"Weichen stellen"
Neugewählte ORF-Chefin Ingrid Thurnher präsentierte Fahrplan für 2026

| Janet Teplik 
| 26.04.2026

Unter dem Arbeitstitel "Weichen stellen" will die neue Generaldirektorin das Vertrauen durch Transparenz zurückgewinnen und den Fokus auf eine "bedingungslose Publikumsorientierung" legen. Trotz interner Herausforderungen blickt der Sender dank Rekordquoten und bevorstehender Großereignisse wie der Fußball-WM und dem ESC 2026 optimistisch in die Zukunft.

Wie LEADERSNET erst kürzlich berichtete, wurde die bisherige Interims-Generaldirektorin Ingrid Thurnher mit 31 von 35 Stimmen vom ORF-Sitzungsrat offiziell an die Spitze des Öffentlich-Rechtlichen gewählt. Nun, am Freitag, dem 24. April 2026, präsentierte sie die Arbeits- und Programmschwerpunkte der kommenden Monate im Rahmen eines Pressegesprächs am ORF-Mediencampus. 

Weichen für die Zukunft stellen

"Gestern hat mich der Stiftungsrat zur Generaldirektorin des ORF bis Ende des Jahres gewählt. Für dieses Vertrauen danke ich. Ich nehme diese Aufgabe mit großem Respekt an: vor diesem Haus, vor den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und vor den Menschen in Österreich", so Thurnher. "Es gibt den ORF der Schlagzeilen der letzten Wochen. Und es gibt den ORF, den die Menschen jeden Tag erleben. Zum Ersten gehört die Pflicht zur Aufarbeitung. Klar, konsequent und ohne Ausweichen. Dafür haben wir Strukturen geschaffen."

Thurnher erklärte weiter, dass der Transparenz-Beirat bereits arbeite und erste Empfehlungen umgesetzt worden seien. Es gebe den ORF, dem das Publikum jeden Tag sein Vertrauen schenke. Wöchentlich würden 7,1 Millionen Menschen in Österreich zumindest ein ORF-Angebot nutzen. Zudem sagten 76 Prozent, dass die Mehrheit der Mitarbeiter:innen gute Arbeit leiste. Ihre Aufgabe sei es nun, beides zusammenzubringen: eine konsequente Aufarbeitung sowie eine verlässliche Auftragserfüllung. Dafür sei sie gewählt worden und dafür übernehme sie die Verantwortung. "Damit der ORF wieder mit seinem hervorragenden Programm in den Schlagzeilen ist und nicht mit den Themen der letzten Wochen. Mit den großen Programmevents, die bevorstehen – vom ESC 2026 über die Fußball-WM bis zum ORF-Kultursommer und vielem mehr –, werden wir zeigen, wofür der ORF steht: für das beste Programm aus Information, Kultur, Sport und Unterhaltung. Wir stellen jetzt die Weichen für die Zukunft des ORF", so die neue Generaldirektorin. 

Sechs strategische Schritte

In ihrem Konzept definiert die Generaldirektorin sechs strategische Weichenstellungen, die bis zum Ende des Jahres umgesetzt werden sollen. Ein zentrales Ziel ist es, Vertrauen durch Transparenz und Konsequenz zurückzugewinnen – das betrifft auch die nachhaltige Aufarbeitung aller offenen Compliance-Themen. Zudem soll die bedingungslose Publikumsorientierung im Fokus stehen, bei der die Bedürfnisse der Menschen den Mittelpunkt aller Programmvorhaben bilden. Darüber hinaus strebt Thurnher eine klare Positionierung des ORF an, um dessen Bedeutung für die nationale Identität, die Demokratie sowie für Wirtschaft und Kultur zu schärfen. Parallel dazu sollen moderne Programmrichtlinien für die Zukunft entwickelt werden. Im Bereich "Brand & Content" ist eine zielgruppenspezifische Ausrichtung der ORF-Marken und Inhalte vorgesehen, um schlussendlich ein Programm zu schaffen, das verbindet und auf allen Plattformen sowie in allen Genres Relevanz besitzt.

Bestwerte trotz herausfordernder Zeiten

Ungeachtet der aktuellen Herausforderungen verzeichnet der ORF eine ungebrochen hohe Nutzung seiner Radio-, TV- und Online-Angebote. Besonders die Fernsehsender starteten mit Marktanteilen von bis zu 40,4 Prozent (Februar) erfolgreich in das Jahr 2026. Mit einem Durchschnittswert von 37,4 Prozent im ersten Tertial steuert die Sendergruppe auf den besten Wert seit 2013 zu – und das noch vor den bevorstehenden Großereignissen wie dem ESC und der Fußball-WM. 

Starke Zahlen lieferte der ORF sowohl im TV als auch im Radio: Neben dem großen Interesse an Informationsschwerpunkten wie dem Iran (4 Mio. Nutzer:innen) oder der Regierungsbilanz (1,3 Mio. Zuseher:innen) markierten die Olympischen Winterspiele mit 6,1 Millionen Zuschauer:innen einen neuen Meilenstein. Im Radiobereich behauptet der ORF seine Marktführerschaft mit einem stabilen Marktanteil von 60 Prozent und einer täglichen Reichweite von 4,5 Millionen Hörer:innen.

