"Lasst uns Max Schrems weniger feiern"

Magenta Telekom-CEO Andreas Bierwirth im LEADERSNET-Interview über das Thema Datenschutz, die "Sturzgeburt der Digitalisierung" und der Rückfall ins kleinstaatliche Denken.

LEADERSNET: Sie haben beim Digitalisierungstalk von Accenture in Alpbach von einer "Sturzgeburt der Digitalisierung" gesprochen. Finden Sie, dass diese "Sturzgeburt" gut und notwendig war?

Bierwirth: Ich halte sie für wirklich gut. Insbesondere beim Thema Arbeiten – Stichwort Home Office – hat sich das neue, digitale Arbeiten so durchgesetzt, dass jeder sieht, dass es funktioniert. Ich denke, dass das sehr wichtig ist. Früher gab es viele Chefs, die gesagt haben: "Ich muss meine Mitarbeiter sehen, ich muss sie kontrollieren können." Ich denke, das hat sich ein wenig gelegt. Von daher erwarte ich auch Post-Corona – was hoffentlich bald sein wird – dass wir eine gute Mixtur aus "realem Arbeiten", wo man kreativ ist, wo diskutiert wird, wo man mit seinem Gegenüber wirklich sehr eng zusammenarbeitet, und dem Thema Home Office, wo man hohe Individualität hat, nicht mehr jeden Tag aus Tulln oder Wiener Neustadt in die Wiener Innenstadt fahren muss und diese Freiheit dann jeder für sich optimal nutzen kann, haben werden. Etwa in dem man konzentrierter arbeiten kann, weil es keine Ablenkung durch die Kollegen gibt oder indem man morgens in der Zeit, in der man normalerweise pendelt, auch mal Sport macht. Ich glaube, das ist ein enormer Mehrgewinn.

LEADERSNET: Ist die Digitalisierung nur ein Segen für die Menschheit oder darf man sich davor auch ein wenig fürchten?

Bierwirth: Wir müssen uns überhaupt nicht fürchten. Gerade bei Corona hat sich gezeigt, dass die Digitalisierung die Wirtschaft noch am Leben gehalten hat. Hätte es keine Digitalisierung in dieser Zeit gegeben, weiß ich nicht, was mit der Ökonomie passiert wäre. Dann wären wir wahrscheinlich um 20 oder 30 Prozent eingebrochen. Insofern bin ich sehr froh, dass es die Digitalisierung gibt. Ich halte das für einen Segen. Ich halte es aber auch nicht für die alleinige Antwort. Denn auch das persönliche Treffen, das miteinander Arbeiten und das Menschliche haben weiterhin eine enorme Relevanz.

LEADERSNET: Für ein Unternehmen wie Magenta ist Datenschutz ein großes Thema. Wie zufrieden sind Sie mit der derzeitigen Lösung – Stichwort Datenschutz-Grundverordnung (DSGVO)?

Bierwirth: Ich glaube, dass Datenschutz ein positives Wort ist. Jeder wir d mir zustimmen, wenn ich sage, dass wir diesen brauchen. Das Thema Datenschutz hat unter anderem auch deshalb an Bedeutung gewonnen, weil wir gemerkt haben, dass die amerikanischen Unternehmen, wie Facebook oder Google, mit uns in Europa Schlittenfahren. In Realität sind aber die Maßnahmen, die gesetzt worden sind, für die genannten amerikanischen Unternehmen überhaupt nicht relevant. Wer WhatsApp-Kunde ist, wird WhatsApp auch weiterhin nutzen. Die Frage, ob man neue Geschäftsbedingungen akzeptiert, um WhatsApp weiter nutzen zu können, wird immer mit "Ja" beantwortet. Somit ist das Thema für diese Unternehmen erledigt. Wir, die wir die gleichen Regeln haben, können unsere Kunden nicht auf diese Art und Weise fragen, ob sie dabei sind. Es gibt keinen Grund, dass der Kunde bei uns auch einfach auf "Ja" klickt. Denn auch wenn er es nicht macht, bekommt er unseren Service weiter. Das bedeutet, dass durch diese Art von Datenschutz das Ungleichgewicht größer geworden ist. Die eigentliche Absicht war ja, dass wir uns angleichen, de facto ist aber das Gegenteil eingetreten. Von daher appelliere ich: Lasst uns weniger Max Schrems feiern, sondern einen Datenschutz bauen, der nicht einengt, sondern Raum schafft, dass man als Unternehmen frei mit Daten arbeiten kann. Würden wir als Magenta mit Kundendaten so arbeiten, dass ein Missbrauch entsteht, dann würden wir den Strafzettel dafür sofort bekommen, indem uns die Kunden verlassen würden. Ich glaube, das ist ein sehr hoher Zwang zur Selbstkontrolle.

LEADERSNET: Das ist ein Problem, das nur auf europäischer Ebene gelöst werden kann. Wenn man sich jedoch vor allem die letzten Monate, während der Coronakrise ansieht, scheint die politische Uneinigkeit auf EU-Ebene größer denn je zu sein. Wie sehen Sie diese Entwicklung?

Bierwirth: Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in dieses kleinstaatliche Denken zurückfallen. Europa muss ein Teil der Antwort auf die Frage der großen Probleme sein. Ich habe bisher noch von kaum einem Politiker – nicht nur hier in Österreich, sondern auch in Deutschland – gehört, dass ein Problem wie Corona europäisch zu lösen ist. Die Globalisierung braucht größere Antworten, aber die Message die transportiert wird ist, dass die Probleme national gelöst werden müssen. Aus dieser Falle müssen wir schleunigst wieder raus.

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