LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Bernkopf, im Jahr 2025 wurden laut den am Montag veröffentlichten vorläufigen Ergebnissen von Statistik Austria Waren im Wert von 190,14 Milliarden Euro exportiert, um 0,5 Prozent weniger als im Jahr davor. Wie beurteilen Sie diese Performance?
Helmut Bernkopf: Die Situation für die heimischen Exportunternehmen ist zweifelsohne sehr herausfordernd: Am heimischen Wirtschaftsstandort stellen die hohen Lohn- und Energiekosten sowie die Bürokratie eine Belastung dar. Im internationalen Geschäft sind es die bekannten handels- und geopolitischen Konflikte sowie die anhaltende Konjunkturschwäche in Europa. Hinzu kommt der enorme Konkurrenzdruck, insbesondere durch Anbieter aus China. Wenn man sich das vor Augen hält, ist der Rückgang von 0,5 Prozent ein sehr beachtliches Ergebnis und ein Beleg für die hohe Resilienz der heimischen Exportwirtschaft.
LEADERSNET: Gibt es langsam wieder Anzeichen für einen Aufschwung? Was sind Ihre Erwartungen für 2026?
Bernkopf: Meine Erwartungen für 2026 sind grundsätzlich positiv, und es war auch schon im Dezember mit einem Exportplus von 6,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr wieder mehr Dynamik zu verzeichnen. Es gibt wieder mehr Anlass zu Optimismus, von den guten Kompromissen bei Lohnabschlüssen, über die langsam wieder anziehende Konjunktur in Europa, hin zu wichtigen Maßnahmen, die sowohl auf nationaler als auch europäischer Ebene auf Schiene gebracht worden sind. Gerade die abgeschlossenen Handelsabkommen mit den Mercosur-Staaten und Indien können wichtige Impulse liefern. Das alles steht natürlich unter dem Vorbehalt, dass der Krieg im Iran nicht noch viele Wochen bzw. Monate andauert und der Nahostkonflikt weiter eskaliert. Das hätte schwerwiegende Auswirkungen und würde den Konjunkturaufschwung wieder bremsen.
LEADERSNET: Inwieweit kann die OeKB einen Beitrag dazu leisten, damit Österreichs Exportwirtschaft wieder auf den Wachstumspfad zurückkehrt?
Bernkopf: Dazu will ich grundsätzlich einmal mehr betonen: Die Exportunternehmen sind zunehmend gefordert, ihre Absatzmärkte breiter zu diversifizieren, um am Wachstum in dynamischen Schwellen- und Entwicklungsländern besser partizipieren zu können. Da der Eintritt in diese Märkte teilweise mit höheren wirtschaftlichen und politischen Risiken verbunden ist, stellen die Exportgarantien des Bundes eine wichtige Unterstützungsmöglichkeit dar. Seit einigen Jahren agieren wir in der OeKB aber auch zunehmend proaktiv und als Trade Creator. So sprechen wir beispielsweise direkt ausländische Generalunternehmer an und positionieren die österreichischen Exportsektoren sowie unsere Absicherungs- und Finanzierungslösungen gezielt dort, wo es wichtig ist. Und mit unseren "Shopping Lines" für den Einkauf von Waren und Dienstleistungen aus Österreich erleichtern wir gerade auch KMU den Zugang zu neuen Wachstumsmärkten und großen Projekten. Mit dieser aktiven Marktbearbeitung waren wir 2025 sehr erfolgreich, und das werden wir 2026 konsequent fortsetzen.
LEADERSNET: Bietet die OeKB auch in der Ukraine Unterstützungsmöglichkeiten an und kann das ein Wachstumsmarkt für Österreich werden?
Bernkopf: In der Ukraine stehen im Rahmen des normalen Ausfuhrförderungsverfahrens seit Oktober 2022 Absicherungsmöglichkeiten für Geschäfte im Privatsektor zur Verfügung. Bis zum Jahresende 2025 wurden insgesamt mehr als 150 Einzelgeschäfte mit einem Gesamtvolumen von rd. 30 Mio. Euro mit Exportgarantien abgesichert. Die Geschäftschancen beim Wiederaufbau der Ukraine, der hoffentlich in nicht mehr allzu ferner Zukunft liegt, sind jedenfalls immens – die Weltbank beziffert das Investitionspotenzial mit 587 Mrd. Dollar. Hier haben das Bundesministerium für Finanzen (BMF) und die OeKB mit einer speziellen risikodotierten Ukraine-Fazilität bereits die Voraussetzungen geschaffen, dass österreichische Exportunternehmen am Wiederaufbau der Ukraine noch besser partizipieren können. Und in Österreich verfügen wir gerade auch im Bereich der Verkehrs- und Energieinfrastruktur, der Wasseraufbereitung oder im Bausektor über Unternehmen, die international zur absoluten Spitze zählen.
LEADERSNET: Zum Abschluss noch eine Frage zum Wirtschaftsstandort– wie nehmen Sie die Lage im Inland wahr?
Bernkopf: Das Bild war im abgelaufenen Geschäftsjahr ähnlich wie in 2024: Während wir bei unseren Liquiditätsprodukten wieder eine sehr gute Nachfrage verzeichnet haben, war bei den Investitionen auch aufgrund des unsicheren Ausblicks weiterhin eine Zurückhaltung spürbar. Das ist im Hinblick auf die mittel- bis langfristige Realisierung von Produktivitäts- und Innovationspotenzialen keine gute Entwicklung, und auch beim Ausbau der erneuerbaren Energien wäre mehr Dynamik überaus wichtig. Deshalb haben wir gemeinsam mit dem BMF unsere Unterstützungsmöglichkeiten in den letzten Monaten weiter optimiert und gezielte Wachstumsimpulse gesetzt. Beispielsweise haben wir die Möglichkeiten unserer attraktiven Finanzierungen mittels der Exportinvest auf Unternehmensgründungen und -übernahmen sowie zuletzt auch auf Energieversorgungsunternehmen für den Netzausbau ausgeweitet. Auch im KMU-Bereich haben wir Impulse gesetzt.
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