Michael Tojner im Interview
"Große Technologien entstehen nicht ohne Risiko"

Investor und Unternehmer Michael Tojner spricht im LEADERSNET-Interview über Europas industrielle Schwächen, globale Wachstumschancen in Aerospace und Energieinfrastruktur. Außerdem erklärt er, warum Europa die Batteriezukunft verschlafen hat, weshalb Robotik und Defence zum Milliardenmarkt werden, warum er das umstrittene Heumarkt-Projekt mit 70 nicht mehr bauen wird und wieso er das Forbes-Milliardärs-Ranking nicht mag.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Tojner, Sie sind als Unternehmer und Investor in unterschiedlichsten Branchen aktiv – von Batterietechnologie bis Immobilien. Was treibt Sie an, immer wieder neue Felder zu erschließen?

Michael Tojner: Wir sind in den Bereichen Aerospace, Space und Defence, Maschinenbau, Energieübertragung sowie Batterietechnologie tätig und dabei global aufgestellt. Mein Grundgedanke kommt aus dem Venture-Capital-Bereich, worüber ich in jungen Jahren auch meine Dissertation geschrieben habe. Inzwischen bin ich aber unternehmerisch viel langfristiger engagiert, möchte marktführende Nischenplayer entwickeln. Es geht darum, Potenziale zu identifizieren, die besten Teams zusammenzustellen und anschließend eine Finanzierung für Innovation und Wachstum aufzustellen. Dieses Entdecken, Gestalten und Verändern ist mein Antrieb und das hält mich auch jung.

LEADERSNET: Sie sprechen vom Entdecken und Gestalten als Ihrem Antrieb – und das seit nunmehr 35 Jahren. Wie hat sich in dieser Zeit Ihr Blick auf Risiko verändert, und gibt es frühe Investments, die Sie heute schlicht nicht mehr tätigen würden?

Tojner: Rückblickend ist man immer klüger und hat einen klaren Blick auf gute und weniger gute Entscheidungen. Ich hätte mir zum Beispiel eine Baufirma oder den Club "Mekka" sparen können. Beides waren Investments, die ich nicht unter voller Kontrolle hatte. Insofern waren es trotzdem wichtige unternehmerische Stationen, weil ich daraus viel Erfahrung mitgenommen habe. Und ich kann meinen Kindern erzählen, dass ich eine legendäre Disco in Wien hatte.

LEADERSNET: Aus Fehlern lernen – das klingt leichter, als es im globalen Wettbewerb oft ist. Die Varta AG, an der Sie maßgeblich beteiligt sind, steht exemplarisch für Europas Ambitionen in der Batterietechnologie. Wie realistisch schätzen Sie unsere Chancen ein, gegenüber China und den USA noch aufzuholen?

Tojner: Ich war gerade in China und Vietnam und musste leider feststellen, dass wir als Europäer in der Batterietechnologie – wie bei anderen wichtigen Technologien – sehr viel verschlafen haben. Während China über 100 Batteriezellhersteller mit Förderungen, günstigen Krediten und niedrigen Energiepreisen aufgebaut hat, haben wir uns in Europa vor allem selbst reguliert und dabei zugesehen, wie die asiatischen Player weit an uns vorbeigezogen sind. Das Rennen um die Batterietechnologie haben wir aus meiner Sicht verloren – was besonders schlimm ist, wenn die europäischen Autohersteller mit ihren Elektroautos voll abhängig von chinesischen Batteriezellen sind. Mit Varta können wir eine fokussierte Nischenstrategie umsetzen und dabei die deutsche Ingenieurskunst und das Know-how im Lithium-Ionen-Bereich nützen. Aber bei großen Investments im internationalen Maßstab können wir nicht mehr reüssieren. Wo wir hingegen sehr gut mithalten können im internationalen Wettlauf mit China oder den USA ist bei Aerospace und Defence sowie bei der Energieübertragung. Die ASTA mit ihren Wurzeln in Niederösterreich ist als Kupferspezialist gerade der Schlüsselplayer beim Ausbau der internationalen Strom-Infrastruktur. Bis 2030 sind allein in Europa Investitionen von über 580 Milliarden Euro notwendig und bis 2050 wird sich die globale Stromnetz-Infrastruktur verdoppeln.

LEADERSNET: Ein ernüchterndes Bild für Europa. Dennoch haben Sie mit Montana Tech Components bewiesen, dass gezielte Nischenstrategien funktionieren – Varta, Aluflexpack und Montana Aerospace sind Belege dafür. Wo sehen Sie, abseits der Batteriedebatte, die nächste unterschätzte Industrie-Nische am Horizont?

Tojner: Ich bin ein großer Befürworter von Kapitalmärkten. Sie sind einer der ganz großen Wettbewerbsvorteile der USA, weil dort sehr viel Kapital mobilisiert werden kann – ob Unternehmen erfolgreich sind oder auch scheitern. Die börsennotierten Montana Divisions sind eine Erfolgsgeschichte – Montana Aerospace hatte beim Börsengang 2021 eine Marktkapitalisierung von 440 Millionen Euro, die ASTA ging im Jänner 2026 an die Frankfurter Börse und erzielte damit Bruttoemissionserlöse von 125 Millionen Euro für das weitere Wachstum.

