In Österreich durchlebt der öffentlich-rechtliche Rundfunk derzeit eine seiner herausforderndsten Phasen: Management-Skandale und ein anhaltender Sparzwang prägten die jüngere Vergangenheit des Medienunternehmens. Vor diesem Hintergrund fand am Donnerstag, dem 11. Juni 2026, die richtungsweisende Bestellung der neuen ORF-Generaldirektorin oder des neuen ORF-Generaldirektors für die kommende Funktionsperiode von 2027 bis 2031 durch den 35-köpfigen ORF-Stiftungsrat, unter Vorsitz von Heinz Lederer, statt. Die amtierende Generaldirektorin Ingrid Thurnher, die das Amt nach der "Causa Roland Weißmann" übernommen hatte, kandidierte nicht mehr für eine weitere Amtszeit.
Nach einer wahren Marathonsitzung, die länger als 15 Stunden gedauert hat, stand dann fest, dass sich Top-Favorit Clemens Pig gegen seine acht Konkurrent:innen durchgesetzt hat. Damit wird der ehemalige APA-CEO ab 1. Jänner 2027 Chef des größten Medienunternehmen des Landes.
Neun Kandidat:innen im Hearing
Insgesamt stellten sich neun Kandidat:innen im Rahmen einer Sitzung des Stiftungsrats einem Hearing, um ihre Konzepte für die Zukunft des Senders zu präsentieren (LEADERSNET berichtete). Die Reihenfolge der Präsentationen wurde im Vorfeld per Los gezogen, wobei die ORF-III-Kogeschäftsführerin Kathrin Zierhut-Kunz das Hearing eröffnete. Neben ihr und Pig traten der ehemalige ServusTV-Chefredakteur Robert Altenburger, der frühere Puls4-Geschäftsführer Markus Breitenecker, der vormalige Hulu- und HBO-Manager Johannes Larcher, die Exxpress-Miteigentümerin Eva Schütz, die ORF-Magazinchefredakteurin Lisa Totzauer, die ehemalige ORF-Managerin Petra Höfer sowie die langjährige ORF-Journalistin Sonja Sagmeister an.
Das Prozedere sah vor, dass Bewerber:innen nur dann zur endgültigen Bestellung zugelassen werden, wenn sie von mindestens einem Mitglied des Stiftungsrats für das Hearing nominiert und vorgeschlagen werden. Laut den gesetzlichen Vorgaben ist bei der Auswahl der Kandidat:innen in erster Linie die fachliche Eignung zu berücksichtigen. Diese bemisst sich insbesondere an der facheinschlägigen Ausbildung, der Dauer und Art der Berufserfahrung sowie an besonderen Kenntnissen und Fähigkeiten im Zusammenhang mit der ausgeschriebenen Funktion.
Pig: "Ein ORF, dem Österreich vertraut"
Mit der Entscheidung des Stiftungsrats wechselt der ehemalige APA-Chef Clemens Pig, der seine Funktion bei der Nachrichtenagentur am Tag seiner Bewerbung zurückgelegt hatte, nun an die Spitze des größten österreichischen Medienunternehmens. Im Vorfeld kündigte Pig im LEADERSNET-Interview an, dass er den ORF als "demokratische Infrastruktur" verstehe und in einer Phase, in der der gesamte Medienmarkt unter Druck stehe, Verantwortung übernehmen wolle. Angesprochen auf medienpolitische Gerüchte um seine Person stellte er klar: "Ich war und bin durch und durch unabhängig – das ist mein Markenkern." Wer so lange an der Spitze der APA gestanden habe, könne sich dort nur halten, wenn man politisch absolut unabhängig und neutral agiere.
Sein veröffentlichtes Konzept für die Funktionsperiode von 2027 bis 2031 stellte Pig unter das Leitmotiv "Ein ORF, dem Österreich vertraut". Der öffentlich-rechtliche Rundfunk müsse sich in den kommenden Jahren nicht einfach kleiner, sondern klarer, effizienter und publizistisch unabhängiger aufstellen. Es gehe ihm um eine ruhige, verbindliche und umsetzungsorientierte Führung statt um Selbstdarstellung. Zudem betonte er, dass die Legitimierung des Hauses heute vor allem durch eine glaubwürdige Dienstleistungsorientierung für das Publikum erfolge, welches die zentrale Stellgröße für den ORF darstelle.
Ein wesentlicher Kernpunkt seines Programms umfasst die digitale Transformation sowie den Umgang mit Künstlicher Intelligenz (KI). Pig sieht hier beim ORF Nachholbedarf, insbesondere bei der Datenstrategie liege das Medienhaus im internationalen Vergleich im Mittelfeld. Er forderte eine gemeinsame "Plattformlogik", bei der Angebote wie ORF On, orf.at und die Landesstudios integriert gedacht werden. Im Bereich der KI plädiert er für eine transparente Governance. Während im "Upstream-Prozess" – also dem redaktionellen Schürfen, der Quellensuche und der Relevanzprüfung – die menschliche Kontrolle zwingend erhalten bleiben müsse, werde der "Downstream-Prozess" wie die Verarbeitung, Personalisierung und Auslieferung von Inhalten künftig hochgradig von KI durchgeführt werden. Daten dürften laut Pig jedoch nicht dazu genutzt werden, das Publikum in Aufmerksamkeits-Schleifen zu verhaften, sondern müssten programmliche Perspektiven öffnen.
Für den gesamten österreichischen Medienstandort strebt Pig eine Kultur der Kooperation anstelle von Kannibalisierung an. Da die eigentliche Herausforderung von globalen Plattformen ausgehe, müsse der ORF seine Infrastruktur und Innovationskraft im Sinne einer "Sharing Economy" fair und transparent in Partnerschaften einbringen. Für das interne Management fordert er eine gleichstellungsorientierte Unternehmenskultur sowie eine konsequente "Zero-Tolerance-Politik" bei Übergriffen und Diskriminierung jeglicher Form.
www.orf.at
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