Ein SUV-Coupé ohne Heckscheibe – der Polestar 4 bricht mit Konventionen. Statt Glas gibt es eine Kamera, statt Mainstream ein bewusst eigenständiges Design. Wir haben den vollelektrischen "Schweden", der vom chinesischen Mutterkonzern Geely in China gebaut wird, auf der Strecke Wien–Oberösterreich–Wien ausführlich getestet – inklusive vollbesetzter Rückfahrt mit vier Freund:innen und kleinem Reisegepäck an Bord. Dabei stellte sich die Frage, ob dieses radikale Konzept auch im echten Alltag funktionieren kann.
Mut zum Weglassen
Beim Polestar 4 ist das markanteste Merkmal gleichzeitig das kontroverseste: Er hat keine Heckscheibe. Der Blick nach hinten erfolgt ausschließlich über einen digitalen Innenspiegel, gespeist von einer Dachkamera.
Technisch funktioniert das System erstaunlich gut. Die Bildqualität ist sowohl bei Tag als auch bei Nacht überzeugend, das Sichtfeld großzügig. In Kombination mit den sehr guten Rundumkameras wird Rangieren zum Kinderspiel. Dennoch ist das Konzept gewöhnungsbedürftig. Immer wieder sucht der Blick instinktiv die nicht vorhandene Heckscheibe. Zudem fehlt beim Displayspiegel naturgemäß die gewohnte Tiefenwirkung. Man gewöhnt sich daran – aber es bleibt ein Bruch mit jahrzehntelanger Autofahrerroutine.
Komfortabler Gleiter mit solider Dynamik
Auf der Autobahn zeigt sich der 4,84 Meter lange Stromer als entspannter Reisewagen. Das Fahrwerk ist klar auf Komfort ausgelegt, ohne schwammig zu wirken. Größere Bodenwellen werden souverän absorbiert, kleinere Unebenheiten sind spürbar, aber nie störend.
Der Innenraum bleibt selbst bei Tempo 130 angenehm leise – Wind- und Abrollgeräusche sind gut gedämmt. Gerade auf der längeren Etappe nach Oberösterreich spielte das Fahrzeug seine Qualitäten als Langstrecken-Gleiter aus. Auch auf der vollbesetzten Rückfahrt zeigte sich Polestar stabil und gelassen.
Die Lenkung wirkt leicht synthetisch, reagiert aus der Mittellage jedoch angenehm direkt. Im Standardmodus vermittelt sie das ausgewogenste Fahrgefühl. Mit 200 kW (272 PS) und 343 Nm Drehmoment ist ausreichend Leistung vorhanden. So gerüstet, gelingt der Sprint auf 100 km/h in souveränen, aber nicht brachialen 7,1 Sekunden. Der Hinterradantrieb sorgt für eine harmonische Kraftentfaltung, selbst Zwischenspurts und Überholmanöver gelingen trotz des hohen Gewichts ohne merkliche Anstrengung.
Reichweite und Laden: langstreckentauglich
Beim Antrieb markiert neben der E-Maschine die 100-kWh-Batterie (94 kWh netto) das Herzstück. Offiziell sind bis zu 620 Kilometer nach WLTP möglich. In der Praxis zeigte sich, dass bei rund zehn Grad Außentemperatur und konstantem Autobahntempo von 130 km/h etwa 400 Kilometer realistisch sind. Überland und im Stadtverkehr sind rund 500 Kilometer machbar. Damit ist der Polestar 4 absolut langstreckentauglich. Je nach Einsatzgebiet pendelte der Verbrauch im Test zwischen 19,6 und 24,8 kWh auf 100 Kilometer.
Die maximale DC-Ladeleistung liegt bei 200 kW. Für ein 400-Volt-System ist das ein guter Wert, wenngleich einige Wettbewerber inzwischen auf 800-Volt-Technik setzen. An AC-Säulen sind serienmäßig 11 kW möglich, optional bis zu 22 kW. Die Rekuperation lässt sich in mehreren Stufen einstellen – bis hin zum One-Pedal-Drive. Gerade im urbanen Verkehr erhöht das nicht nur die Effizienz, sondern auch den Komfort.
Viel Platz, viel Qualität
Wie reagiert die Umwelt auf den unkonventionellen Stromer? Kurz gesagt: Das Design kam im Testumfeld durchwegs gut an – polarisierend, aber spannend. Innen setzt Polestar auf skandinavische Klarheit und nachhaltige Materialien. Die Verarbeitung ist auf hohem Niveau. Selbst die Fächer in den Türverkleidungen sind mit weichem Stoff überzogen – ein Detail, das man selten sieht.
