Martin Fahrnberger & Daniel Scherling
"Viele wollen KI einsetzen, wissen aber nicht genau wofür – Hauptsache KI"

| Larissa Bilovits 
| 14.01.2026

Im LEADERSNET-Interview sprechen die beiden Geschäftsführer von Orbis Austria, Daniel Scherling und Martin Fahrnberger, u.a. über den KI-Hype zwischen Hoffnung und Realität, falsche Erwartungen an "intelligente" Systeme, die Notwendigkeit klarer Business-Cases und darüber, warum Verantwortung nicht einfach an Algorithmen delegiert werden darf. 

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Scherling, sehr geehrter Herr Fahrnberger, Sie begleiten Unternehmen bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse. Was umfasst diese Aufgabe konkret – und wo setzt Orbis dabei an?

Martin Fahrnberger: Für uns heißt Digitalisierung vor allem: Geschäftsprozesse sauber, nachvollziehbar und durchgängig in Systemen abzubilden. Ein klassisches Beispiel ist der Vertriebsprozess – vom ersten Kontakt bis zum Auftrag. Ziel ist es, Abläufe zu automatisieren, transparent zu machen und Fehlerquellen zu reduzieren.

Daniel Scherling: Die Leitlinie für uns ist dabei: Es geht um End-to-End-Digitalisierung. Also darum, Prozesse nicht nur technisch abzubilden, sondern sie fachlich neu zu denken – vom Bedarf über die tägliche Nutzung bis zur Auswertung. Wenn man das konsequent macht, verschwinden viele manuelle Tätigkeiten und damit auch typische Reibungsverluste.

LEADERSNETViele Unternehmen suchen mittlerweile gezielt nach AI-gestützten Lösungen, um Prozesse effizienter zu machen. Wie begegnet Orbis diesem Bedarf – und welche AI-Anwendungen setzen Sie bereits erfolgreich ein?

Scherling: AI ist bei fast allen Kunden ein Thema – aber wir rollen nicht einfach ein Tool aus. Entscheidend sind Datenbasis, Infrastruktur und ein klarer Use Case. Ohne das bringt auch die beste AI keinen nachhaltigen Mehrwert.

Fahrnberger: AI sollte man auch nicht einfach als einzelne Tools sehen, sondern eine klare Plattformstrategie sehen. Wir arbeiten stark mit den Plattformen von Microsoft und SAP – etwa mit Copilot-Lösungen, Azure-Services oder integrierten AI-Funktionen in Business-Applikationen. Das gibt uns immer noch die Freiheit, andere Anbieter je nach Use Case einzubinden, liefert aber klare, planbare Strategie und Implementierungspfade. Wichtig für uns ist dabei halt, dass wir keinen Hype verkaufen wollen – wenn kein greifbarer Kundennutzen da ist, macht das Projekt für uns keinen Sinn.

LEADERSNETViele Unternehmen sind beim Thema AI noch zögerlich. Wo sehen Sie die größten Hürden in der praktischen Umsetzung?

Fahrnberger: Die größte Hürde ist die Erwartung, dass man AI einfach "drüberstülpt" und plötzlich werden schlechte Prozesse oder Daten gut. Das funktioniert nicht. AI braucht Struktur, Qualität und Vorbereitung – organisatorisch wie technisch.

Scherling: Ich sehe zusätzlich ein strategisches Problem: Viele wollen AI einsetzen, wissen aber nicht genau wofür. Hauptsache AI. Oft fehlt eine klare Antwort auf die Fragen: Welchen Business Case lösen wir damit – und wer darf AI im Unternehmen eigentlich wofür einsetzen?

LEADERSNETWenn Sie auf die aktuellen Entwicklungen rund um Künstliche Intelligenz blicken: Welche Trends sind für Unternehmen tatsächlich relevant – und wo sehen Sie eher übertriebene Erwartungen?

