LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Reiner, sehr geehrter Herr Blümel, Sie haben die Geschäftsführung von Essecca in einer Phase starker technologischer und gesellschaftlicher Veränderungen übernommen. Was sind aus Ihrer Sicht die wichtigsten strategischen Prioritäten für die kommenden drei bis fünf Jahre?
Michael Reiner: Wir sehen uns als innovative, proaktive Gestalter des Marktes. Mitschwimmen und Reagieren war noch nie unser Ansatz. So gesehen bringen wir ein gutes Rüstzeug für volatile Zeiten mit, da Entwicklung immer mit Veränderung in Verbindung steht. Unternehmen, die agil geführt werden, können in solchen Phasen in Regel gut performen. Dennoch braucht es Strategien, Strukturen, Planung und eine gut eingespielte Crew, um sicher durch stürmische Zeiten zu navigieren. Ein wesentlicher Faktor wird daher das Enablement unserer Führungskräfte sein. Wir wollen mit ihnen gemeinsam das Unternehmen gestalten, um eine vom gesamten Team getragene Kultur zu etablieren. Dabei bekommen unsere Führungskräfte Unterstützung durch Coaching, das sie je nach Bedarf in Anspruch nehmen können.
Alexander Blümel: Im Zentrum unserer Prioritäten werden wie bisher unsere Kund:innen und deren Bedürfnisse stehen. Wir sehen einen klaren Trend, dass vor allem große Organisationen entlang des gesamten Customer Life Cycle immer mehr Servicebedarf benötigen, da deren IT-Landschaften und die damit verbundenen Sicherheitsanforderungen immer komplexer werden. In diesem Zusammenhang sehen wir großes Potenzial in unserer Softwarelösung disecca, die Überblick in der Gebäudesicherheit schafft. Weiters werden wir uns auf die Effizienzsteigerung und Digitalisierung der Serviceleistungen konzentrieren, um das Servicevolumen zu erhöhen. Um unsere Kund:innen bei der Abwicklung komplexer Projekte begleiten zu können, werden wir unsere Generalunternehmerleistungen noch weiter standardisieren.
LEADERSNET: Essecca wurde von Ihrem Vorgänger stark innovationsgetrieben positioniert. In welchen Bereichen möchten Sie diesen Weg konsequent fortsetzen – und wo setzen Sie bewusst neue Akzente?
Reiner: An unserem Innovationsdrang wird sich auch zukünftig nichts ändern, ganz im Gegenteil. Wir hatten als David, der gegen Goliaths kämpft – also als mittelständisches österreichisches Unternehmen, das mit internationalen Großkonzernen konkurriert – immer einen gewissen Vorteil, was unsere Flexibilität anbelangt. Auch die Nähe zum Markt und flache Hierarchien, die individuelle Lösungen auf kurzen Wegen ermöglichen, haben uns mit vielen Kund:innen zusammengebracht, die man eher bei den großen Anbietern vermuten würde.
Blümel: Auch und vielleicht gerade weil das Potenzial in unserem Markt ungebrochen hoch ist, sehen wir, dass dieser härter umkämpft wird und wir in vielen Bereichen den Preiskampf weder mitmachen können noch wollen. Deshalb müssen wir unsere Qualitätsmerkmale noch stärker positionieren und unsere Marktbearbeitungsstrategie feiner abstimmen. Strategische Exzellenz wird zukünftig also mindestens genauso wichtig sein wie technologische Marktführerschaft. Konkret bedeutet dies, dass wir mit gezielten Lösungen, die weit über die Zutrittskontrolle hinausgehend Branchenlösungen anbieten werden. Um ein paar Stichworte zu nennen, technologisch wird es verstärkt um Themen wie KI-gestützte Videoüberwachung, Integration von IoT & Physical Security (PSIM/PSaaS) und Predictive Security & Datenanalyse gehen.
