LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Tencl, die Bundesregierung hat unlängst ihre neue Industriestrategie Österreich 2035 präsentiert – mit dem Ziel, den Produktionsstandort international wettbewerbsfähig und resilient zu machen. Welche Bedeutung hat dabei aus Ihrer Sicht eine starke heimische Industrie im Mobilitäts- und Technologiesektor?
Robert Tencl: Die heimische Industrie ist in einem kleinen Land wie Österreich in einem hohen Maße vom Export abhängig. Das trifft auf den Mobilitätssektor, und hier speziell auf die Eisenbahnindustrie, umso mehr zu. In den Branchen Mobilität und Technologie passiert im Ausland sehr viel. 95 Prozent unserer Produkte werden aus Österreich exportiert. Um hier am globalen Markt mithalten zu können, muss unsere Industrie stark sein. Und das ist sie auch.
LEADERSNET: Die Industriestrategie setzt stark auf Innovation, Automatisierung und Schlüsseltechnologien. Wo sehen Sie aus Sicht eines international tätigen Industrieunternehmens aktuell den größten Hebel, um Made in Austria technologisch und wirtschaftlich weiter nach vorn zu bringen?
Tencl: Aus Sicht eines international tätigen Industrieunternehmens liegt der größte Hebel für "Made in Austria" ganz klar in der Verbindung von technologischer Exzellenz, klaren industriepolitischen Prioritäten und industrieller Umsetzungskraft.
Wir brauchen den Mut, Schwerpunkte zu setzen – nicht alles gleichzeitig zu fördern, sondern gezielt jene Bereiche zu stärken, in denen Österreich bereits heute stark ist und global eine Führungsrolle übernehmen kann. Für mich ist klar: Die industrielle Zukunft ist dekarbonisiert, elektrifiziert und digitalisiert. "Technologieoffenheit" darf kein Ausweichbegriff sein – wir müssen wissen, wohin wir wollen.
Ein zentraler Hebel ist die Automatisierung und Digitalisierung der Produktion. Wer langfristig wettbewerbsfähig bleiben will, muss Fertigungstiefe, Effizienz und Qualität intelligent kombinieren. Investitionen in moderne, energieeffiziente Werke, Industrie-4.0-Prozesse und Produktionsintelligenz sichern nicht nur Kostenführerschaft, sondern auch Know-how und Wertschöpfung im Land.
Gleichzeitig entscheidet Innovation entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Forschung über Entwicklung bis zur Serienfertigung. Zukunft entsteht nicht allein im Labor, sondern dort, wo Technologie skalierbar, langlebig und marktfähig wird. Unsere Erfahrung zeigt: Langfristig robuste Produkte, Systemintegration und nachhaltige Lösungen sind der Schlüssel für globale Wettbewerbsfähigkeit.
Und schließlich braucht es die richtigen Menschen: Fachkräfte, technische Ausbildung, internationale Talente und eine Kultur, die Unternehmertum, Leistung und Optimismus fördert. Wir brauchen wieder mehr junge Menschen, die sich für Technik (Stichwort Stärkung der MINT-Studien) begeistern. Industrie ist kein Auslaufmodell – sie ist die Basis für Wohlstand, Klimaschutz und technologische Souveränität.
Wenn wir Technologie, Talent und klare strategische Entscheidungen zusammenbringen, kann "Made in Austria" nicht nur mithalten – sondern weltweit Maßstäbe setzen.
LEADERSNET: Ein zentrales Ziel der Strategie ist es, Investitionen wirksam zu machen und gleichzeitig Resilienz aufzubauen. Was braucht es Ihrer Meinung nach, damit industrielle Investitionen in Österreich nicht nur angekündigt, sondern auch nachhaltig wirksam und planbar umgesetzt werden können?
Tencl: Es braucht wieder mehr unternehmerische Zuversicht und ein grundsätzliches Vertrauen der Unternehmen in die Politik und in die Stärke der eigenen Technologien. Wir haben in Österreich zahlreiche "Hidden-Champions" in unterschiedlichen Branchen, etwa der Erneuerbaren Energien oder der Pharmabranche. Hier gilt es, sich auf die eigenen Stärken zu konzentrieren und mit viel Mut und Zuversicht, aber auch dem Verlassen der eigenen Komfortzone, neue Märkte zu erschließen.
LEADERSNET: Österreich soll laut Industriestrategie zur Modellregion für automatisierte und innovative Mobilitätslösungen werden, inklusive realer Testumgebungen. Welche Rolle spielen solche Innovationsräume aus Sicht der Industrie, und wo sehen Sie aktuell noch Hürden zwischen Entwicklung, Test und industrieller Skalierung?