Fahrnberger: Der Begriff "Intelligenz" weckt in vielen eine falsche Erwartungshaltung – gerade weil sich beispielsweise Large Language Models wie ChatGPT so "anfühlen", als würde da wer denken. Die arbeiten aber in ihren Antworten mit Wahrscheinlichkeiten, nicht mit Verständnis. Wer glaubt, man fragt ein Tool und bekommt automatisch eine fundierte, richtige Antwort, liegt falsch. Die richtige Kombination verschiedener AI-Tools im Bereich Bilderkennung, Text- oder Audioanalyse kann aber wirklich sehr effizienzsteigernd eingesetzt werden.

Scherling: Gefährlich wird es, wenn AI zur Entscheidungsinstanz wird. AI ist ein Werkzeug, kein Ersatz für Verantwortung. Der relevante Trend ist aus meiner Sicht ein anderer: AI verschwindet als eigenes Tool und wird still in Anwendungen integriert – als Embedded AI im Alltag.

LEADERSNETInwiefern verändert Technologie – insbesondere AI – die klassische HR-Arbeit, etwa in Recruiting, Talententwicklung oder Mitarbeiterbindung?

Scherling: Im Recruiting sehen wir bereits massive Veränderungen – vor allem im Sourcing und in der Vorselektion. Die Gefahr ist halt, dass der menschliche Faktor verloren geht. Man kann alles automatisieren, aber gerade im HR-Kontext verliert man dabei aus unserer Sicht eine wichtige Ebene.

Fahrnberger: Genau. AI kann helfen, große Datenmengen besser zu analysieren oder Texte zu prüfen. Aber wenn am Ende AI-generierte Lebensläufe von AI-Systemen bewertet werden, verlieren beide Seiten. Die Entscheidung, wen ich einstelle, treffe ich im direkten Gespräch mit unseren Bewerber:innen – nur so bleibt ein guter Fit für die Unternehmenskultur sichergestellt. Das aufzugeben, halte ich für einen Fehler.

LEADERSNETOrbis arbeitet stark mit Plattformen wie SAP und Microsoft, aber auch mit verschiedenen Partnern zusammen. Welche Rolle spielen Kooperationen im Hinblick auf Innovation, AI und moderne HR-Lösungen?

Fahrnberger: Ohne starke Partnerschaften wäre die Geschwindigkeit der letzten Jahre nicht möglich gewesen. Hersteller wie Microsoft oder SAP treiben Innovation und stellen Plattformen und Infrastruktur bereit, die weder unsere Kunden, noch Implementierungspartner wie wir selbst in der Form aufbauen könnten.

Scherling: Gleichzeitig braucht es Partner wie uns, die nahe am Kunden sind. Die Hersteller liefern das Framework – wir übersetzen es in konkrete Use Cases und Business-Mehrwert. Erst diese Kombination macht Technologie in meinen Augen wirklich wirksam.

LEADERSNETWenn Sie auf die kommenden Jahre blicken: Welche Ziele verfolgt Orbis künftig – und welche Entwicklungen werden aus Ihrer Sicht für Unternehmen und deren digitale Transformation besonders prägend sein?

Scherling: Unser Fokus liegt weniger auf starren Langfristplänen, sondern auf Anpassungsfähigkeit. Flexibilität, Resilienz und Geschwindigkeit sind aus meiner Sicht die entscheidenden Faktoren für die kommenden Jahre – für uns und für unsere Kunden.

Fahrnberger: Das hat die Entwicklung der letzten Jahre ja auch gezeigt – welcher Langzeitplan hätte denn die letzten fünf Jahre vorhersehen und überstehen können? Gerade diese Geschwindigkeit als Experten zu greifen und bewerten, sehen wir als unseren Mehrwert. Wenn ich eine Prognose wagen soll: Technologisch sehen wir eine klare Entwicklung hin zu Plattformen mit zentralen "Cockpits", in denen AI applikationsübergreifend Insights liefert. Das bietet sehr viele Chancen – ist aber auch eine Herausforderung für jede Organisation, die diesen Change abbilden soll. Als Orbis ist es unser Ziel, unsere Kunden sicher durch diesen Change zu führen.

www.orbis.at

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