Der heimische Einzelhandel bleibt eine tragende Säule der österreichischen Wirtschaft. Rund ein Viertel aller Betriebe, der größte private Arbeitgeber und der umsatzstärkste Wirtschaftsbereich entfallen allesamt auf den Handel. Laut aktueller Wifo-Prognose erreichte der Jahresumsatz 2025 rund 80 Milliarden Euro (LEADERSNET berichtete). Inflationsbereinigt bedeutet das ein reales Plus von gerade einmal einem Prozent.
Für Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands, ist diese Entwicklung jedoch kein Grund zur Entwarnung. "Österreichs Handel steht am Scheideweg. Während die Eurozone 2025 dreimal so schnell gewachsen ist wie Österreich, musste der heimische Handel das dritte Rekordpleitejahr in Folge verkraften. Österreich verliert jeden Tag Händler:innen und wundert sich über leere Schaufenster", so Will. So sind etwa aktuelle Zahlen des KSV1870 in der Tat alarmierend: Im Vorjahr verzeichnete der Handel mit 1.208 Insolvenzen die meisten Firmenpleiten aller Branchen. Das entspricht 23 Insolvenzen pro Woche (LEADERSNET berichtete). Gestiegene Kosten für Energie, Personal, Mieten und Logistik treffen auf stagnierende Umsätze und zunehmende regulatorische Belastungen.
Bürokratie, Energiepreise und Arbeitskosten bremsen Betriebe
Ein zentraler Kritikpunkt bleibt aus Sicht des Handels die hohe Bürokratiebelastung. Irina Andorfer, Geschäftsführerin von Sport 2000, sprach von einem schleichenden Verlust an Wertschöpfung und Gestaltungsmacht. "Traditionsbetriebe verschwinden, Nachfolger fehlen. Damit verlieren wir nicht nur Arbeitsplätze, sondern auch die regionale Versorgung. Wir brauchen dringend eine Händleroffensive mit einer Halbierung der Bürokratiebelastung bis 2035 und spürbaren Erleichterungen bei Unternehmensgründungen", sagte Andorfer.
Auch die hohen Energiekosten belasten den Handel massiv. Andrea Heumann, Geschäftsführerin von Thalia Österreich, verwies auf die im EU-Vergleich extrem hohen Strom- und Gaspreise. "Strom hat sich seit 2020 um 59 Prozent verteuert, Erdgas sogar um 128 Prozent. Diese Kosten wirken sich entlang der gesamten Wertschöpfungskette aus und dämpfen letztlich auch die Kauflaune der Konsument:innen", so Heumann. Der Handel unterstützt daher die Forderung der Bundeswettbewerbsbehörde nach einer Auflösung von Kreuzbeteiligungen im Energiesektor.
Beim Thema Arbeit sieht Andrea Hiotu, Mitglied der Geschäftsleitung von dm Österreich, dringenden Reformbedarf. "Wenn eine Mitarbeiterin bei 38,5 Stunden netto weniger verdient als bei 20 Stunden, dann läuft etwas grundlegend falsch. Leistung muss sich lohnen. Wir brauchen Arbeitsanreize statt eines Abgabenkaisertums", so Hiotu. Zusätzlich fordert der Handel eine schrittweise Senkung der Lohnnebenkosten bis 2035.
Fair Play im Onlinehandel und Technologie als Chance
Ein weiterer Schwerpunkt lag auf dem internationalen Onlinehandel. 2025 wurden in Österreich rund 430 Millionen Pakete zugestellt, mehr als 100 Millionen davon aus China. Für Harald Gutschi, Geschäftsführer von Otto Austria, ist das aktuelle System nicht tragfähig. "Während europäische Händler:innen jeden Zettel ausfüllen und jede Vorschrift einhalten müssen, liefern globale Plattformen massenhaft Waren unter erleichterten Bedingungen. Das grenzt an unterlassene Hilfeleistung für den heimischen Handel", sagte Gutschi. Die angekündigte nationale Paketabgabe sowie der geplante EU-Pauschalzoll von drei Euro seien wichtige Schritte, reichten aber nicht aus.
Der Handelsverband fordert zusätzlich eine rasche Abschaffung der 150 Euro Zollfreigrenze und eine konsequente Plattformhaftung. Gleichzeitig sieht der Handel große Chancen in neuen Technologien. Laut einer aktuellen HV-Befragung setzen bereits 62 Prozent der Händler:innen KI-Tools in einzelnen Bereichen ein. Vor einem Jahr waren es erst 37 Prozent. Rainer Will betonte jedoch, dass Innovation Kapital brauche. "Der europäische Kapitalmarkt ist viermal kleiner als jener der USA. Wenn wir bei Technologien wie Generative AI mithalten wollen, müssen wir hier massiv aufholen."
Regierungsklausur als wichtiger, aber erster Schritt
Positiv bewertet der Handelsverband die jüngsten Ankündigungen aus der Regierungsklausur (LEADERSNET berichtete). Die geplante Halbierung der Mehrwertsteuer auf Grundnahrungsmittel sowie eine nationale Paketabgabe für Drittstaatenlieferungen seien wichtige Signale. "Wir begrüßen, dass die Bundesregierung die Zeichen der Zeit erkannt hat. Nun zählt der Vollzug", so Will.
Der Handel sieht sich an einem Wendepunkt. Die präsentierten fünf Forderungen versteht die Branche nicht als Wunschliste, sondern als Standortagenda. Ohne strukturelle Reformen drohen weitere Geschäftsaufgaben und ein Verlust regionaler Vielfalt. Mit Entbürokratisierung, fairen Wettbewerbsbedingungen und einer langfristigen Handelsstrategie 2035 könne der Sektor jedoch wieder zu einem stabilen Wachstumstreiber werden.
KEYaccount/LEADERSNET war bei der Pressekonferenz mit dabei. Fotos finden Sie hier.
www.handelsverband.at
www.sport2000.at
www.thalia.at
www.ottoversand.at
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