Vorne sind die Sitze vielfach elektrisch verstellbar und bieten ausgezeichneten Langstreckenkomfort. Auch im Fond reisen Erwachsene bequem – selbst auf längeren Strecken. Das Platzangebot ist insgesamt großzügig. Der Kofferraum fasst 410 Liter, bei umgelegter Rückbank bis zu 1.349 Liter. Als ladefreundlich erwies sich die serienmäßig elektrisch, weit aufschwingende Heckklappe – dafür fällt die Ladekante eher hoch aus, was vor allem bei schwerem Gepäck nicht unbedingt ein Vorteil ist. Hinzu kommt ein praktischer Frunk im Bug, wo das Ladekabel verstaut werden kann. Für das Gepäck von fünf Personen reichte das Raumangebot im Test problemlos aus.
Im Testwagen war das aufpreispflichtige Harman-Kardon-Soundsystem verbaut, das vorne wie hinten mit sattem, klar definiertem Klang überzeugte. Passend dazu setzt das Ambientelicht dezente, hochwertige Akzente. Insgesamt entsteht ein modernes Premium-Ambiente.
Digital bis ins Detail
In Sachen Bedienung steht der große, horizontal verbaute Touchscreen mit dem Google-Betriebssystem Android Automotive im Zentrum. An diesem Detail merkt man auch, dass der Polestar auf einer rein chinesischen Plattform basiert. Bei den Modellen mit Volvo-Wurzeln, wie der Polestar 3, ist das Display vertikal verbaut. Grafik und Reaktionsgeschwindigkeit sind gut, die Menüstruktur halbwegs intuitiv – dennoch erfordert die Bedienung Eingewöhnung.
Viele Funktionen sind ausschließlich über das Display steuerbar. Bei der Spiegelverstellung ist das dank Memory-Funktion noch akzeptabel, doch selbst das Handschuhfach will digital geöffnet werden. Das wirkt unnötig verspielt. Dafür hat die Sprachsteuerung im Test wirklich hervorragend funktioniert. Befehle wie "Fahr mich in die Schillingstraße in Wien" oder "Spiele den Radiosender XY" werden ohne jegliche Rechenpause prompt umgesetzt. Ebenfalls positiv: Für Lautstärke und Play/Stopp des Soundsystems gibt es einen großen Drehregler auf der Mittelkonsole und die Lenkradtasten geben ein klares Feedback. Wer statt auf Google lieber auf Apple setzt, kann das iPhone kabellos einbinden. Die induktive Ladeschale lädt kompatible Smartphones – unabhängig vom Betriebssystem – schnell und zuverlässig.
Bei den Assistenzsystemen haben die Ingenieur:innen insgesamt eine gute Arbeit geleistet. So unterstützt der adaptive Tempomat mit Spurhaltefunktion auf der Autobahn spürbar, wenngleich er auf kurvigeren Passagen gelegentlich nachjustiert werden möchte. Lediglich die automatische Geschwindigkeitserkennung erwies sich einmal mehr als Achillesferse. Ähnlich wie bei anderen Herstellern gleicht sie eher einem Glücksspiel. Da kann es schon passieren, dass bei einer 80er Beschränkung 130 km/h angezeigt werden und bei der Fahrt auf der Autobahn plötzlich ein 50er im Kombiinstrument aufleuchtet. Am gestochen scharfen Head-up-Display gab es hingegen nichts auszusetzen.
Fazit
Der Polestar 4 ist kein gewöhnlicher Elektro-Crossover. Er polarisiert mit seinem Design und dem radikalen Verzicht auf eine Heckscheibe, überzeugt jedoch mit hohem Komfort, sehr guter Geräuschdämmung und praxistauglicher Reichweite. Innenraumqualität, Ausstattung und Raumangebot bewegen sich auf Premium-Niveau. Die Ladeleistung ist solide, wenn auch nicht segmentführend.
Mit einem Einstiegspreis ab 59.990 Euro positioniert sich der "China-Schwede" selbstbewusst im Wettbewerbsumfeld. Wer ein modernes, komfortables und bewusst eigenständiges Elektroauto sucht, findet hier eine spannende Alternative zum etablierten Premium-Mainstream – und ein Fahrzeug, das am Stammtisch garantiert Gesprächsstoff liefert.
Fotos vom Polestar 4-Testauto sehen Sie in unserer Galerie.
www.polestar.at
Kommentar veröffentlichen