LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Pavlik, fast jeder zweite Privatwagen in Österreich wird heute geleast. Hätten Sie das vor zehn Jahren für möglich gehalten?
Michael Pavlik: Vor zwanzig Jahren war Fahrzeugfinanzierung noch deutlich weniger verbreitet. Heute ist Leasing für viele Menschen selbstverständlich geworden – besonders bei neuen Mobilitätsmodellen und E-Fahrzeugen. Was sich dabei verändert hat, ist nicht nur die Finanzierungsform, sondern die grundlegende Denkweise: Früher stand die Frage "Was kostet das Auto?" im Fokus, heute lautet die Frage immer öfter: "Was kostet mich Mobilität im Monat?"
LEADERSNET: Leasing, Abos, Ratenzahlung – ist das ein kultureller Wandel oder einfach eine Reaktion auf steigende Preise?
Pavlik: Beides. Steigende Preise haben den Wandel beschleunigt, aber die Richtung war schon vorher klar. Schauen Sie sich die jüngere Generation an: Die allermeisten haben nie eine CD gekauft oder eine DVD besessen, heute wird im Regelfall alles gestreamt. Das Konzept des Eigentums hat für viele schlicht an Bedeutung verloren. Was zählt, ist der Zugang, nicht der Besitz. Und das überträgt sich immer häufiger auf weitere Bereiche, wie Autos, die Wohnungseinrichtung oder beim Thema Energie. Das ist ein gänzlich anderes Mindset.
LEADERSNET: Wie wirkt sich das auf die Bonitätsprüfung aus?
Pavlik: Die klassische Bonitätsprüfung basiert auf vorhandenen Finanzdaten, bestehenden Verpflichtungen und historischen Zahlungserfahrungen. Das funktioniert unverändert gut, besonders bei kurzfristigen oder einmaligen Finanzierungsentscheidungen. Bei langfristigen Modellen – etwa Leasingverträgen, Solar-Abos oder Wärmepumpenfinanzierungen – rückt jedoch ein zusätzlicher Aspekt in den Fokus: Wie stabil bleibt die Leistbarkeit im Verhältnis zu laufenden Verpflichtungen und möglichen finanziellen Veränderungen? Natürlich kann kein System die Zukunft vorhersagen. Moderne Bonitäts- und Haushaltsrechnungen helfen jedoch dabei, finanzielle Belastungen realistischer einzuschätzen und Risiken frühzeitig sichtbar zu machen.
LEADERSNET: Ein:e Kund:in, der:die heute gut verdient, kann morgen arbeitslos sein. Kann man das verlässlich bewerten?
Pavlik: Natürlich gibt es keine Glaskugel. Aber es gibt einen großen Unterschied zwischen einer Momentaufnahme und einer strukturellen Einschätzung. Wer seit fünfzehn Jahren im selben Berufsfeld arbeitet, ein stabiles Einkommensmuster und keine übermäßige Verpflichtungsstruktur hat, bringt häufig eine andere finanzielle Stabilität mit als jemand mit stark schwankenden Einnahmen oder laufend hohen Belastungen. Diese Muster sind heute digital ablesbar, wenn man auf die richtigen Datenquellen zurückgreift. Genau hier setzen die PSD2-Lösungen von FINcredible an: Durch digitale Kontoanalysen und Haushaltsrechnungen können finanzielle Strukturen deutlich realistischer eingeschätzt werden – volldigital, consent-basiert und ohne manuelle Dokumentenprüfung. Dabei geht es nicht um "mehr Daten", sondern um relevante Informationen, die Unternehmen helfen, fundiertere und gleichzeitig effizientere Entscheidungen zu treffen.
LEADERSNET: Was müssen Unternehmen, die Finanzierungen anbieten, jetzt konkret ändern?
Pavlik: Drei Dinge. Erstens: Die eigene Bewertungslogik ehrlich hinterfragen. Welche Informationen benötige ich, um ein Risiko bzw. ein Geschäft umfassend einschätzen zu können. Sind klassische Bewertungsmethoden ausreichend oder braucht es aufgrund der Art des Geschäfts mehr.
