Die Entscheidung über die künftige Führung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks geht in die heiße Phase. Kein Wunder, schließlich findet die Bestellung durch den Stiftungsrat bereits am 11. Juni statt. Nach dem Ende der Bewerbungsfrist haben sich aus insgesamt 77 Bewerbungen 13 Kandidat:innen für den Posten als ORF-Chef:in herauskristallisiert (LEADERSNET berichtete). Gleich zwei hochkarätig besetzte Diskussionsrunden an einem Tag beleuchteten nun die unterschiedlichen Konzepte der sechs aussichtsreichsten Bewerber:innen: Während es in einer TV-Debatte auf Puls 4 zu einem heftigen Schlagabtausch kam, mussten die Anwärter:innen beim Round-Table des Fachverbandes der Film- und Musikwirtschaft (FAMA) Farbe bekennen, wie sie den zentralen Millionen-Partner der heimischen Kreativbranche künftig absichern wollen.
Schlagabtausch und Richtungsstreit im TV
In einem "Breaking Media Spezial" auf Puls 4 & Joyn, moderiert von Gundula Geiginger, trafen die sechs führenden Kandidat:innen direkt aufeinander. Die Diskussion war von Beginn an von spürbaren persönlichen und inhaltlichen Differenzen geprägt.
Bereits der Auftakt lieferte einen heftigen Wortwechsel zwischen Medienmanager Johannes Larcher und APA-CEO Clemens Pig. Ersterer bezeichnete seinen Konkurrenten offen als "Systemkandidaten" und legte nach: "Es gibt Systemkandidaten, das ist ganz klar, wer die sind. Einige sitzen auf dieser Bühne. Ich glaube, Herr Pig ist ein Systemkandidat." Pig reagierte empört und wies diesen Vorwurf entschieden zurück. Er finde dies eine "bodenlose Frechheit" und hielt fest, dass man sich an diesem Tag zum ersten Mal persönlich kennengelernt habe. Er habe vielmehr den Eindruck, dass man auf diese Art und Weise versuchen wolle, einen hochqualifizierten Bewerber zu eliminieren. Wie bereits im LEADERSNET-Interview verwies Pig auch hier auf seine jahrzehntelange, unabhängige Tätigkeit in der Medienbranche.
Auch das Thema Compliance und interne Strukturen sorgte für Konflikte. Angesprochen auf umstrittene Lizenzkäufe von Dokumentationen bei ORF III verteidigte die kaufmännische Geschäftsführerin des Senders, Kathrin Zierhut-Kunz, das Vorgehen. Diese Zukäufe seien so abgewickelt worden, wie es aktuell Usus sei, und würden dann getätigt, wenn die redaktionelle Abnahme erfolgt ist. Dem widersprach ORF-TV-Magazin-Chefin Lisa Totzauer scharf: "Wenn irgendwo auch nur der Anschein entsteht, dass ich Information kaufen kann, ist das ein No-Go und nicht verhandelbar. Das ist ein Schaden für die Glaubwürdigkeit in diesem Unternehmen." Totzauer forderte generell eine härtere Linie bei Fehlverhalten im ORF. Statt langwieriger Aufklärungsgruppen und Seminare müsse direkt gehandelt werden. Auf Nachfrage der Moderatorin, ob unter ihrer Führung im ORF bereits Köpfe gerollt wären, antwortete sie mit einem klaren "Ja!".
Bezüglich der wirtschaftlichen Zukunft des Senders warnte der ehemalige ProSiebenSat.1 Puls 4-Chef Markus Breitenecker vor einer reinen "Sparmania". Zwar gebe es auch im ORF Synergien und Sparmöglichkeiten, eine reine Reduktion greife jedoch zu kurz. Es bedürfe einer unternehmerischen Vision, um zusätzliche Erlöse zu generieren und sich somit unabhängiger von potenziellen Beitragserhöhungen sowie politischen Sparforderungen zu machen.
Einen konkreten Vorschlag zu den Führungskräftegehältern brachte Exxpress-Herausgeberin Eva Schütz ein. Sie forderte eine strikte Obergrenze bei Management-Bezügen von maximal 300.000 Euro. Es sei interessant, dass aktuell lediglich vier Männer mehr als diese Summe verdienen würden. Zudem kritisierte sie, dass der Abtausch von Gehalt und Position zur Absicherung der eigenen Macht scheinbar zu einer Unart geworden sei.
