LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Kratochwill, Sie stehen jetzt ein Jahr an der Spitze eines der größten Bau- und Infrastrukturkonzerne Europas – was war die bedeutendste Veränderung, die Sie seit Ihrem Amtsantritt vornehmen konnten, und inwiefern bestätigt oder widerlegt dieses erste volle Geschäftsjahr 2025 Ihre ursprüngliche Vision?
Stefan Kratochwill: Ich habe bereits zu meinem Amtsantritt betont, dass die Rahmenbedingungen tragisch und herausfordernd waren, ich jedoch zugleich ein sehr gesundes und resilientes Unternehmen übernehmen durfte. Mein Ziel für das erste Jahr war es, gemeinsam einen klaren Fokus auf die Umsetzung unserer Strategie 2030 zu legen. Dabei wurde nochmals deutlich, wie unterschiedlich die Märkte funktionieren, in denen wir tätig sind. Ein Vergleich zwischen Deutschland und Österreich zeigt dies besonders deutlich: Während wir in Deutschland bei großen Infrastrukturprojekten und im Industriebau stark vertreten sind, ist die Situation in Österreich – sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich – deutlich angespannt.
Wir betonen daher die Wichtigkeit der Instandhaltung der Infrastruktur in Österreich, das zeigt uns aktuell die Lage in Deutschland.
LEADERSNET: Sie sprechen die unterschiedlichen Marktdynamiken an: Während der Wohnbau in Europa stagniert, boomen bei Ihnen die Energie- und Mobilitätsprojekte – etwa die Stromtrassen in Deutschland. Ist die STRABAG im Kern eigentlich noch ein 'Bauunternehmen' im klassischen Sinne, oder entwickeln Sie sich immer mehr zu einem technologiegetriebenen Infrastruktur-Dienstleister? Und wie sehen Sie in diesem Zusammenhang die weitere Zinsentwicklung in den nächsten Jahren?
Kratochwill: Unser Kerngeschäft ist mit über 80 Prozent weiterhin das Bauen, und wir sind sehr stolz darauf, einen Großteil dieser Leistungen mit eigenem Personal zu erbringen – mehr als die Hälfte unserer über 80.000 Mitarbeitenden sind gewerbliche Fachkräfte. Gleichzeitig entwickeln wir uns entlang der gesamten Wertschöpfungskette weiter. Im Rahmen unserer Strategie 2030 bauen wir Geschäftsfelder an beiden Enden dieser Kette aus. So erweitern wir aktuell unsere Facility-Management-Sparte mit der "Technischen Gebäudeausstattung", um die Dekarbonisierung des Gebäudebestands gezielt voranzutreiben. Mit weiteren Zinssenkungen rechnen wir derzeit nicht. Damit sich der Immobilienmarkt erholt, müssen andere Faktoren greifen – in Österreich, insbesondere die Vergabekriterien.
LEADERSNET: Bleiben wir beim Thema Wohnbau: Um dem leistbaren Wohnraum wieder zum Durchbruch zu verhelfen, setzt die STRABAG auf serielle Lösungen wie TETRIQX, mit Preisen ab ca. 1.950 Euro pro Quadratmeter. Eine provokante Frage: Wird Stefan Kratochwill der Mann sein, der das 'Haus vom Band' in Europa zum Standard macht, um die soziale Sprengkraft der Wohnungsnot zu entschärfen?
Kratochwill: Wir sind überzeugt, dass serielles Bauen entscheidend ist, um schneller und kostengünstiger zu errichten. Die dafür erforderlichen Skaleneffekte entstehen jedoch nur, wenn Bauherren bereit sind, öffentliche Ausschreibungen in ausreichender Menge und mit einheitlichen technischen Vorgaben zu erstellen. Von einer europaweiten Lösung sind wir derzeit weit entfernt; bereits in Österreich stellt die Vielfalt an Bauordnungen und Fördersystemen eine erhebliche Herausforderung dar.
LEADERSNET: Die Margensteigerung ist das eine – aber auch beim Umsatz können Sie punkten: Mit einer Gesamtleistung von rund 20,4 Milliarden liegt die STRABAG 2025 mit etwa sechs Prozent über dem Vorjahr. Welche Teilsegmente oder Regionen treiben dieses Wachstum konkret – und wo sehen Sie die größten Herausforderungen für die kommenden Jahre?
