wiiw-Prognose
Osteuropa bleibt wichtiger Wachstumsmarkt für Österreich

| Redaktion 
| 04.02.2026

Die aktuelle Winterprognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche zeigt, dass die Volkswirtschaften in dieser Region auch 2026 eine solide Konjunkturentwicklung erwarten lassen.

Die aktuelle Winterprognose des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) für 23 Länder in Mittel-, Ost- und Südosteuropa sieht auch für 2026 eine solide wirtschaftliche Entwicklung voraus, obwohl strukturelle Schwächen, steigende Kosten in der Industrie und geopolitische Unsicherheiten die Dynamik dämpfen könnten.

Struktureller Wandel im regionalen Wirtschaftsmodell

Das bisher vorherrschende Modell einer exportgetriebenen Expansion verliert an Tempo. Richard Grieveson, stellvertretender Direktor des wiiw und Hauptautor der Winterprognose, erklärt: "Haupttreiber des Wachstums war dort bisher der private Konsum infolge starker Reallohnsteigerungen. Dieser verliert an Dynamik, womit die Investitionen privater Firmen und der öffentlichen Hand an Bedeutung gewinnen." Gleichzeitig warnt Grieveson, dass die Wettbewerbsfähigkeit der exportorientierten Industrie in Ostmitteleuropa durch stark gestiegene Lohnstückkosten unter Druck geraten ist. "Angesichts des starken Verlusts an Wettbewerbsfähigkeit in Ostmitteleuropas exportorientierter Industrie aufgrund stark gestiegener Lohnstückkosten steht das bisherige Erfolgsmodell als verlängerte Werkbank westlicher Konzerne zur Disposition. Investitionen in mehr Produktivität sind daher dringend notwendig", so der Experte. 

Ein weiterer Aspekt sei, dass Impulse für die Wirtschaft nur dann zu erwarten seien, wenn Produktion und Beschaffung von Verteidigungsgütern stärker lokal verankert würden, statt auf Importe aus Drittstaaten zu setzen.

Spitzenreiter beim Wachstum

Für das Jahr 2026 erwartet das Wiener Institut für die EU-Mitgliedstaaten der Region ein durchschnittliches Wirtschaftswachstum von 2,6 Prozent. Damit bleibt die Prognose unverändert gegenüber der Einschätzung vom Herbst. Auch 2027 dürfte sich das Wachstum mit 2,7 Prozent auf einem ähnlich hohen Niveau bewegen. Im Vergleich zur Herbstprognose bedeutet dies jedoch eine leichte Aufwärtskorrektur um 0,2 Prozentpunkte. Insgesamt könnten diese Länder somit sowohl 2026 als auch 2027, trotz bestehender Herausforderungen, nahezu doppelt so stark wachsen wie die Eurozone, für die lediglich 1,4 Prozent beziehungsweise 1,5 Prozent prognostiziert werden.

Als Wachstumsmotor unter den östlichen EU-Mitgliedern gilt erneut Polen: Das Land dürfte 2026 um 3,7 Prozent und 2027 um 3,2 Prozent zulegen. Dahinter folgen Litauen mit einem erwarteten Plus von 3,0 Prozent im Jahr 2026 sowie Kroatien mit 2,8 Prozent. In Ungarn, wo im April eine richtungsweisende Parlamentswahl bevorsteht, die Premier Viktor Orbán das Amt kosten könnte, wird nach der wirtschaftlichen Stagnation des Vorjahres wieder mit einem Aufschwung gerechnet (2026: 2,2 Prozent; 2027: 2,5 Prozent).

Auch die sechs Länder des Westbalkans dürften vergleichsweise dynamisch expandieren, mit Wachstumsraten von 3,1 Prozent im Jahr 2026 und 3,5 Prozent im Jahr 2027. Für Serbien wurde die Prognose allerdings aufgrund der anhaltenden Proteste nach unten angepasst. Positive Aussichten bestehen zudem für die Türkei, deren Wirtschaft laut wiiw heuer um 3,9 Prozent und im kommenden Jahr sogar um 4,4 Prozent wachsen könnte.

Kennzahlen 2024-2025 und wiiw-Prognose 2026-2028 © wiiw

Risiken durch Handel und Sicherheit

Die Prognose hebt die Bedeutung externer Faktoren für die Wirtschaftsleistung hervor. Grieveson weist auf mögliche negative Effekte hin, sollten die USA weitere Zölle auf europäische Importe verhängen: "Die direkten Handelsströme zwischen den USA und Ostmitteleuropa sind zwar überschaubar, über eine niedrigere US-Nachfrage nach europäischen Industrieprodukten durch weitere Zölle auf Importe aus der EU könnte die Region aber indirekt mit nach unten gezogen werden, da sie stark mit der Industrie Westeuropas verwoben ist", so Grieveson. Zudem betont er, dass fehlende Sicherheitsgarantien für die Ukraine Investor:innen abschrecken könnten und dies in der Folge zu einer Destabilisierung der Region führen würde.

Olga Pindyuk, Ukraine-Expertin des wiiw, unterstreicht den Einfluss von Sicherheitsfragen auf die wirtschaftliche Perspektive ihres Landes: "Für die wirtschaftliche Erholung und den Wiederaufbau wird alles davon abhängen, ob der Westen der Ukraine glaubwürdige Sicherheitsgarantien gewähren wird, oder nicht." Sie betont weiter, dass ohne solche Garantien der Wiederaufbau und private Investitionen in der Ukraine ausbleiben könnten.

Russlands anhaltende Schwäche

Für Russland, das sich weiterhin in einer Phase sehr geringer Expansion befindet, macht der Russland-Experte des wiiw, Vasily Astrov, hohe Zinsen und niedrige Investitionen verantwortlich. "Hauptverantwortlich für die aktuelle Wirtschaftsflaute in Russland sind die nach wie vor sehr hohen Leitzinsen der russischen Zentralbank von aktuell 16 Prozent, die Kredite teuer machen und damit die Wirtschaft abwürgen", so Astrov. Der Experte verweist zudem auf die Herausforderungen durch niedrige Ölpreise und internationale Sanktionen, die die Investitionstätigkeit und damit die wirtschaftliche Entwicklung belasten.

Chancen für österreichische Unternehmen

Die Region bleibt laut den Expert:innen ein wichtiger Handels- und Wirtschaftsraum für Österreich. Die Exporte von Österreich in die Länder Mittel-, Ost- und Südosteuropas legten 2025 zu, während die österreichischen Gesamtexporte zurückgingen. Dies unterstreiche die Bedeutung der Region für die heimische Konjunktur.

"Österreichische Unternehmen dürften davon profitieren, dass durch die höheren Arbeitskosten und den Arbeitskräftemangel in der Region die Notwendigkeit von Investitionen in die Automatisierung der Fertigung steigt. Das sind Bereiche, in denen sie traditionell stark sind", sagt Doris Hanzl-Weiß, Expertin für Österreichs Wirtschaftsbeziehungen mit Mittel-, Ost- und Südosteuropa am wiiw. Sie weist zudem darauf hin, dass österreichische Baufirmen und Anbieter von Infrastruktur-Technologien gut positioniert sind, etwa im Wohn- und Straßenbau oder bei Wasser- und Energieinfrastrukturprojekten.

Qualitativ gesehen gibt es also weiterhin große Chancen für die heimische Wirtschaft in Osteuropa, so die Expert:innen abschließend.

www.wiiw.ac.at

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