Nach dem Rücktritt von Roland Weißmann (LEADERSNET berichtete u.a. hier und hier) stellte der ORF-Stiftungsrat am Donnerstag die personellen Weichen für die Führung des öffentlich-rechtlichen Medienhauses bis Jahresende. Als klare Favoritin galt Ingrid Thurnher, die den ORF bereits in den vergangenen Wochen interimistisch geleitet hatte (LEADERSNET berichtete). Trotz insgesamt elf Bewerbungen (LEADERSNET berichtete) war sie die einzige Kandidatin, die zum Hearing eingeladen wurde. Überschattet wurde die Entscheidung zuvor von einer intensiven Debatte über die Causa Weißmann sowie von der Resolution des ORF-Redaktionsrats, der vier Stiftungsratsmitgliedern das Misstrauen ausgesprochen hat (LEADERSNET berichtete).
Generaldirektorin bis Ende 2026
Mit 31 von 35 Stimmen sicherte sich Thurnher eine breite Mehrheit für ihre Bestellung bis Jahresende – trotz einer Marathonsitzung von über sieben Stunden. Gegenwind kam nur von den FPÖ entsandten Stiftungsräten Peter Westenthaler, Christoph Urtz und Thomas Prantner, während Neos-Mann Alexander Zach der Sitzung fernblieb.
Zudem wurde beschlossen, dass der Wahltermin für die nächste ORF-Geschäftsführungsperiode ab 2027 nicht wie geplant am 11. August stattfindet, sondern bereits am 11. Juni. Die Vorverlegung wird mit der schwierigen Lage des ORF begründet. Man wolle schnell Klarheit über die künftige Spitze schaffen. Die Bewerbungsfrist startet mit der Ausschreibung in rund sieben Tagen.
Stiftungsrat verlangte mehr Transparenz in der Causa Weißmann
Noch vor der Wahl der künftigen ORF-Spitze stand die Affäre um den zurückgetretenen Ex-Generaldirektor im Mittelpunkt der Sitzung. Roland Weißmann war Anfang März nach Vorwürfen sexueller Belästigung durch eine ORF-Mitarbeiterin zurückgetreten, weist diese jedoch zurück und will sowohl gegen seine Kündigung als auch finanziell rechtlich vorgehen. Eine vom ORF mit externen Juristen durchgeführte Compliance-Prüfung kam zum Schluss, dass weder im strafrechtlichen Sinn noch nach dem Gleichbehandlungsgesetz sexuelle Belästigung vorliege. Ingrid Thurnher begründete die Kündigung dennoch damit, dass Führungskräfte auch jeden Anschein eines dem Unternehmen schadenden Fehlverhaltens vermeiden müssten.
Mit großer Mehrheit sprach sich der Stiftungsrat daher für Einsicht in den vollständigen Compliance-Bericht aus, nachdem den Mitgliedern bislang lediglich eine siebenseitige Zusammenfassung vorgelegen war. Auch Weißmann selbst hatte die Offenlegung gefordert. Zusätzlich verschärften Aussagen der Betroffenen, die die Ergebnisse der Untersuchung öffentlich infrage stellte, sowie Kritik der Gleichbehandlungsanwaltschaft die Debatte weiter. Letztere bezeichnete die Schlussfolgerungen der Überprüfung als fragwürdig und verwies darauf, dass eine interne Compliance-Stelle rechtlich gar nicht befugt sei, das Vorliegen sexueller Belästigung verbindlich zu beurteilen.
Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer bezog in der ZIB 13:00 ebenfalls deutliche Stellung und sagte: "Ich bin auch wirklich entsetzt – genauso wie die Generaldirektorin – welche Obszönitäten, welche Unfassbarkeiten hier einer Mitarbeiterin des ORF über einen langen Zeitraum angetan wurden."
Redaktionsrat ortet tiefe Krise im ORF
Zusätzlichen Druck auf die Sitzung erzeugte eine Resolution des ORF-Redaktionsrats, der vier Mitgliedern des Stiftungsrats das Misstrauen ausgesprochen hat. Konkret handelt es sich dabei um den Vorsitzenden Heinz Lederer und dessen Stellvertreter Gregor Schütze, sowie Peter Westenthaler sowie Thomas Prantner. Aus Sicht des Gremiums ist die Causa Weißmann dabei nur ein Teil einer umfassenderen Krise innerhalb des ORF.
Als Gründe nennt der Redaktionsrat unter anderem Debatten über millionenschwere Abfertigungen, teils auffallend hohe Sonderverträge und Gehälter, Vorwürfe unangemessenen Verhaltens auf Führungsebene sowie interne Machtkämpfe und Rechtsstreitigkeiten. Auch offene Fragen zu Altverträgen, etwa zu Pensionsregelungen für frühere Spitzenmanager, verschärften die Diskussion zusätzlich. Insgesamt zeichnet das Gremium damit das Bild eines Hauses, das nicht nur personell, sondern auch strukturell massiv unter Druck steht.
Aktuelle Stunde
Am selben Tag der Stiftungsratssitzung und der Interimswahl fand im Parlament eine "Aktuelle Stunde" zur ORF-Krise statt, die von der FPÖ mit scharfer Kritik an Medienminister Andreas Babler beantragt wurde. Die Freiheitlichen sprachen von "Drogen, Mobbing, Gagenexzessen" und politischen Verflechtungen im ORF, warfen Babler mangelnde Aufklärung vor und forderten tiefgreifende Reformen. Babler hielt dagegen, er könne nicht in den unabhängigen ORF "hineinregieren", nehme die Vorwürfe aber sehr ernst und kündigte für den Herbst einen breit angelegten Reformprozess an.
Die ÖVP verlangte volle Transparenz, eine externe Untersuchung und strukturelle Änderungen bei Unternehmenskultur, Gehaltssystem und Compliance. Zugleich sprach sie sich für eine vorgezogene Wahl der Generaldirektion aus, um mit einer unbelasteten neuen Führung Vertrauen zurückzugewinnen. Der ORF müsse verbessert, nicht zerstört werden und als wichtige Säule der Medien-, Kultur- und Kreativlandschaft erhalten bleiben.
Die SPÖ wiederum betonte, dass vor allem Machtmissbrauch, Sexismus und Belästigung konsequent aufgearbeitet werden müssten, und warf der FPÖ vor, diese Aspekte auszublenden. Der ORF sei eine zentrale Säule der Medienfreiheit und müsse gestärkt werden; auch die Mitarbeiter:innen wurden gegen pauschale Angriffe in Schutz genommen.
Die NEOS unterstützten zwar den Ruf nach Reformen, lehnten aber eine Schwächung des ORF ab, forderten eine neue Führungskultur und die Abschaffung des parteipolitisch geprägten Stiftungsrats zugunsten eines schlanken Aufsichtsrats; die vorgezogene Generaldirektionswahl sehen sie kritisch.
Die Grünen verlangten letztlich ebenfalls lückenlose Aufklärung, einen Bruch mit der bisherigen Führungskultur und eine Stärkung des ORF als demokratische Institution. Gleichzeitig warfen sie sowohl der FPÖ als auch der Bundesregierung parteipolitische Einflussnahme vor und kritisierten Babler dafür, die vom Verfassungsgerichtshof geforderte Entpolitisierung nicht umgesetzt zu haben. Einig waren sich damit alle Fraktionen beim Ruf nach Aufklärung und Reformen, uneinig blieben sie beim Weg dorthin.
Die gesamte "Aktuelle Stunde" können Sie hier ansehen.
www.orf.at
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