FAMA Round-Table
Wenige Stunden vor der TV-Debatte luden der Fachverband der Film- und Musikwirtschaft (FAMA) in der Wirtschaftskammer Österreich und dessen Obmann Alexander Dumreicher-Ivanceanu die sechs Spitzenkandidat:innen zu einem Round-Table. Da die heimischen Filmproduzent:innen rund 40 Prozent des ORF-Programms herstellen und der Sender jährlich etwa 100 Millionen Euro in die Filmwirtschaft investiert, gilt das Medienunternehmen als zentraler Partner der Branche.
Beim FAMA-Hearing präsentierten die Bewerber:innen ihre Pläne für die Zukunft, wobei Einigkeit darüber herrschte, dass ein klarer Fokus auf österreichische Inhalte sowie auf die Gewinnung eines jüngeren Publikums gelegt werden müsse. Den Produzent:innen sicherten alle Seiten mehr Planungssicherheit zu.
Clemens Pig unterstrich dabei, dass die Film- und Musikwirtschaft keineswegs nur ein reiner Zulieferer sei: "Sie ist Teil des öffentlich-rechtlichen Auftrags." Er sprach sich für mehr unverwechselbares, österreichisches Programm aus, das die Menschen in den verschiedenen Regionen gezielt ansprechen solle. Den anwesenden Produzent:innen stellte er zudem eine verlässliche Planbarkeit in Aussicht, um die aktuelle "Stop-and-Go"-Politik zu beenden.
Auch Markus Breitenecker bemängelte, dass rund um das jährliche Budget von 100 Millionen Euro "die Planbarkeit, die Verlässlichkeit" fehle. Dabei sei das exakte Volumen gar nicht der entscheidende Faktor, sondern vielmehr die Verlässlichkeit der Zusagen, auf die man sich verlassen könne. Inhaltlich möchte er verstärkt junge Zielgruppen ansprechen, wofür die Streamingplattform ORF On weiter ausgebaut werden müsse.
Johannes Larcher sieht den Schlüssel zur Erreichung jüngerer Zuseher:innen in der gezielten Verbreitung von maßgeschneiderten Inhalten auf digitalen Plattformen. Er schlug vor, vermehrt Kreative aus der Social-Media-Szene an den ORF heranzuführen und mit ihnen zusammenzuarbeiten. Den strategischen Fokus müsse man zudem auf regionaleres Programm legen, denn: "Da kann kein HBO, kein Netflix mit."
Für Lisa Totzauer stellt das Programm die fundamentale Basis dar: "Programm ist unsere Existenzberechtigung", hielt sie fest. Das Publikum besitze ein Recht darauf zu erfahren, wohin der monatliche ORF-Beitrag von 15,30 Euro fließe, denn "niemand zahlt die Haushaltsabgabe für Bürokratie". Sie kritisierte die aktuellen bürokratischen Hürden, bei denen kreative Ideen der Branche im Haus von A nach B und dann C geschickt würden. Ihr Ziel sei es daher, Strukturen zu verschlanken, Entscheidungsprozesse zu verkürzen und die Partner:innen ernst zu nehmen.
Kathrin Zierhut-Kunz betonte ebenfalls, dass das Publikum primär über das Programm zurückgewonnen werden müsse. Davon hängen auch die Arbeitsplätze zahlreicher Produzent:innen ab, welche die wichtigste Achse für das Programm bilden würden und sich derzeit im Zustand der Sorge befänden. Sie wies darauf hin, dass die von der Regierung gewälzten Sparpläne einen massiven Eingriff in das Programm bedeuten würden. Künftig müsse daher eine stärkere Fokussierung erfolgen, etwa auf die Bereiche Kultur und Information.
Und Eva Schütz plädierte für einen Ausbau der Eigenproduktionen im ORF. Im Sinne eines effizienten Wettbewerbs sprach sie sich dafür aus, diese Schiene auch für private Anbieter zu öffnen, sofern diese öffentlich-rechtliche Inhalte produzieren. Zudem erklärte sie, nicht zu verstehen, warum der österreichischen Musik im ORF nicht deutlich mehr Raum geboten werde.
LEADERSNET war beim Round-Table. Fotos sehen Sie in unserer Galerie.
www.wko.at
www.joyn.at/puls4
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