Fotos Digital Skills Barometer-Präsentation
KI-Boom trifft in Österreich auf Kompetenzlücke

Künstliche Intelligenz verbreitet sich rasant – doch beim Verständnis besteht eine große Differenz zwischen Selbsteinschätzung und tatsächlichem Wissen. Der Wirtschaftsminister und die CEOs von Siemens, Microsoft und Cisco warnen vor Risiken für Innovation und Wettbewerbsfähigkeit.

Die Nutzung digitaler Technologien nimmt in Österreich weiter zu, doch beim Verständnis dafür besteht weiterhin erheblicher Nachholbedarf. Zu diesem Ergebnis kommt das Digital Skills Barometer 2025/26, das am Dienstag im Bundesministerium für Wirtschaft, Energie und Tourismus in Wien präsentiert wurde. Grundlage ist eine repräsentative Online-Befragung von 2.273 Personen zwischen 16 und 89 Jahren, darunter 1.522 Erwerbstätige.

Rasantes Tempo

Wirtschaftsminister Wolfgang Hattmannsdorfer eröffnete die Veranstaltung und nahm auch an der anschließenden Podiumsdiskussion teil. In seinem Eingangsstatement verwies er auf das rasante Tempo technologischer Entwicklungen – insbesondere im Bereich der Künstlichen Intelligenz.

"Gerade im Bereich der KI sehen wir derzeit eine enorme Dynamik. Bestes Beispiel hierfür ist ChatGPT, das binnen von gerade einmal zwei Monaten 100 Millionen neue Nutzer:innen erreicht hat. Dieses Tempo hat noch keine andere digitale Plattform vorgelegt. Zum Vergleich: Instagram hat dafür mehr als zwei Jahre gebraucht, Facebook sogar über vier Jahre", sagte Hattmannsdorfer. Das verdeutliche, welchem Tempo und welchem Wettbewerbsdruck Unternehmen und der Wirtschaftsstandort ausgesetzt seien – und wie wichtig es sei, dass auch Fachkräfte mit dieser Entwicklung Schritt halten können.

Große Lücke zwischen Einschätzung und Wissen

Die Ergebnisse des aktuellen Digital Skills Barometers zeigen eine deutliche Diskrepanz zwischen Selbstbild und tatsächlichen Kenntnissen. Während Befragte ihre digitalen Kompetenzen im Schnitt mit 63 Punkten bewerten, erreichen sie im Wissenscheck lediglich 35 Punkte. Das entspricht einer Überschätzung um rund 28 Punkte beziehungsweise etwa eineinhalb Kompetenzstufen.

Digitale Kompetenz als wirtschaftlicher Schlüssel

Für Markus Schaffhauser, Präsident des Vereins fit4internet, ist dieses Ergebnis ein deutlicher Hinweis auf strukturelle Herausforderungen. "Das Digital Skills Barometer zeigt sehr deutlich: Wir haben kein Technologie-, sondern ein Kompetenzproblem", sagte er.

Wenn die Nutzung von Künstlicher Intelligenz schneller wachse als das Verständnis für Cloud, Daten oder Cybersecurity, entstehe ein strukturelles Risiko für Unternehmen und den Standort. Digitale Kompetenz sei längst keine Zusatzqualifikation mehr, sondern eine wirtschaftliche Kernressource. Unternehmen, die hier nicht systematisch investierten, würden Innovationskraft, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit verlieren, so Schaffhauser.

Das sogenannte f4i-Paket setze genau bei diesen Engpässen an und solle Unternehmen praxisnahe Werkzeuge zur Messung und Entwicklung digitaler Kompetenzen bieten.

Der Wirtschaftsminister ordnete die Ergebnisse aus politischer Sicht ein: "Die internationale Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts entscheidet sich in Schlüsseltechnologien wie Künstlicher Intelligenz, Cloud, Data und Cybersecurity. Genau diese Zukunftsfelder adressieren wir mit unserer Industriestrategie 2035." Technologie allein reiche nicht – wir brauchen die Kompetenzen im Land, um Innovation, Produktivität und industrielle Wertschöpfung nachhaltig abzusichern. Deshalb stelle man jetzt die richtigen wirtschafts- und industriepolitischen Weichen, so Hattmannsdorfer.

