Der Kreditschutzverband von 1870 zog zum Jahresende Bilanz über die Insolvenzen 2018 und lud repräsentiert durch Insolvenzexperte Hans-Georg Kantner und und Vorstand und Geschäftsführer Ricardo-José Vybiral zum Pressegespräch bei Do&Co. in der Wiener Innenstadt.
2018 als "Jahr der Superlative" bei Insolvenzen
Heuer wurden in Summe 10.118 Privatkonkurse eröffnet, damit wurde in Österreich nun erstmals die 10.000-Marke durchbrochen. Der davor höchste Wert lag bei 9.596 Fällen im Jahr 2011. Die im heurigen Jahr zu regulierenden Schulden betrugen 1.905 Millionen Euro – auch das ist ein Rekordwert, denn der höchste Schuldenstand eines Insolvenzjahres betrug davor 1.266 Millionen Euro im Jahr 2015.
Die Zuwächse gegenüber 2017 sind statistisch verzerrt, da im Jahr 2018 ein Nachholeffekt auf 2017 stattfand, der durch eine überfallsartig angekündigte Insolvenzrechtsnovelle ausgelöst worden war.
Fast zwei Milliarden Euro Schulden
Der enorme Schuldenberg im Privatsektor setzt sich aus zwei verschiedenen Gruppen zusammen: ein Drittel geht auf das Konto von ehemaligen Unternehmern, die bei ihren Gläubigern nicht selten sogar mit Millionenbeträgen in der Kreide stehen. Der Rest entfällt auf "echte" Privatpersonen, also unselbständig beschäftigte Menschen, denen die Schulden, die sie als Konsumenten gemacht hatten, über den Kopf gewachsen sind (durchschnittlich 59.000 Euro Schulden pro Kopf). Die "unechten" Privaten haben durchschnittlich 490.000 Euro Schulden pro Person, die Zahl der Schuldner mit Verbindlichkeiten von einer Million Euro oder mehr belief sich 2018 auf rekordverdächtige 180 Personen.
Verzerrung durch Rechtsnovelle
All diese Superlative seien laut KSV1870 der Novelle IRÄG 2017 geschuldet, die der sogenannten Mindestquote ein Ende bescherte und damit das Signal aussandte, dass auch Schuldner mit hohen Verbindlichkeiten problemlos ihre Schulden regulieren können. Viele dieser Schuldner warteten bis zum 1. November 2017, dem Tag des Inkrafttretens der Novelle, um ihre Anträge zu stellen. Folglich verzeichnete die Insolvenzstatistik bereits für die Monate November und Dezember 2017 ein exorbitantes Ansteigen der Passiva und der Anträge.

Unternehmenspleiten gehen deutlich zurück
Um einiges besser sieht es auf Unternehmensseite aus: die vorläufigen Zahlen für das Jahr 2018 lassen eine deutlich abgeflachte Insolvenzentwicklung gegenüber 2017 erkennen. Die Zahl der insolventen Betriebe sank gegenüber dem Vorjahr 2017 auf ein Minus von fast 2 Prozent. Allerdings sind sowohl die Zahl der betroffenen Dienstnehmer und die Schulden der Unternehmen spürbar gestiegen.
Im Jahr 2018 wurden insgesamt 4.982 Unternehmen in Österreich insolvent. Das ist ein Rückgang von 1,9 Prozent gegenüber 2017. Die eröffneten Insolvenzverfahren waren mit 1,5 Prozent rückläufig und die mangels Vermögens nicht eröffneten Verfahren sogar mit 2,5 Prozent. Die Zahl der betroffenen Dienstnehmer hat sich auf plus 14 Prozent gegenüber 2017 erhöht.
Die Passiva sind aufgrund einiger Großinsolvenzen entgegen dem Trend um 12,5 Prozent auf insgesamt 2.095 Millionen Euro angewachsen. "Man kann an den Passiva und den Dienstnehmern erkennen, dass der leichte Rückgang bei der Anzahl der insolventen Unternehmen durch die gestiegenen Passiva und Dienstnehmer deutlich relativiert wird. Das Insolvenzgeschehen in Österreich ist in 'real terms' daher eher gestiegen als gesunken", erklärte Hans-Georg Kantner, der Insolvenzexperte des KSV1870.
Der Trend weist nach unten
Der KSV1870 hatte Ende 2017 eine Insolvenzprognose für 2018 abgegeben und dabei mit einem latenten Zuwachs im niedrigen einstelligen Bereich gerechnet. Nun haben sich die Insolvenzen in die Gegenrichtung entwickelt.
"Für eine Volkswirtschaft sind einige Prozent auf oder ab nicht die entscheidende Größe, doch können sie den Trend einer Entwicklung gut ausweisen. Und dieser weist 2018 eindeutig nicht nach oben. Doch darf dieser Befund keineswegs zu einer Entwarnung an der Risikofront verleiten. Die seit Jahren rückläufigen Insolvenzzahlen sind primär nicht der Robustheit einer Konjunktur geschuldet, sondern extrem niedrigen Zinsen, von denen naturgemäß die schwachen und hoch verschuldeten Unternehmen überproportional profitieren. Ob diese Unternehmen in der Lage waren, ihre Geschäftsmodelle zu verbessern und zu erneuern, wird sich erst im Aufschwung und der darauffolgenden Zinsanpassung nach oben zeigen", schlossen Kantner und Vybiral das Pressegespräch.
Bilder vom Pressegespräch des KSV 1870 finden Sie in unserer Fotogalerie. (rb)
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