LEADERSNET: Die Digitalisierung von Gebäuden schreitet rasant voran. Welche Rolle soll Essecca künftig im Zusammenspiel von Zutrittskontrolle, Gebäudemanagement, IoT und KI einnehmen?
Reiner: Das können wir nur bestätigen. Der Markt entwickelt sich immer mehr hin zu softwaregetriebenen, vernetzten Systemen und begleitenden digitalen Services. Etwa Systeme zur Videoüberwachung oder Zutrittskontrolle nutzen KI zunehmend zur Analyse von Verhaltensmustern und zur Reduktion von Fehlalarmen. Sicherheitslösungen werden verstärkt in die Cloud verlagert, IoT, Edge Sensorik und vernetzte Geräte ("Smart Sensors") gewinnen an Bedeutung – auch in Gebäuden und infrastrukturellen Umgebungen. Sicherheitstechnik rückt näher an das Gebäudemanagement, Energieeffizienz und Komfort sind ein Bestandteil eines Gesamtgebäudesystems.
Blümel: Da sich diese Entwicklung bereits vor einigen Jahren abgezeichnet hat, sind wir mit unserer Softwarelösung disecca einen Schritt voraus. Die Software schließt Systemlücken im Gebäudebetrieb, eröffnet damit ungeahnte Möglichkeiten im digitalen Gebäude- und Facility-Management und stellt eine wertvolle technologische Ressource für unsere Kund:innen und Geschäftspartner:innen dar.
LEADERSNET: Cloud-Lösungen, mobile Credentials und biometrische Systeme gewinnen weiter an Bedeutung. Wie stellen Sie sicher, dass technologische Innovation, Datenschutz und DSGVO-Konformität auch künftig im Einklang bleiben?
Reiner: Innovationen wie Cloud, mobile Credentials und Biometrie sind kein Widerspruch zum Datenschutz – im Gegenteil. Wenn Datenschutz als Qualitätsmerkmal verstanden und strategisch verankert wird. Alle unserer Systeme entsprechen und erfüllen die DSGVO-Konformität. Um das sicherzustellen, arbeiten wir nach folgenden Grundsätzen:
- Privacy by Design & Privacy by Default – Datenschutz wird von Anfang an in die Systemarchitektur integriert – nicht nachträglich. Ein Beispiel in diesem Zusammenhang ist Datensparsamkeit, es werden nur wirklich notwendige Daten erfasst.
- Transparente und sichere Datenverarbeitung – Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, sowohl bei Speicherung als auch Übertragung. Etwa klare klare Trennung von Identitäts- und Bewegungsdaten und die Nutzung von europäischen oder DSGVO-konformen Cloud-Infrastrukturen.
- Minimierung biometrischer Risiken – wie Speicherung biometrischer Templates statt Rohdaten und Einsatz biometrischer Verfahren nur dort, wo sie echten Sicherheits- oder Komfortgewinn bringen.
- Kontinuierliche Compliance statt einmaliger Prüfung – damit DSGVO-Konformität kein statischer Zustand bleibt. Dazu gehören regelmäßige Datenschutz-Folgenabschätzungen, die laufende Überprüfung neuer Funktionen und enge Zusammenarbeit zwischen Entwicklung, IT-Sicherheit, Datenschutzbeauftragten und Kund:innen.
- Klare Governance und Schulung – mit verbindlichen Richtlinien für Entwicklung, Betrieb und Partner:innen.
- Nutzerkontrolle und Vertrauen – weil sich langfristig sich nur Technologie durchsetzt, der Nutzer:innen vertrauen.
LEADERSNET: Essecca ist in sensiblen Bereichen wie Bildung, Gesundheitswesen und Industrie stark vertreten. Welche Branchen sehen Sie künftig als besondere Wachstumstreiber – und warum?