KI und Cloud werden bereits breit genutzt

Die Studie zeigt zugleich, dass digitale Technologien im Alltag vieler Menschen bereits angekommen sind. Rund 51 Prozent der Online-Österreicher:innen nutzen KI-Anwendungen privat oder beruflich. Cloud-Technologien werden von rund 65 Prozent verwendet.

Bei datengetriebenen Anwendungen liegt die Nutzung jedoch deutlich niedriger: Nur etwa 23 Prozent geben an, entsprechende Tools regelmäßig einzusetzen.

Christoph Becker, Geschäftsführer des Enterprise Training Centers, sieht darin eine strukturelle Herausforderung: "Die KI-Nutzung wächst schneller als die dafür notwendige digitale Kompetenz."

Digitalisierung als Chance für den Standort

Vertreter:innen aus Industrie und Technologiebranche betonten bei der Präsentation die strategische Bedeutung digitaler Kompetenzen für die wirtschaftliche Entwicklung Österreichs.

Patricia Neumann, Generaldirektorin von Siemens Österreich und Vizepräsidentin der Industriellenvereinigung, war online zugeschaltet und erklärte, Digitalisierung biete für Österreich die Chance, im internationalen Wettbewerb eine Spitzenposition einzunehmen. Man müsse das Potenzial kluger Köpfe, wettbewerbsfähiger Unternehmen und industrienaher Anwendungen konsequent nutzen.

Auch Hermann Erlach, General Manager von Microsoft Österreich, hob hervor, dass Technologie allein nicht ausreiche. Sie schaffe zwar die Grundlage, doch erst mit den richtigen Fähigkeiten in der Gesellschaft und dem nötigen Vertrauen der Menschen könne Künstliche Intelligenz zu einem Motor für Innovation und nachhaltigen wirtschaftlichen Erfolg werden.

Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz im Blick

Die Studie untersucht auch, wie Beschäftigte die digitale Leistungsfähigkeit ihrer Unternehmen einschätzen. Nicht einmal jedes zweite Unternehmen wird von den eigenen Mitarbeiter:innen als digital wettbewerbsfähig beurteilt.

Ein ähnliches Bild zeigt sich bei der digitalen Resilienz: Nur knapp jedes zweite Unternehmen gilt aus Sicht der Beschäftigten als ausreichend widerstandsfähig gegenüber digitalen Herausforderungen.

Für Hans Greiner, Managing Director von Cisco Österreich, ist Digitalisierung deshalb längst zu einem zentralen Stabilitätsfaktor geworden. "Digitalisierung ist Sicherheits- und Resilienzgrundlage – sie entscheidet letztendlich, wie krisenfest Wertschöpfung, Lieferketten, öffentliche Services und kritische Infrastrukturen funktionieren."

Vier Gruppen im Umgang mit Digitalisierung

Das Digital Skills Barometer identifiziert zudem vier unterschiedliche Gruppen im Umgang mit digitalen Technologien. Rund 21 Prozent gelten als "Digital Leaders" mit überdurchschnittlichem Wissen und hoher Technologieaffinität. Die größte Gruppe bilden mit 39 Prozent die "Everyday Navigators", die sich digitale Kompetenzen vor allem im Alltag aneignen.

Weitere 28 Prozent zählen zu den "Digital Learners", während etwa zwölf Prozent als "Digital Starters" gelten und nur über sehr geringe digitale Kompetenzen verfügen.

Lernen vor allem im Alltag

Beim Erwerb digitaler Fähigkeiten dominieren informelle Lernwege. Besonders häufig nennen Beschäftigte "Learning by doing", Internetressourcen oder Unterstützung durch Kolleg:innen. Klassische Weiterbildungsangebote spielen hingegen eine deutlich geringere Rolle.

Vor diesem Hintergrund sehen Expert:innen einen klaren Handlungsbedarf: Ohne gezielte Investitionen in digitale Kompetenzen könnten Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit langfristig unter Druck geraten.

Die gesamte Pressekonferenz gibt es im Video unten zum Nachsehen.

LEADERSNET war bei der Präsentation. Fotos sehen Sie in unserer Galerie.

www.bmwet.gv.at

www.fit4internet.at

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