KI-Kolumne von Jürgen Bogner
Die gefährlichste Frage in jedem KI-Strategiegespräch: "Welches Tool soll ich kaufen?"

| Redaktion 
| 24.02.2026

Im Rahmen unserer KI-Serie, bei der KI-Profi Jürgen Bogner (CEO & Gründer von biteme.digital) regelmäßig einen Beitrag rund um das Thema Künstliche Intelligenz verfasst, erfahren LEADERSNET-Leser:innen dieses Mal, warum nicht das richtige Tool über den Erfolg entscheidet – sondern die Fähigkeit, KI als Produktionssystem zu orchestrieren.

Wahre Geschichte: Letzte Woche hatte ich einen Call mit einer Agentur. Kreativ, schnell, selbstbewusst. Und genau deshalb gefährlich. Werbe- und Kreativagenturen (natürlich nicht alle!!!) denken oft, sie hätten KI "eh verstanden", weil sie besonders viel ausprobieren. Sie klicken sich durch fünf Tools, bauen drei hübsche Demos – und glauben dann, das Thema sei erledigt.

Spoiler: Genau da beginnt das Problem.

Ich sitze in einem Kundencall und sehe es schon kommen: Augenrollen. Hände über dem Kopf. Dieses demonstrative "Bitte verschon mich"-Theater, sobald ich nicht sofort den einen Tool-Namen ausspucke, der alle Probleme wegzaubert.
Und dann kommt er, der Satz, der jedes KI-Projekt zuverlässig an die Wand fährt: "Kannst du uns nicht einfach sagen, welches Tool wir kaufen sollen?"
Ganz ehrlich? Was mich daran stört, ist nicht die Frage. Es ist die Haltung dahinter: KI als Einkaufszettel. Als "Wir holen uns jetzt ein Tool und dann läuft's"-Mentalität.

Spoiler: So funktioniert kein einziges ernstzunehmendes KI-Setup. Und genau deshalb scheitern immer noch viele Unternehmen nicht an der Technologie – sondern an ihrem Tool-Denken.

Tool-Denken ist der neue Faxgerät-Reflex

Im Gespräch war das Muster glasklar: "Wir arbeiten mit Perplexity", "wir sind auf Gemini", "wir haben Firefly", "wir nutzen ein PM-Tool mit KI"… und daraus entsteht dann die Erwartung: Dann fehlt uns nur noch das richtige Tool für Moodbilder, Präsentationen, Videos – und zack, 50 Stunden werden 10.

Das klingt logisch. Ist es aber nicht.

Weil diese Logik so tut, als wäre KI ein Feature. Dabei ist KI längst etwas anderes: ein Produktionssystem. Eine neue Art, Arbeit zu zerlegen, zu iterieren und gemeinsam mit Maschinen zu bauen.

Und genau da kippt es. Denn wer nur Tools sammelt, sammelt keine Produktivität – er sammelt Fragmentierung.

"Zeig's mir live" ist kein Misstrauen – es ist ein Symptom

Der zweite Klassiker in diesem Call: "Ich will's in echt sehen, wie du das machst…"

Ich verstehe das menschlich total. Nur: In Unternehmen ist dieser Wunsch oft kein "Zeig mir die UI", sondern ein unbewusstes Eingeständnis: Du hast keinen Prozess, dem du vertraust. Also klammerst du dich an eine Oberfläche.

Wenn du keinen stabilen Ablauf hast, dann brauchst du etwas Sichtbares. Einen Button. Ein Tool. Eine Demo. Irgendwas, das sich nach Kontrolle anfühlt.

Aber KI belohnt keine Kontrolle. KI belohnt Klarheit. Und Klarheit entsteht nicht im Tool – sie entsteht im Workflow.

Und bitte: Hör auf, "mein Setup" nachbauen zu wollen. Das ist maßgeschneidert.

Für dich sieht's langweilig aus. Vielleicht sogar chaotisch. Für manche zu technisch. Für viele garantiert zu unsexy. Aber für mich ist es brutal effizient. Warum? Weil ich nicht Tools sammle – ich orchestriere Arbeit.

Wer 2026 noch Tool-Listen sucht, baut keine Maschine – er baut Ausreden

Hier kommt der Punkt, den viele Führungskräfte 2026 immer noch nicht wahrhaben wollen: Agentische Workflows sind nicht "noch ein Tool". Sie sind der Wechsel vom Arbeiten in Apps zum Orchestrieren von Arbeit.

