Reagieren immer schneller
Was die neue Dynamik an Kapitalmärkten für Anleger bedeutet

| Tobias Seifried 
| 22.02.2026

Nachrichten, Narrative und Kapitalströme bewegen Kurse in kurzen Abständen. Für langfristig orientierte Investor:innen wird es damit anspruchsvoller, strukturelles Wertschöpfungspotenzial von kurzfristiger Marktdynamik zu unterscheiden.

"Märkte reagieren heute schneller auf Informationen als früher. Dabei spielen einzelne Themen eine größere Rolle", sagt Franz Weis, CIO und Portfoliomanager bei Comgest. Das wirke sich auf Anlageverhalten, Marktstruktur und Preisfindung aus. Langfristig orientierte Investor:innen müssten stärker zwischen nachhaltigem Wertschöpfungspotenzial und kurzfristigen Marktbewegungen differenzieren.

Ein Indikator für die veränderte Dynamik ist die durchschnittliche Haltedauer von Aktien: Während sie in den 1960er-Jahren bei rund acht Jahren lag, beträgt sie heute weniger als sechs Monate. Investieren werde damit zunehmend zum Reagieren.

Mehr Einfluss von Stimmungen und Kapitalströmen

Nachrichten, Narrative und Marktstimmungen beeinflussen Entscheidungen stärker, während Fundamentaldaten zeitweise in den Hintergrund rücken. Neben institutionellen Akteur:innen prägen verstärkt Privatanleger:innen das Marktgeschehen. Deren gestiegene Zuflüsse hätten momentumgetriebene Bewegungen verstärkt. Meme-Aktien gelten als Beispiel für den Einfluss sozialer Medien und kollektiven Verhaltens.

"Das macht es anspruchsvoller, Entwicklungen vor dem Hintergrund langfristiger Fundamentaldaten richtig einzuordnen", so Weis. Er sieht strukturelle Veränderungen im Marktverhalten, die in früheren Zyklen weniger ausgeprägt gewesen seien.

Künstliche Intelligenz und passive Strategien

Besonders deutlich zeige sich die Entwicklung im Kontext Künstlicher Intelligenz. Die hohe Aufmerksamkeit habe zu einer stärkeren Konzentration auf einzelne Segmente und Titel geführt. Verstärkt werde dies durch Zuflüsse in passive Strategien, deren Indexmechaniken Kapital in hoch gewichtete Unternehmen lenken.

Künstliche Intelligenz sei "zweifellos ein technologischer Fortschritt mit langfristigem Potenzial", betont der Comgest-Experte. Zugleich sei es entscheidend, technologische Trends differenziert zu analysieren und zwischen strukturellem Potenzial und kurzfristiger Dynamik zu unterscheiden. Verändert habe sich vor allem "die Geschwindigkeit, mit der Informationen verarbeitet und in Bewertungen übersetzt werden".

Fundamentaldaten im Fokus

In Phasen erhöhter Aufmerksamkeit können sich temporäre Abweichungen zwischen Gewinnen und Aktienkursen ergeben. Langfristig orientieren sich Kurse jedoch an der Gewinnentwicklung, ist Franz Weis überzeugt. Maßgeblich seien eine fundierte, unternehmensspezifische Analyse und ein langfristiger Anlagehorizont – nicht die kurzfristige Marktstimmung. Benchmarks blieben wichtige Vergleichsmaßstäbe, ihre Aussagekraft müsse jedoch im jeweiligen Marktumfeld kritisch reflektiert werden.

Angesichts der wachsenden Informationsflut werde Aufmerksamkeit zur knappen Ressource. "Nicht jede Information erfordert eine unmittelbare Reaktion", sagt Franz Weis. Geduld und Disziplin seien zentrale Faktoren langfristigen Investierens.

Abschließend sei darauf verwiesen, dass Veranlagen an den Kapitalmärkten stets mit Risiken verbunden ist. Kursschwankungen und Kapitalverluste können nicht ausgeschlossen werden.

www.comgest.com

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