Tencl: Innovationsräume sind aus meiner Sicht essenziell für die technologische Weiterentwicklung unserer Stärken, unserer Produkte und Innovationen. Sie ermöglichen, in einer "geschützten" Umgebung Neues auszuprobieren und herauszufinden, was funktioniert und was nicht. Im Bereich Forschung und Entwicklung sind wir prinzipiell in Österreich hervorragend aufgestellt. Hier gilt es, ausländischen Expert:innen vermehrt den Zugang zum österreichischen Arbeitsmarkt zu ermöglichen und ausreichend Kapazitäten für das Testen bereitzustellen. Diesbezüglich halte ich es für sehr positiv, dass im Bereich der Bahnindustrie ein modernes Schienenfahrzeugtest- und Kompetenzzentrum angedacht ist.
LEADERSNET: Österreich verfügt über zahlreiche international erfolgreiche Industrieunternehmen. Wie wichtig ist ein starker Heimmarkt, etwa durch verlässliche Rahmenbedingungen, Beschaffung oder Testinfrastruktur, um technologische Führerschaft und Wertschöpfung langfristig im Land zu halten?
Tencl: Ein starker Heimmarkt ist für erfolgreiche Unternehmen unerlässlich. Hier kommt man einfacher mit seinen Produkten in den Markt, hier kann man Referenzen aufbauen und zeigen, was man kann. Deshalb ist es umso wichtiger, hier mit gezielten Investitionsanreizen, Kooperationen zwischen der öffentlichen Hand und den Firmen und gezielten Kunden-Lieferanten-Partnerschaften ein grundlegendes Verständnis aller Stakeholder zu schaffen. Ein neues Selbstbewusstsein bei öffentlichen Beschaffungen nach Vorbild anderer Staaten und verpflichtende europäische Wertschöpfung ("Buy European") nach Muster des amerikanischen "Buy America Act" oder des indischen "Make-in-India" wäre hier meiner Meinung nach einer der wichtigsten Hebel. Hier muss das Bestbieter-Prinzip im Vordergrund stehen und nicht das Billigstbieter-Prinzip.
LEADERSNET: Die Industriestrategie sieht gezielte Investitionen in Forschungs-, Test- und Kompetenzzentren vor. Welche Bedeutung haben solche Infrastrukturen aus Ihrer Sicht für Innovationsgeschwindigkeit, Zulassungsprozesse und die internationale Wettbewerbsfähigkeit österreichischer Industriebetriebe?
Tencl: All diese Maßnahmen sind enorm wichtig in einer Zeit, wo Geschwindigkeit im Entwicklungsprozess und die Schaffung der Marktreife von technologischen Produkten eine entscheidende Bedeutung haben. Chinesische und indische Unternehmen verfügen über enorme personelle Ressourcen und über Arbeitszeiten mit 12-Stunden-Arbeitstagen und einer 6-Tage-Woche. Mit diesen Entwicklungsressourcen müssen wir Schritt halten können. Das schaffen wir nur, wenn die österreichische Industrie mit dieser Entwicklungsgeschwindigkeit mithalten kann. Die in der Industriestrategie genannten Punkte sind diesbezüglich durchaus hilfreich.
LEADERSNET: Mit Blick auf steigende Energie-, Arbeits- und Bürokratiekosten steht der Industriestandort Österreich unter Druck. Wo braucht es aus Ihrer Sicht jetzt besonders rasche und mutige industriepolitische Entscheidungen, damit Österreich auch künftig ein attraktiver Produktions- und Innovationsstandort bleibt?
Tencl: Die oft zitierte Entbürokratisierung muss endlich umgesetzt werden. Einige Anzeichen dafür, etwa bei Berichtspflichten (Stichwort Nachhaltigkeitsbericht) oder dem Lieferkettengesetz, gibt es ja bereits. Andererseits kommen neue Anforderungen auf die Unternehmen zu, wie zum Beispiel die NIS2-Richtlinie, das Energieeffizienzgesetz oder das Entgelt-Transparenz-Gesetz. So nachvollziehbar diese Regulierungen auch sein mögen, hier gilt es die Berichtspflichten für die Unternehmen auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Im Bereich der Energiekosten muss endlich das Merit-Order-System infrage gestellt werden. Es kann meiner Meinung nach nicht sein, dass ein Land wie Österreich jährlich mit 80 Prozent der Strommenge aus erneuerbaren Technologien versorgt wird, dieser Strom aber zum Preis von fossiler Energie auf den Markt kommt. Zu guter Letzt müssen die kommenden Lohnverhandlungen mit Augenmaß geführt werden. Ein Abrücken vom jahrzehntelangen Dogma, die Unternehmen müssen in den Löhnen die Inflation abgelten, würde dem Industriestandort Österreich guttun.
LEADERSNET: Vielen Dank.
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