Herr Münzer, auf EU-Ebene wird aktuell diskutiert, Sojaöl als "High ILUC Risk"-Rohstoff einzustufen. Worum geht es dabei konkret?
Ewald-Marco Münzer: Die Europäische Union möchte indirekte Landnutzungsänderungen – sogenannte iLUC-Effekte – reduzieren. Dabei geht es um den Schutz von Wäldern, Mooren und anderen kohlenstoffreichen Flächen. Dieses Ziel unterstützen wir natürlich. Allein die Methodik hat doch erhebliche Schwächen. Kritisch sehen wir beispielsweise die geplante pauschale Einstufung von Sojaöl als Hochrisiko-Rohstoff im Rahmen der Renewable Energy Directive (RED).
Warum lehnen Sie diese pauschale Einstufung ab?
Münzer: Weil sie zu kurz greift. Nicht jede Sojalieferkette ist automatisch klimaschädlich. Im Gegenteil. Eine generelle Klassifizierung wird der Realität nachhaltiger Produktions- und Wertschöpfungsketten nicht gerecht. Gerade in Europa gibt es differenzierte, nachvollziehbare und nachhaltige Ansätze.
Unser Standpunkt ist klar: Wer erneuerbare Energie ausbauen will, muss den Rohstoff dafür anbauen oder ihn in eigenen Systemen gezielt sammeln. Ohne Biomasse wird die Energiewende nicht funktionieren.
Welche Auswirkungen hätte eine solche Einstufung aus Ihrer Sicht?
Münzer: Diese künstlich erschwerten Rahmenbedingungen, erschweren zudem die europäische Produktion und zwingen diese in jene Regionen, die man durch diese Regelung ausschließen wollte. Somit wird das Problem, das man lösen wollte, zum Bumerang und zum doppelt negativen Effekt: die Landwirtschaft wird geschädigt und in jene Länder verdrängt, in denen es zu klimaschädlichem Anbau kommt.
Zusätzlich würde sie Investitionssicherheit und Planungssicherheit erheblich beeinträchtigen. Unternehmen entlang der Wertschöpfungskette brauchen stabile, faktenbasierte Rahmenbedingungen. Wenn Rohstoffe ohne differenzierte Prüfung pauschal als Hochrisiko eingestuft werden, sendet das ein problematisches Signal an den Markt – gerade in einer Phase, in der enorme Investitionen in erneuerbare Kraftstoffe notwendig sind.
Sie sprechen von einer differenzierten Betrachtung. Was meinen Sie damit konkret?
Münzer: Wir plädieren für eine Bewertung entlang konkreter Produktions- und Lieferketten – nicht für eine globale Betrachtung eines Rohstoffs. Besonders wichtig ist die Anerkennung von Nebenprodukten aus dem Eiweißpflanzenanbau sowie aus der landwirtschaftlichen Kreislaufwirtschaft. Die energetische Nutzung solcher Nebenprodukte ersetzt fossile Energie und reduziert Emissionen. Sie sollte daher konsequent als Beitrag zu den Klimazielen anerkannt und nicht regulatorisch erschwert werden.
Sehen Sie darin einen Konflikt mit der EU-Proteinstrategie?
Münzer: Genau. Die Proteinstrategie des Europäischen Parlaments zielt darauf ab, die Importabhängigkeit zu verringern, den Sojaanbau in der EU zu stärken, regionale Wertschöpfungsketten auszubauen und erneuerbare Energie aus Biomasse zu fördern.
Außerdem wird klar festgehalten, dass gezielt Maßnahmen gesetzt werden, um die Eigenversorgung mit regionalen, heimischen Eiweißpflanzen wie Soja weiter auszubauen, um diese für den Ausbau der Biomasse und der Erzeugung erneuerbarer Energie zu verwenden.
Erlöse aus den Märkten für erneuerbare Energien sind für die wirtschaftliche Tragfähigkeit der EU-Verarbeitungsanlagen von entscheidender Bedeutung. Der Wegfall dieses Absatzmarktes würde die Verarbeitungskapazitäten in der EU schwächen, die Wettbewerbsfähigkeit des Sojaanbaus in der EU verringern und die Abhängigkeit von Sojaschrotimporten aus Drittländern erhöhen – und damit den Zielen der Proteinstrategie direkt widersprechen.
Wie ordnen Sie diese Diskussion im Kontext des EU-Klimaziels 2040 ein?
Münzer: Die EU-Mitgliedstaaten haben sich auf eine Reduktion der Treibhausgasemissionen um bis zu 90 Prozent gegenüber 1990 geeinigt. Das ist ambitioniert – und richtig so. Aber solche Ziele lassen sich nur mit technologieoffenen und faktenbasierten Rahmenbedingungen erreichen.
Wir brauchen einen breiten Ansatz, der unterschiedliche nachhaltige Rohstoffpfade objektiv bewertet. Wenn wir einzelne Optionen vorschnell ausschließen, verengen wir den Handlungsspielraum und gefährden das Erreichen der Klimaziele.
Was fordern Sie konkret von der Politik?
Münzer: Erstens: eine differenzierte, sachliche Bewertung statt pauschaler Einstufungen.
Zweitens: die klare Anerkennung der energetischen Kreislaufnutzung landwirtschaftlicher Nebenprodukte als strategischen Bestandteil der Energie- und Agrarpolitik.
Drittens: Planungssicherheit für Unternehmen, die in nachhaltige Technologien investieren.
Regulatorische Hürden für die Nutzung organischer Reststoffe sollten abgebaut und nicht verschärft werden.
Abschließend: Wie positioniert sich Münzer in dieser Debatte?
Münzer: Wir stehen klar hinter ambitionierten Klimazielen. Als Produzent nachhaltiger, abfall- und reststoffbasierter Biokraftstoffe verstehen wir uns als Teil der Lösung. Entscheidend ist jedoch, dass politische Instrumente differenziert und faktenbasiert ausgestaltet werden. Nur so können Klimaschutz, Versorgungssicherheit und wirtschaftliche Stabilität gemeinsam erreicht werden.
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