  • OpenAI positioniert die Responses API explizit als Basis, um mit einem Call mehrstufige Agentenabläufe inkl. Tool-Nutzung aufzusetzen.
  • Microsoft spricht in Copilot Studio längst von autonomous agents, die ohne Dauer-Prompting längere Prozesse ausführen (Trigger, Actions, Guardrails).
  • Anthropic beschreibt "computer use" als Agent-Loop: Modell fordert Aktionen an, System führt aus, Modell entscheidet weiter.
  • Und McKinsey nennt das Kind beim Namen: Die nächste Organisationsform ist "agentic" – mit Orchestrierung als Kernkompetenz.
  • Selbst IBM muss es erklären, weil es plötzlich alle betrifft: Agentic Workflows = Agents, die entscheiden, handeln und koordinieren.

Das ist die Realität. Nicht „"welches Tool für Moodbilder".

Iteration schlägt Genius – jedes Mal

Im Meeting kam eine Aussage (von mir), die ich am liebsten in Gold drucken würde: "…im Summe neun Modelle… zwei unterschiedliche Modelle allein für Text, damit sie sich gegenseitig iterieren."

Das ist der Kern.

KI ist kein Orakel. KI ist ein Team aus Spezialisten. Und Teams gewinnen nicht, weil einer "genial" ist, sondern weil sie Feedback-Loops haben.

Wer heute noch glaubt, ein einzelnes Modell oder ein einzelnes Tool liefert "die Wahrheit", hat 2026 verschlafen.

Die moderne Wertschöpfung sieht so aus:

  1. Recherche-Agent sammelt Material (Quellen, Cases, Branchenlogik)
  2. Strategie-Agent baut Argumentationsbogen + POV
  3. Kreativ-Agent generiert Varianten (Mood, Headlines, Claims)
  4. Redaktions-Agent macht Tonalität & Konsistenz
  5. Quality-Agent killt Halluzinationen, checkt Quellen, prüft CI
  6. Human-in-the-loop trifft Entscheidungen, gibt Feedback, schärft nach

Das ist kollaboratives Arbeiten – nur halt mit Maschinen im Raum.

Der echte Hebel heißt Prozess – und er ist brutal unsexy

Lass mich eines klarstellen: KI skaliert keine Unordnung. Sie skaliert nur Klarheit.

Wenn du heute 50 Stunden in eine Präsentation steckst, ist das selten "weil die Leute zu langsam sind", sondern weil:

  • Briefings schwammig sind
  • Entscheidungen spät kommen
  • Materialien verteilt liegen
  • CI-Regeln im Kopf einzelner Menschen wohnen
  • Feedback in E-Mails verrottet

KI kann das beschleunigen. Aber nur, wenn du vorher den Mut hast, den Prozess zu entlarven.

Der Ausweg: 5 Moves, die Tool-Jäger zu Workflow-Bauern machen

  1. Outcome definieren, nicht Tool auswählen: Nicht "Wir brauchen ein Tool für Moodbilder", sondern: "Wir wollen 10 Pitch-Visuals in 48 Stunden, CI-konform, mit nachvollziehbarer Quellenlage."
  2. Prozess mappen: Wo entsteht Wert, wo entsteht Müll?: Ein Whiteboard reicht. Markier: Übergaben, Freigaben, Schleifen, Datenquellen.
  3. Kontext ist dein Kapital: Wenn deine KI nicht liefern soll wie ein Praktikant, braucht sie Kontextpakete: Brandbook, Beispiele, No-Gos, Zielgruppen, Cases. (Und ja: das ist Arbeit. Aber es ist die einzige, die zählt.)
  4. Automatisier nicht die Aufgabe – automatisier die Übergabe: Die meisten Stunden sterben nicht im "Erstellen", sondern im "Suchen / Abstimmen / Nachfragen".
  5. Agenten nur dort, wo Entscheidungen wiederholbar sind: Alles, was Kreativität und Führung braucht, bleibt beim Menschen. Alles, was Fleiß und Konsistenz braucht, bekommt einen Agenten. (Und bitte: mit Guardrails.)

Die Moral: KI ist kein Tool. KI ist ein Test deiner Führung.

Das Meeting war anstrengend, ja. Aber es war auch lehrreich. Weil es ein Problem zeigt, das immer noch durch Österreichs Chefetagen läuft: Viele wollen KI – aber sie wollen sie wie Software einkaufen.

KI ist aber keine Software. KI ist ein Spiegel.

Sie zeigt dir gnadenlos:

  • wie unklar deine Prozesse sind,
  • wie schlecht dein Kontext organisiert ist,
  • wie sehr deine Organisation an Einzelpersonen hängt,
  • wie wenig iteratives Arbeiten kulturell verankert ist.

Und jetzt kommt der unbequeme Schluss: Wenn du weiterhin Tool-Fragen stellst, bekommst du Tool-Antworten – und Tool-Ergebnisse.

Wenn du anfängst, Workflows zu bauen, bekommst du etwas viel Wertvolleres: ein System, das liefert. Wiederholbar. Skalierbar. Und ohne Augenrollen.

www.ahoi.biteme.digital


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