Blümel: Generell verzeichnet der österreichische Markt für Sicherheitstechnik ein robustes Wachstum. Dabei sind nicht immer Bedrohungsszenarien das einzige Argument, auch Komfort und die vielfältigen Integrationsmöglichkeiten unterstützen die Digitalisierungsbestrebungen in zahlreichen Branchen. Der öffentliche Sektor und die kritische Infrastruktur sind nach wie vor ein starker Treiber, hier spielen Cybersicherheitsbedrohungen und strenger regulatorischer Anforderungen wie NIS2 und DORA eine wesentliche Rolle. Zusätzlich zu diesen Branchen sehen wir ein großes Potenzial im gewerblichen Bereich und der Industrie sowie in Hotellerie und Wohnbau. Generell sehen wir aufgrund der wirtschaftlichen Situation in Österreich einen extremen Trend weg vom Neubau und hin zur Modernisierung, gerade in etablierten Gebäuden mit mechanischer Sicherheitstechnik.
LEADERSNET: Maßgeschneiderte Lösungen statt Standardprodukte gelten als klares Markenzeichen von Essecca. Wie wollen Sie diese hohe Individualisierung auch bei weiterem Wachstum organisatorisch und wirtschaftlich sicherstellen?
Reiner: Eine hohe Individualisierung bei gleichzeitigem Wachstum ist in der Sicherheitstechnik anspruchsvoll, aber gut beherrschbar, wenn Organisation, Prozesse und Geschäftsmodell konsequent darauf ausgerichtet werden. Entscheidend ist: Individualisierung darf nicht jedes Mal bei null beginnen, sondern muss systematisiert werden. Modularisierung ist Teil der Lösung, also Baukastensysteme mit konfigurierbaren Modulen, aus denen Varianten durch Kombination und nicht durch Neuentwicklung entstehen. Darüber hinaus unterstützen standardisierte Anforderungsprofile – wie Branchenlösungen, Bedrohungsszenarien, Schutzniveaus, Zonenkonzepte etc. – eine Umsetzung definierter Lösungsarchitekturen. Wichtig ist dabei, dass unsere Kund:innen Individualität erleben, während intern standardisierte Prozesse bei Angebotsstrukturen, Kalkulationslogiken oder hinsichtlich der Projektplanung laufen.
LEADERSNET: Als neue Doppelspitze bringen Sie jeweils eigene Erfahrungen und Führungsstile mit. Wie gestalten Sie die Zusammenarbeit in der Geschäftsführung und welche gemeinsamen Werte sind Ihnen besonders wichtig?
Blümel: Aufgrund der langjährigen Zusammenarbeit kennt jeder die Stärken und die weniger ausgeprägten Rollen des anderen. Durch unsere unterschiedlichen Kompetenzen ergänzen wir uns perfekt und bringen gemeinsam alle Voraussetzungen mit, um das Unternehmen erfolgreich in die Zukunft zu führen. Dementsprechend gibt es auch eine optimale Aufteilung der Bereiche. Michael Reiner ist für Vermarktung, Innovation und Technik – einschließlich der Software-Entwicklung – zuständig. Mit einer technischen Ausbildung und über 20 Jahren Branchenerfahrung war er vor seiner Ernennung zum Geschäftsführer in unterschiedlichen Leitungsfunktionen bei Essecca tätig.
Reiner: Alexander Blümel hingegen leitet die Bereiche Finanzen, Personal, das operative Geschäft und die Verwaltung. Mit einer kaufmännischen Ausbildung und über 25 Jahre Erfahrung im Projektmanagement sowie mehrjähriger Expertise im Business Controlling und Key-Account-Management werden alle kaufmännischen und operativen Agenden optimal abgedeckt. Für uns beide ist eine offene, transparente, faire und leistungsorientierte Kultur essenziell. Um diese Kultur weiter zu stärken, haben wir wie eingangs erwähnt ein Entwicklungsprogramm für unsere Führungskräfte gestartet, das durch eine externe Person begleitet wird. Das Ziel dieses Entwicklungsprogramms ist im ersten Schritt, die Führungskräfte weiterzuentwickeln und eine breite leistungsorientierte Kultur zu schaffen.