Mit fast 148 Millionen monatlichen Besuchen auf ORF.at und Bestwerten bei der Videonutzung (677 Mio. Nutzungsminuten) war das erste Quartal 2026 laut dem Öffentlich-Rechtlichen zudem das erfolgreichste der Online-Geschichte. Rechnet man TV, Radio, Online und den Teletext zusammen, erzielt der ORF eine Gesamtreichweite, bei der jede Woche 7,1 Millionen Menschen – also knapp 91 Prozent der Bevölkerung ab 14 Jahren – mit den Inhalten des ORF in Kontakt kommen. 

Das Vertrauen des Publikums in den ORF ist laut einer aktuellen Blitzumfrage der Markt- und Meinungsforschung Integral vom April 2026 weiterhin auf einem hohen Niveau. Eine deutliche Mehrheit von 76 Prozent der Österreicher:innen bescheinigt den Mitarbeiter:innen des Senders eine gute Arbeit. Zudem wird die Rolle des Medienhauses als verlässliche Informationsquelle geschätzt: 65 Prozent der Befragten sehen im ORF einen Garanten für eine seriöse Berichterstattung.

Programmangebot der kommenden Monate

Vom 11. Juni bis 19. Juli überträgt der ORF als Rechteinhaber 52 der insgesamt 104 Spiele der Fußball-Weltmeisterschaft live. Das Programm umfasst rund 150 Stunden Live-Berichterstattung, darunter das Eröffnungsspiel Mexiko gegen Südafrika, die Gruppenspiele der österreichischen Nationalmannschaft gegen Jordanien und Algerien sowie die Finalphase ab dem Achtelfinale. Die weiteren 52 Partien, darunter die Begegnung Österreich gegen Argentinien, werden vom Sublizenznehmer ServusTV ausgestrahlt. Die Produktion findet primär am ORF-Mediencampus in Wien statt, wo auch das WM-Studio eingerichtet wird. Vor Ort in den Stadien und im Quartier des Nationalteams ist ein Team von etwa zehn Personen im Einsatz. Die Analyse der Spiele erfolgt durch Herbert Prohaska sowie Andreas Herzog und Peter Stöger. Wer noch als Expert:in aktiv sein wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht bekannt (Stand: 26. April 2026). 

Die ORF-Information verzeichnet angesichts der aktuellen Weltlage – etwa den Konflikten im Iran und in der Ukraine sowie den Wahlen in Ungarn – steigende Marktanteile. Das tägliche Nachrichtenangebot dient dabei als zentrale Informationsquelle für das heimische Publikum. Für die Jahresmitte ist zudem die Rückkehr der "Sommergespräche" als fixer Bestandteil der politischen Berichterstattung geplant.

Im Vorfeld des Eurovision Song Contest in der Wiener Stadthalle startet wiederum am 24. April die Begleitsendung "Wir sind Song Contest". Ein weiterer Programmschwerpunkt ist das Konzert zum 70-jährigen ESC-Jubiläum am 10. Mai, bei dem das ORF Radio-Symphonieorchester Wien unter Christian Kolonovits auftritt. Während der Finalwoche wird die multimediale Berichterstattung zentral aus einem Glasstudio am Rathausplatz gesteuert. Insgesamt sind über 100 Stunden Live-Programm vorgesehen, die neben der Eröffnungszeremonie auch die beiden Halbfinalshows sowie das große Finale umfassen.

Ausblick auf Sommer und Herbst

Der ORF bildet auch 2026 die kulturelle Vielfalt Österreichs ab, wobei jährlich über 1.000 Veranstaltungen redaktionell begleitet werden. Das Angebot reicht von Übertragungen in den Bereichen Oper, Konzert und Kabarett bis zu Künstlerporträts und kulturpolitischen Analysen. Für den Sommer 2026 sind mehr als 500 Programmstunden in Fernsehen und Radio für das nationale Kulturgeschehen reserviert. Der Radiosender Ö1 übernimmt dabei die Rolle des "Festspielsenders" mit über 150 Konzertproduktionen und Live-Übertragungen von mehr als 30 österreichischen Festivals.

Für die zweite Jahreshälfte sind mehrere programmliche Akzente geplant. In der Reihe "Universum" besucht Hermann Maier für die Folge "Meine Heimat" den Nationalpark Thayatal. Zudem zeigt der ORF das Dokudrama "Benko – Size does matter", mit  u. a. Thomas Stipsits, Patricia Aulitzky und Heino Ferch. Und im Mittelpunkt der ORF/ARD-Degeto-Thriller-Miniserie "Gnadenlos" (AT) steht die Polizistin Lea, die unter dem Verdacht, ihre Mutter ermordet zu haben, acht Jahre unschuldig im Gefängnis war. In den Hauptrollen sind – unter der Regie von Umut DağMartina Ebm, Laurence Rupp, Barbara Auer und Tobias Moretti zu sehen.

www.orf.at

Kommentar veröffentlichen

* Pflichtfelder.

leadersnet.TV