Fotos vom Wiener Börse Jahrespressegespräch
Warum in Österreich das riesige Kapitalmarktpotenzial ungenutzt bleibt

| Tobias Seifried 
| 15.06.2026

Die Wiener Börse blickt auf das erfolgreichste Geschäftsjahr ihrer Geschichte zurück. Trotz Rekordwerten sieht CEO Christoph Boschen jedoch ungenutztes Potenzial und fordert zudem ein Ende der "rekordverdächtigen Steuern".

Am Montag fand das Jahrespressegespräch der Wiener Börse AG statt. Dabei zeigte sich, dass der heimische Handelsplatz das Geschäftsjahr 2025 mit Rekordzahlen abgeschlossen hat. Rückenwind kam vor allem vom heimischen Aktienmarkt, der neue Höchststände erzielte und im internationalen Vergleich eine deutliche Überrendite verzeichnete. Neben drei neuen Listings im Wiener Segment "direct market plus" für kleine und mittlere Unternehmen (KMU) gab es zwei Börsengänge in Prag. Vorbehaltlich behördlicher Genehmigungen plant die Wiener Börse, den "direct market plus" als EU-KMU-Wachstumsmarkt zu registrieren, um den Kapitalmarktzugang für KMU weiter zu erleichtern. Im Anleihen-Bereich wurde die Position mit rund 31.500 Primärlistings gefestigt.

Umsatz und Ergebnis auf historischem Höchststand

Den offiziellen Angaben zufolge stieg das Ergebnis vor Steuern (EGT) im Jahr 2025 auf 53,4 Millionen Euro, nach 50,1 Millionen Euro im Jahr 2024. Die Konzern-Umsatzerlöse erhöhten sich von 81,8 Millionen Euro auf 90,1 Millionen Euro. Begünstigt durch eine hohe Volatilität an den internationalen Märkten kletterten die Aktienumsätze der Börsengruppe auf 84 Milliarden Euro (2024: 74 Milliarden Euro). Davon entfielen 67 Milliarden Euro auf den Handelsplatz Wien und 18 Milliarden Euro auf die Prager Börse. Wesentliche Beiträge hätten zudem das tschechische Verwahrgeschäft sowie der Datenverkauf geliefert. Das Unternehmen beschäftigte 2025 laut eigenen Angaben im Durchschnitt 169 Mitarbeiter:innen in Vollzeitäquivalenten.

Starke Performance bei ATX und PX

Beim österreichische Leitindex ATX inklusive Dividenden (Total Return) gab es 2025 demnach einen Zuwachs von 52,17 Prozent. Der tschechische Leitindex PX TR legte um 61,42 Prozent zu. Dieser Aufwärtstrend habe sich im laufenden Jahr fortgesetzt, in dem der ATX erstmals die Marke von 15.000 Punkten übersprang.

Laut dem aktuellen Aktienbarometer besitzen inzwischen 31 Prozent der österreichischen Wohnbevölkerung Wertpapiere (LEADERSNET berichtete), was einem Zuwachs von rund 25 Prozent im Vergleich zur ersten Erhebung im Jahr 2023 entspreche.

Forderung nach politischen Rahmenbedingungen

"Österreichs Aktienmarkt befindet sich auf Rekordhoch und sticht auch im internationalen Vergleich hervor. Um es passend zur Fußball-WM zu formulieren: Die Dividende ist der Spielmacher unseres Marktes – weltweit angesehen und begehrt", erklärte Christoph Boschan, CEO der Wiener Börse AG. Die börsennotierten Unternehmen des Landes überzeugten mit soliden Geschäftsmodellen und internationaler Wettbewerbsfähigkeit. Diese Qualitäten müssten laut dem Börsen-Chef stärker für die Vorsorge und den langfristigen Wohlstand genutzt werden.

Angelika Sommer-Hemetsberger, Vizepräsidentin des Aufsichtsrates, betonte, dass der wachsende Wertpapierbesitz das Erkennen dieser Chancen in der Bevölkerung zeige. Die Reform der betrieblichen Altersvorsorge und der EU Listing Act seien zwar positive Schritte, würden jedoch keine umfassende Kapitalmarktstrategie ersetzen. Österreich müsse internationalen Best Practices folgen, damit der Kapitalmarkt seinen Beitrag zu Wachstum und Standortstärkung voll entfalten könne.

Kritik an steuerlicher Belastung in Österreich

Wenig überraschend sieht die Wiener Börse erhebliches Potenzial darin, die steigende Beteiligung mit größeren Anlagevolumina zu unterlegen. In niedrig verzinsten Einlagen oder Bargeld liege eine Wachstumsreserve von über 350 Milliarden Euro ungenutzt.

Boschan sieht den Hebel in einer Stärkung der privaten Vorsorge durch steuerliche Vorteile für Spar- und Investitionskonten, wie es von der Europäischen Union empfohlen und in Ländern wie Deutschland, Polen oder Tschechien bereits umgesetzt werde. In Österreich hingegen werde die eigenverantwortliche Vorsorge laut dem CEO "mit rekordverdächtigen Steuern belastet: 27,5 Prozent vom bereits versteuerten Arbeitseinkommen".

LEADERSNET war beim Jahrespressgespräch. Fotos sehen Sie in unserer Galerie.

www.wienerborse.at

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