben anhaltend erhöhten Energiepreisen und einer hohen geopolitischen Unsicherheit führen zunehmende Beeinträchtigungen der internationalen Lieferketten zu einer Neueinschätzung der wirtschaftlichen Lage. Die Oesterreichische Nationalbank (OeNB) erwartet für das Jahr 2026 nur noch ein gedämpftes Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von 0,6 Prozent. Für die Jahre 2027 und 2028 wird eine Beschleunigung des Wachstums auf 1,1 Prozent beziehungsweise 1,2 Prozent prognostiziert.
Gouverneur Martin Kocher schätzt die Lage so ein: "Der Krieg im Nahen und Mittleren Osten belastet die wirtschaftliche Entwicklung in Österreich. Gestiegene Energiepreise- und Rohstoffpreise schwächen die Kaufkraft der Haushalte und wirken dämpfend auf die heimische Wirtschaft. Gleichzeitig sorgt die hohe geopolitische Unsicherheit für Zurückhaltung bei Investitionen. Dass die österreichische Wirtschaft 2026 dennoch moderat wachsen wird, ist vor allem auf den robusten Start ins Jahr zurückzuführen." Der heimische Arbeitsmarkt zeige sich hingegen widerstandsfähig – für 2026 wird eine unveränderte Arbeitslosenquote nach AMS-Definition von 7,4 Prozent erwartet.
Inflationsprognose deutlich angehoben
Infolge des Energiepreisschocks prognostiziert die OeNB für das Gesamtjahr 2026 eine HVPI-Inflation von 3,2 Prozent. Damit wurde die Erwartung gegenüber der Prognose vom März 2026 deutlich um 0,5 Prozentpunkte angehoben. Für 2027 und 2028 wurden die Werte um jeweils 0,1 Prozentpunkte nach oben korrigiert, sodass für 2027 mit 2,4 Prozent und für 2028 mit 2,1 Prozent Inflation gerechnet wird. Ein rascherer Rückgang wird durch indirekte Effekte sowie drohende Zweitrundeneffekte verhindert, da sich die Teuerung bei Nahrungsmitteln und Industriegütern in den kommenden Quartalen weiter beschleunige. Im Dienstleistungssektor wird aufgrund des nachlassenden Lohnwachstums ein moderater Rückgang erwartet.
"Mit zunehmender Dauer des Krieges im Nahen und Mittleren Osten werden die Auswirkungen auf die Preisentwicklung immer deutlicher. Höhere Energiepreise wirken nicht nur direkt auf die Inflation, sondern bergen auch die Gefahr von Zweitrundeneffekten", warnt Kocher. Ein Anstieg auf die historischen Höchstwerte der Jahre 2022 und 2023 werde aus heutiger Sicht jedoch nicht erwartet. Es sei entscheidend, dass sich der Preisschock nicht in der allgemeinen Preisentwicklung verfestige. Die jüngste Anhebung der Leitzinsen trage laut dem OeNB-Gouverneur zur Stabilisierung bei. Zudem werde die Europäische Zentralbank weiterhin entschlossen handeln, um das Euroraum-Ziel von zwei Prozent in der mittleren Frist sicherzustellen.
Budgetdefizit bleibt auf hohem Niveau
Trotz beschlossener Konsolidierungsmaßnahmen auf Bundesebene im Doppelbudget bleibe die Lage des Staatshaushaltes angespannt. Das Budgetdefizit wird sich 2026 voraussichtlich nur auf rund 4,1 Prozent des BIP verbessern und bis Ende 2028 bei 3,8 Prozent verharren. Als Gründe nennt die OeNB das makroökonomische Umfeld, steigende Zinszahlungen, höhere Beiträge zum EU-Budget sowie demografisch bedingte Mehrausgaben. Bis 2028 wird die staatliche Schuldenquote auf 86,4 Prozent des BIP ansteigen.
Das Netto-Konsolidierungsvolumen beläuft sich 2026 auf circa 0,6 Prozent des BIP und beinhaltet Kürzungen bei Umweltförderungen sowie nur anteilige Inflationsanpassungen bei öffentlichen Gehältern, Pensionen und Einkommensteuer-Tarifstufen. Für 2027 und 2028 ist ein Netto-Volumen von 1,4 Prozent des BIP vorgesehen, das unter anderem Einsparungen bei Personal- und Sachausgaben im Rahmen des Doppelbudgets sowie Kürzungen bei Sozialleistungen umfasst. OeNB-Chefvolkswirt Wolf Heinrich Reuter erklärt dazu, dass die nunmehr auf Bundesebene beschlossenen Konsolidierungsmaßnahmen allein nicht ausreichen werden. Es brauche strukturelle Reformen – insbesondere in jenen Bereichen, in denen die Ausgaben besonders dynamisch steigen.
Szenarien verdeutlichen wirtschaftliche Risiken
Aufgrund der volatilen Rohstoffmärkte hat die Zentralbank drei alternative Szenarien berechnet. Im pessimistischen "Severe-Szenario" würde die österreichische Wirtschaft im Jahr 2027 stagnieren, die Inflation auf über fünf Prozent klettern und das Budgetdefizit bis 2028 auf knapp fünf Prozent des BIP steigen. Im optimistischen "milden" Szenario könnte das Wirtschaftswachstum auf knapp 1,5 Prozent zulegen und die Inflation auf unter zwei Prozent sinken. Doch selbst unter diesen günstigen Bedingungen gilt das Erreichen der fiskalischen Drei-Prozent-Marke beim Defizit bis 2028 als unrealistisch.
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