"Die Zukunft der Verwaltung ist digital"

Smart City Expert und Consultant, Alanus von Radecki, im Interview über das Projekt "Brise Vienna", das die Verwaltung des Bauverfahrens der Stadt Wien revolutionieren soll.

Das Digitalisierungs-Projekt Brise (Building Regulations Information for Submission Envolvement) zielt darauf ab, die Verwaltung der Stadt Wien und so das Leben von Bürgerinnen und Bürger zu verbessern. In Wien als "Stadt der kurzen Wege" werden sich Behörden-Angelegenheiten schneller und effizienter abwickeln lassen. Der Inhaber von Smart City Expert und Consultant, Alanus von Radecki, gibt im Interview mit LEADERSNET Einblick in digitale und analoge Beteiligungsprozesse, welche die demokratische, serviceorientierte Weiterentwicklung zu einer modernen, nachhaltigen Verwaltung sichern.

LEADERSNET: Was ist das Ziel des Digitalisierungs-Projekts Brise?

Radecki: BRISE Vienna zielt darauf ab, den Bauantrags- und Genehmigungsprozess in Wien stark zu beschleunigen und zu vereinfachen. Dies wird umgesetzt mit einer Reihe von neuen digitalen Technologien, wie z.B. Künstliche Intelligenz (KI), Building Information Modelling (BIM) oder Augmented Reality (AR). Im Ergebnis steht eine neue Art der Verwaltungsdienstleistung, die sich an dem Potenzial neuster Technologien orientiert.

LEADERSNET: Was macht eine "Smart City" aus?

Radecki: Eine Smart City nutzt Daten, um das Leben Ihrer Einwohner zu verbessern. Der heutigen, wie der zukünftigen Generationen. Indem viele Prozesse in einer Stadt digitalisiert werden, können ganz neue Dienste angeboten werden, wie beispielsweise On-Demand-Shuttle-Services oder Apps zur Beteiligung von Bürgern. Wichtig ist aber immer, dass Daten und Technologie nur ein Werkzeug bleiben und das Gestaltungsziel aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger bedacht wird.

LEADERSNET: Welche Maßstäbe werden von Brise für die Baueinreichung und Baugenehmigung gesetzt?

Radecki: Die intelligente Kombination von neuen Technologien sorgt dafür, dass der Baueinreichungs- und Baugenehmigungsprozess in Zukunft doppelt so schnell ablaufen wird wie bisher. Das bedeutet eine enorme Einsparung an Zeit und Ressourcen auf allen Seiten. Gleichzeit zeigt Brise aber auch auf, wie wichtig es ist, nicht einfach einen bestehenden Prozess digital nachzubauen, sondern den gesamten Prozess neu zu denken und mit dem Potenzial digitaler Technologien an jedem Schritt neu zu hinterfragen. Hierbei ist in Brise Vienna die "Vision vom idealen Prozess" entstanden. Ein Dokument, das Technologien und Nutzer entlang des Antrags- und Genehmigungsprozesses miteinander verknüpft. Somit setzt Brise auch Maßstäbe für die Digitalisierung von Verwaltungsprozessen unabhängig von der spezifischen Domäne.

© PID/Schaub-Walzer
Brise Vienna Projektbild © PID/Schaub-Walzer

LEADERSNET: In wie fern "bremsen" hohe soziale, architektonische und ökologische Ansprüche bei Neubauten den Prozess der Baueinreichungen?

Radecki: Dies ist heute vor allem dort der Fall, wo sehr spezielle Regeln beachtet werden müssen, oder ausgefallene Konzepte hinsichtlich Gebäudenutzung, Architektur oder Technologien realisiert werden sollen. Bisher bedeutete dies, dass sich der Sachbearbeiter der Baupolizei tief in die Materie einarbeiten musste, um eine fundierte Entscheidung hinsichtlich der Genehmigung zu treffen. Zumindest ein Teil dieses Prozesses kann in Zukunft digital unterstützt werden. KI-basierte Algorithmen finden rasch heraus, ob Regularien existieren, die der Planung entgegenstehen, oder ob das eingereichte Gebäudemodell in Konflikt mit dem steht, was baulich auf dem Grundstück möglich ist. Dies vereinfacht den Entscheidungsprozess enorm, da der Sachbearbeiter alle Informationen vorprozessiert erhält und nur die kritischen Punkte selbst überprüfen muss.