Kratochwill: Die erfolgreiche Umsetzung unserer Strategie bildet das Fundament für die positive Margenentwicklung. Wir haben uns in den vergangenen Jahren kontinuierlich verbessert – nicht zuletzt dank eines weiter optimierten Risikomanagements. Dennoch bleibt Bauen ein Projektgeschäft und damit weniger planbar als stationäre Industrieprozesse. Wir kalkulieren traditionell sehr konservativ. Umso erfreulicher ist es, dass wir unser Ziel in diesem Jahr – auch aufgrund der milden Witterung – übertreffen konnten und dadurch verstärkt in Innovation, Nachhaltigkeit und neue Geschäftsfelder investieren können.
Deutschland ist aktuell unser stärkster Markt, doch auch andere europäische Länder wie Tschechien und Polen entwickeln sich sehr positiv. Mit der Übernahme des Unternehmens "Georgiou" in Australien ist zudem unser internationales Segment deutlich gewachsen. Die geografische Diversifikation außerhalb Europas ist ein wichtiges langfristiges Ziel, um die Abhängigkeit vom europäischen Baumarkt zu reduzieren.
LEADERSNET: Sie erwähnen die langfristige Ausrichtung – dazu eine grundsätzliche Frage: Wie balancieren Sie kurzfristige operative Ziele, wie ebendiese Margensteigerungen, mit langfristigen Investitionen in Innovationen und Nachhaltigkeit?
Kratochwill: Wir verstehen uns im Kern weiterhin als Familienunternehmen, weil wir unsere strategischen Entscheidungen auf langfristigen Erfolg statt auf kurzfristige Ergebnisse ausrichten. Unsere stabile Eigentümerstruktur trägt diesen Ansatz. Die positiven Entwicklungen der vergangenen Jahre bestätigen uns in dieser langfristigen Ausrichtung.
LEADERSNET: Tatsächlich engagiert sich die STRABAG zunehmend in energie- und mobilitätsrelevanten Projekten, etwa Windparks oder Verkehrsnetz-Modernisierungen. Welche Rolle spielt nachhaltiges beziehungsweise grünes Bauen konkret für Ihre Unternehmensstrategie – und wo liegen dabei die größten technologischen Hürden?
Kratochwill: Wir betrachten die Energiewende nicht als Bedrohung, sondern als Chance – sowohl für Europas Unabhängigkeit als auch für uns als Bauunternehmen. Sie geht zwangsläufig mit umfangreichen Bauprojekten einher, wie etwa den großen Stromtrassenprojekten in Deutschland. Wir sind überzeugt, dass Nachhaltigkeit nicht nur ökologisch notwendig ist, sondern sich langfristig auch als tragfähiges Geschäftsmodell erweisen wird.
LEADERSNET: Zum Abschluss noch ein Blick auf die operativen Herausforderungen: In der Baubranche gilt der Herbst als "schwierigster Abschnitt im Jahr", weil Planungs- und Bewilligungsprozesse oft stocken. Welche Lehren haben Sie aus Ihrem ersten Jahr an der Spitze gezogen, insbesondere im Hinblick auf internationale Projekte und volatile Rahmenbedingungen?
Kratochwill: Ein prägnantes Beispiel war Deutschland im vergangenen Jahr: Erst im September wurde das Haushaltsbudget für 2025 beschlossen. Die Folge war ein Rückgang von rund 25 Prozent beim Asphalteinbau gegenüber dem ohnehin schwachen Vorjahr. Solche starken Schwankungen sind für die Branche – primär für kleinere Unternehmen – schwer zu bewältigen. Langfristig wirken sie sich vor allem auf den Arbeitsmarkt aus. Eine Fachkraft, die die Branche verlässt, kehrt in der Regel nicht zurück. Entscheidend ist daher, Planungs- und Genehmigungsprozesse zu vereinfachen und deutlich zu beschleunigen.
LEADERSNET: Vielen Dank.
www.strabag.at
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