Zweitens: Das Onboarding neu denken. Der Prozess, mit dem ein:e Kunde:in heute an Bord geholt wird, muss die relevanten Informationen liefern – schnell, digital und ohne den:die Kund:in zu verlieren. Komplexität im Hintergrund ist okay. Komplexität für den:die Kund:in ist ein Conversion-Killer. Und drittens: Proaktiv in Datenqualität investieren. Jene Unternehmen, die heute die besseren Datengrundlagen aufbauen, werden morgen bessere Entscheidungen treffen – und weniger Ausfälle haben.
LEADERSNET: FINcredible ist Teil der KSV1870 Gruppe. Welchen Vorteil bringt das in diesem Kontext?
Pavlik: Der KSV1870 ist seit 150 Jahren das Rückgrat des Gläubigerschutzes und der Bonitätsinformation in Österreich – das schafft eine Datenbasis, die in ihrer Tiefe und Verlässlichkeit ihresgleichen sucht. Was wir als FINcredible darüber hinaus einbringen, ist die andere Seite der Gleichung: Echtzeit-Daten, die dank entsprechender digitaler Prozesse innerhalb kurzer Zeit vorliegen. Das Entscheidende für den:die Kund:in ist, dass sich diese beiden Datenwelten gegenseitig optimal ergänzen und stärken. Der KSV1870 weiß, wie jemand in der Vergangenheit mit Verpflichtungen umgegangen ist. FINcredible kann heute als Kontoinformationsdienstleister innerhalb weniger Minuten ein aktuelles Bild der finanziellen Situation erheben – ohne lange Formulare, ohne Papierdokumente, ohne Wartezeit. Zusammen entsteht ein Big Picture, das weder die eine noch die andere Seite alleine zeichnen kann.
LEADERSNET: Letzte Frage: Welche Branche wird den Wandel vom Kauf- zum Verpflichtungsmodell als nächste radikal durchlaufen?
Pavlik: Ich würde an dieser Stelle zwei Bereiche nennen: Energie und Wohnen. Laut dem Energie-Infoportal energie.gv.at des BMWET ist in Österreich die installierte Photovoltaik-Leistung 2024 um 36 Prozent gewachsen – und die Batteriespeicherkapazität sogar um mehr als 70 Prozent. Das ist beeindruckend. Aber der klassische Weg – die Anlage kaufen, installieren und 20 Jahre warten, bis sie sich amortisiert – überfordert viele Haushalte finanziell und organisatorisch. Deswegen entstehen gerade Solar-as-a-Service-Modelle: Die Anlage bleibt im Eigentum des Anbieters, der:die Kund:in zahlt monatlich für den Strom. Ähnliches passiert bei Wärmepumpen. Wer dort die Bonitätsbewertung beherrscht, hat einen echten Vorsprung.
Der zweite Bereich ist Wohnen. Steigende Immobilienpreise und veränderte Lebensrealitäten verändern den Markt spürbar. Auch deshalb funktioniert für viele der direkte Weg zum Eigentum – Kredit aufnehmen, kaufen, abbezahlen – nicht mehr. Deshalb rückt auch hier der Ansatz des klassischen Besitzes zunehmend in den Hintergrund – wie in vielen anderen Sektoren auch.
Dadurch verschiebt sich auch die zentrale Fragestellung, ob ich mir die jeweilige Anschaffung aktuell leisten kann, mehr in Richtung der Frage, ob ich diese finanzielle Verpflichtung auch langfristig tragfähig bleibe. Genau hier werden digitale Bonitäts-, Haushalts- und Identitätsprüfungen künftig eine immer wichtigere Rolle spielen – um finanzielle Entscheidungen nicht auf Basis einer Momentaufnahme zu treffen, sondern im Kontext langfristiger Leistbarkeit.
www.fincredible.io
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