LEADERSNET: In wie fern kann Brise auch in anderen Verwaltungsbereichen und in anderen europäischen Städten wirksam werden? Bzw. in wie fern übernimmt Wien hier eine Vorreiter-Rolle?

Radecki: Das prinzipielle Vorgehen aus Brise kann für eine Vielzahl an Verwaltungsprozessen als Blaupause dienen – etwa die Fahrzeuganmeldung, die Verwaltung städtischer Gebäude oder die Optimierung von Ver- und Entsorgungsprozessen in der Stadt. Die spezifische Technologiezusammensetzung, das Vorgehen im Detail und die Instrumente und Tools sind allerdings jeweils spezifisch zu wählen. Hier müssen Eingangs entsprechend intelligente Fragen gestellt werden: Auf welche digitale ID muss zugegriffen werden? Auf welchen Standards baue ich auf? Benötige ich wirklich maschinelles Lernen? Etc. Für die Übertragung der Ergebnisse von Brise in andere europäische Städte greift ein ähnliches Prinzip: das generelle Setting und der Tech-Stack können als Blaupause gut genutzt werden – für die lokale Adaption müssen aber neue Systeme trainiert und andere Regularien übernommen werden.

LEADERSNET: Wofür werden die Fördermittel der EU-Initiative "Urban Innovative Actions" von rund 4,8 Millionen Euro konkret eingesetzt?

Radecki: Mit den EU-Fördermitteln wird die Entwicklung und Erprobung eines funktionierenden Prototypen der digitalen Baugenehmigung finanziert. Dabei müssen Wissenschaftler, Planer, spezialisierte Unternehmen und Verwaltungsmitarbeiter kontinuierlich eng miteinander kooperieren. Es ist selten, dass eine Stadtverwaltung die treibende Kraft hinter einem neuen Produkt ist. In Brise Vienna ist dies der Fall.

LEADERSNET: Welcher ist der erste Schritt für das Digitalisierungsprojekt Brise?

Radecki: Ein wichtiger erster Schritt war das Strategiedokument, das die "Vision des idealen Prozesses" beschrieb und eine neue Perspektive auf einen bestehenden Prozess innerhalb der Stadtverwaltung formulierte.
Die Stadt hatte die Ambition, so viele Vorteile wie möglich durch "echte Digitalisierung" zu erzielen, anstatt den bestehenden Prozess einfach in den digitalen Bereich zu übertragen. Um dies zu erreichen, ging Wien nicht vom Ist-Prozess aus, sondern betrachtete das Gesamtsystem aus der Perspektive der verschiedenen Stakeholder, die innerhalb des Prozesses interagieren müssen: der Bauherr, der Planer, der Gutachter, die städtischen Mitarbeiter, die Bürger usw.

Indem sie ihre Perspektive auf den Prozess der Genehmigung eines neuen Gebäudes in Wien in elf Anwendungsfällen formulierten, wurde ein schlanker und integrierter Prozess geschaffen, der nun als Blaupause für alle am Brise-Vienna-Projekt beteiligten Parteien dient. Er leitet alle Aktionen und bindet die Arbeitspakete zusammen. Gleichzeitig dient er als zentrales Referenzdokument für die Entwicklung des digitalen Werkzeugs mit individuellen, auf die Beteiligten zugeschnittenen Schnittstellen.

LEADERSNET: Welchen Stellenwert hat Digitalisierung Ihres Erachtens in Bezug auf das Thema "Verwaltung" in Zukunft?

Radecki: Die Zukunft von Verwaltung ist digital. Wir werden sehen, dass zunehmend Prozesse und Verwaltungsinstrumente digitalisiert werden. Mittlerweile sind Bürgerinnen und Bürgern durch die großen digitalen Plattformen im privaten und beruflichen Kontext stark auf Digitalisierung ausgerichtet und erwarten von Ihrer Verwaltung, dass möglichst alle Behördengänge und Interaktionen mit der Verwaltung digital geschehen. Gleichzeitig sparen digitale Prozesse viele Ressourcen in der Verwaltung und ermöglichen es den Zuständigen, viel effizienter zu arbeiten.

Hinzu kommt: nicht zuletzt für Unternehmen und hochqualifizierte Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern ist die digitale Verwaltung auch zunehmend ein Standortvorteil. Wer in wenigen Tagen digital ein Unternehmen anmelden kann und seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern einfachen Zugang zu Kindergartenplätzen, Freizeitangeboten und erschwinglichem Wohnraum bieten kann, dem fällt die Standortentscheidung leicht. (sk)

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