Noch unterschätzte Nischen sehe ich bei der Energieerzeugung und -übertragung. Außerdem bei humanoiden Robotern und der Automatisierung im Maschinenbau, in der Flugzeugindustrie, der Raumfahrt und bei der Rüstung.

LEADERSNET: Ihre Industriegruppe beschäftigt über 11.000 Mitarbeitende in 35 Ländern. Wo sehen Sie die größten Unterschiede zwischen Ihren Technologieunternehmen wie Varta und dem Immobilien-Sektor der WertInvest – und welche Führungsprinzipien gelten für alle Geschäftsbereiche gleichermaßen?

Tojner: Unsere Industriegruppe erwirtschaftet mit rund 13.000 Mitarbeitenden einen Gesamtumsatz von mehr als 2,5 Milliarden Euro. Wir verfolgen dabei sehr teamorientierte Führungsprinzipien, geben Führungskräften Equity-Beteiligungen und investieren stark in Wachstum. Zusammenhalt und gemeinsam den Gipfel zu erreichen, das ist ein zentrales Element des Montana-Prinzips.

LEADERSNET: Das Heumarkt-Projekt sorgt seit Jahren für Diskussionen und wurde zuletzt durch die UVP-Pflicht weiter verzögert. Welche Lehren ziehen Sie aus diesem Konflikt – und welchen Ausweg sehen Sie für das Projekt?

Tojner: Das Hotel InterContinental und die UNESCO-Thematik sind Zeitzeugen dafür, warum Europa zurückfällt. Seit mittlerweile über zwölf Jahren diskutieren wir über ein Projekt, das 500 Arbeitsplätze schaffen würde, ein Bauvolumen von über EUR 200 Millionen mobilisieren könnte und Wien ein starkes Konferenzzentrum samt Eislaufplatz bringen würde. Während solche Projekte in Asien oder den USA zügig umgesetzt werden, diskutieren wir in Wien über den historischen Blick vom oberen Belvedere, den ein Maler namens Canaletto vor über 200 Jahren gemalt hat. Mehr brauche ich dazu eigentlich nicht zu sagen. Wir haben schon bei vielen Projekten gezeigt, wie verantwortungsvoll wir mit historischen Substanzen umgehen, aber eine Weltmetropole wie Wien muss neben dem Erhalten auch Gestalten, modern sein, Lebensqualität schaffen.

LEADERSNET: Sie engagieren sich auch im Bereich Start-ups und Innovation. Gibt es eine Begegnung oder ein Projekt aus der Gründerszene, das Sie besonders inspiriert oder überrascht hat?

Tojner: Ich unterrichte seit mehr als 20 Jahren an der WU Wien zu Venture Capital und Innovationsfinanzierung. Gemeinsam mit der B&C Stiftung habe ich vor fünf Jahren die eXplore!-Initiative gegründet. Dadurch sehe ich laufend neue Start-ups, die mich inspirieren und begeistern. Aktuell schaue ich mir im Bereich Drohnen einige Projekte an, ebenso KI-basierte Lösungen für den Maschinenbau. Ich beschäftige mich gerne mit neuen Themen und Projekten.

LEADERSNET: Laut Forbes-Liste gehören Sie zu den reichsten Österreichern. Wie definieren Sie persönlich Erfolg – und gibt es einen Moment, in dem Sie sich gefragt haben, ob der Preis für den wirtschaftlichen Erfolg zu hoch war?

Tojner: Forbes-Listen kommen und gehen. Ich mag solche Rankings nicht, weil es mir nicht wichtig ist, was meine Beteiligungen gerade wert sind. Entscheidend ist, was wir aufbauen können, wie wir Innovation voranbringen Deshalb sind mir Maßzahlen wie Mitarbeitende, Wachstumsinvestitionen oder Marktstellung viel wichtiger.

LEADERSNET: Wenn Sie auf Ihre bisherige Karriere zurückblicken – gibt es eine Entscheidung, die Sie heute anders treffen würden? Und welchen Rat würden Sie jungen Unternehmerinnen und Unternehmern geben, die in einer zunehmend komplexen Welt erfolgreich sein wollen?

Tojner: Natürlich würde ich viele Entscheidungen mit dem heutigen Wissen und den Erfahrungen anders treffen. Dem gegenüber stehen aber Gott sei Dank sehr viele richtige Entscheidungen, die mich dahin gebracht haben, wo ich heute stehe. In einer komplexen Welt passieren Fehler und sie müssen auch erlaubt sein. Nur so können wir uns weiterentwickeln, lernen, neue Wege finden.

LEADERSNET: Vielen Dank.

www.montana-aerospace.com

www.varta-ag.com

www.wertinvest.at

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