LEADERSNET: Der Erfolg von Essecca basiert maßgeblich auf qualifizierten und engagierten Mitarbeiter:innen. Welche Maßnahmen planen Sie, um Talente zu gewinnen, zu entwickeln und langfristig im Unternehmen zu halten?
Blümel: Wir haben ein umfangreiches Employer Branding Programm in Leben gerufen, mit dem wir neue und engagierte Mitarbeiter:innen finden und bestehende Mitarbeiter:innen an das Unternehmen binden. Mit diesem Employer Branding Programm ist eine langfristige Marketing- und HR-Strategie verbunden, die es uns ermöglicht hat, die Arbeitgebermarke von Essecca gezielt aufzubauen und zu stärken, sowohl intern als auch extern. Wir werden als regionaler Arbeitgeber geschätzt, der Themen wie Onboarding, gezielte Entwicklungsprogramme, Möglichkeiten zu Weiterbildung und Teambuilding sehr ernst nimmt. Viele neue Kolleg:innen geben uns das Feedback, dass wir das sehr professionell machen und sie sich von Anfang an gut aufgehoben fühlen. Auch wird von allen geschätzt, dass wir in vielen Bereichen die Professionalität einen Konzerns haben, ohne die oft damit verbundenen Nachteile wie Überadministration, starre Hierarchen und Vorgaben.
LEADERSNET: Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Ressourcenschonung spielen für Kunden eine immer größere Rolle. Wie kann Essecca mit intelligenten Sicherheitslösungen konkret zu diesen Zielen beitragen?
Reiner: Sicherheitstechniklösungen können heute deutlich mehr als "nur schützen". Richtig konzipiert, werden sie zu einem aktiven Hebel für Nachhaltigkeit, Energieeffizienz und Ressourcenschonung – und damit zu einem echten Mehrwert für Kund:innen. Entscheidend ist, Sicherheit systemisch zu denken und mit Gebäude-Betriebs- und Energiekonzepten zu verzahnen. So werden über die Präsenzlogik in der Zutrittskontrolle Räume nur dann betrieben, wenn sie tatsächlich genutzt werden. Intelligente Video- und Sensorsysteme ermöglichen die Transformation von Dauerüberwachung zu Ereignislogik und werden durch KI-gestützte Videoanalyse nur bei relevanten Ereignissen aktiviert. Das führt zu geringerem Stromverbrauch, reduzierten Datenmengen und einer längeren Lebensdauer der Hardware. Personalressourcen können effizienter eingesetzt werden, indem zum Beispiel HR- und ERP-Systeme automatisiert Daten an Sicherheitssysteme übergeben, um Berechtigungen ohne zusätzlichen administrativen Aufwand anzulegen. Besucher:innen- und Veranstaltungsmanagement, Raumbuchung und alle damit verbundenen Berechtigungen im Gebäude werden über intelligente Sicherheitssysteme zusammengeführt. Und das sind nur ein paar Beispiele, davon gibt es viele weitere.
LEADERSNET: Abschließend ein persönlicher Blick nach vorne: Woran möchten Sie beide in fünf Jahren gemessen werden, wenn man auf Ihre Zeit als Geschäftsführer von Essecca zurückblickt?
Blümel: Als Geschäftsführer wollen wir nicht mehr nur an Umsatz und Gewinn gemessen werden, sondern auch an anderen Faktoren wie Kundenzufriedenheit, Zukunftsfähigkeit und Führungskompetenz. Dazu gehört, dass unsere Mitarbeiter:innen gerne und lange bei uns arbeiten, unsere Eigentümer mit der Wertentwicklung des Unternehmens zufrieden sind und wir die Möglichkeit bekommen, unsere Kund:innen langfristig zu begleiten und weiterzuentwickeln. Wir werden den Marktanteil bei neuen Zielgruppen ausgebaut haben und unsere Technologiepartner werden unsere Referenzen als internationale Best Practices präsentieren.
www.essecca.at
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