Fake News und Desinformation prägen heutzutage besonders die digitalen Medien und sorgen dafür, dass das Medienvertrauen der Österreicher:innen zunehmend sinkt. Wie genau, zeigt nun eine aktuelle Integral-Studie in Zusammenarbeit mit der Interessenvertretung interactive advertising bureau austria (iab austria), die sich mit ebendiesem Thema auseinandersetzt. Präsentiert wurden die Ergebnisse nun exklusiv beim jüngsten iab Business Breakfast, das am Mittwoch, dem 12. November, in den Meeting Suites by Bene über die Bühne ging.
"Das Vertrauen in klassische Medien schwindet zunehmend – zugleich verändert sich die Mediennutzung rasant", betont Rut Morawetz, Präsidentin des iab austria. "Vor diesem Hintergrund haben wir uns als iab austria in den vergangenen eineinhalb Jahren intensiv mit dem Thema Fake News auseinandergesetzt, stets im konstruktiven Austausch mit Politik und Wirtschaft. Um Wege zu mehr Medienkompetenz und Vertrauen zu diskutieren, fand auf gemeinsame Initiative mit ÖVP-Generalsekretär Nico Marchetti vor Kurzem erst ein Round Table im österreichischen Parlament statt (LEADERSNET berichtete)."
Vertrauen in öffentlich-rechtliches Fernsehen am größten
Den Auftakt machte Bertram Barth (Integral), der in seiner Keynote die zentralen Ergebnisse der repräsentativen Studie vorstellte. Die Studie basiert auf den Sinus-Milieus, einem wissenschaftlich anerkannten Gesellschaftsmodell, das Menschen mit vergleichbaren Werten und Lebensstilen in Gruppen einteilt. Befragt wurden dafür Personen im Alter von 16 bis 75 Jahren. Klar erkennbar bleibt das öffentlich-rechtliche Fernsehen der wichtigste Informationskanal – besonders für die 50- bis 75-Jährigen. Social Media dominiert hingegen bei den 16- bis 29-Jährigen. Bemerkenswert: Selbst traditionelle Milieus wie die "Konservativ-Etablierten" oder "Nostalgisch-Bürgerlichen" nutzen Social Media heute ebenso selbstverständlich wie modernere Gruppen wie "Kosmopolitische Individualisten" oder "Progressive Realisten".
Beim Vertrauen liegt das öffentlich-rechtliche Fernsehen – nach Behörden-Websites – in fast allen Milieus an der Spitze. Nur in der "Konsumorientierten Basis" liegt der Wert unter 50 Prozent. Social Media landet auf Platz zehn: Lediglich 20 Prozent der Nutzer:innen vertrauen den dortigen Informationen. Etwas mehr Vertrauen zeigen die "Adaptiv-Pragmatische Mitte", "Hedonisten" und "Kosmopolitische Individualisten", also digital affine junge Milieus.
Gefragt nach der Fake-News-Kompetenz, offenbaren sich große Widersprüche: 78 Prozent halten andere Menschen für kaum fähig, Falschmeldungen zu erkennen, während 69 Prozent sich selbst diese Fähigkeit zutrauen. Dennoch sind 56 Prozent schon einmal auf Fake News hereingefallen, und 74 Prozent haben in den letzten zwölf Monaten Desinformationen wahrgenommen – meist über Social Media, das in allen Milieus als Hauptverbreitungsort gilt.
Zur Kontrolle von Desinformation gibt es jedoch keine einheitlichen, milieu-übergreifenden Lösungen: Kennzeichnung von KI-Inhalten, Medienbildung und Qualitätsjournalismus finden einerseits breite Zustimmung – vor allem in den Leitmilieus. Staatliche Kontrolle oder verpflichtende Faktenchecks werden jedoch andererseits von systemkritischen Gruppen klar abgelehnt. Gleichzeitig wächst die Verunsicherung: Die Hälfte der Befragten nutzt digitale Medien seltener und weiß oft nicht mehr, welchen Informationen sie trauen kann. "Fake News führen zu Verunsicherung, die sich auf die Mediennutzung und Medienwahrnehmung insgesamt negativ auswirken können – besonders im 'Nostalgisch-Bürgerlichen Milieu' und in der von ihm stark beeinflussten 'Konsumorientieren Basis'", fasst Barth zusammen. "Und es gibt die moderne Mitte der 'Adaptiv-Pragmatischen', die auf der Suche nach Orientierung sind – Menschen, die glaubwürdige Medien schätzen und Rat und Unterstützung benötigen."
Hochkarätig besetzte Podiumsdiskussion
Im Anschluss an die Keynote kamen Nana Siebert (Der Standard), Eva Maria Kubin (Content Performance Group), iab-austria-Präsidentin Rut Morawetz, Julia Eisner (Women in AI) und Moderator Armin Rogl (Media Brothers) zu Wort und diskutierten, wie sich Medienvertrauen, Verantwortung und Informationsverhalten im digitalen Zeitalter verändern.
Laut Nana Siebert liege die Herausforderung für Medien vor allem darin, im Überangebot an Informationen journalistische Qualität sichtbar zu machen: "Wir leben in einer Überinformationsgesellschaft – evolutionär reagieren wir auf aufgeregte Inhalte stärker. Die Aufgabe von Journalisten sollte es sein, Ruhe hereinzubringen, weniger zu dramatisieren und dafür umso sorgfältiger zu arbeiten." Dabei spiele auch eine Kennzeichnung KI-generierter Inhalte eine Rolle. Zudem forderte Siebert einen Ausbau der Medienkompetenz-Workshops für Lehrkräfte.
Dass das Vertrauen vieler Menschen – nicht zuletzt infolge der Corona-Pandemie – nachhaltig erschüttert sei, hob Eva Maria Kubin hervor: "Es gibt nach wie vor Menschen, die meinen, dass klassische Medien ausschließlich politisch gesteuert sind und die generell allem misstrauen. Diese Gruppe wird man schwer erreichen können. Aber ich hoffe in der restlichen Bevölkerung auf eine Gegenbewegung zu der derzeitig global um sich greifenden Abkehr von Fakten. Ich gehe davon aus, dass man auch junge Menschen sehr wohl für Fakten und objektiv recherchierte Inhalte begeistern kann – dafür braucht es in den Redaktionen aber ebenfalls junge Menschen, deren journalistischer Arbeit sie ihr Vertrauen schenken können."
"Auf Social Media präsent zu sein, bedeutet für Medienhäuser einen erheblichen zusätzlichen Aufwand – und viele junge Menschen sind nicht bereit, dafür zu zahlen. Aber Wertschätzung dafür ist da, das zeigt auch die Studie", führte Rut Morawetz aus. "Gerade deshalb muss Medienförderung weitergedacht werden: Sie bedeutet nicht nur finanzielle Unterstützung, sondern auch Zuhören, Vernetzen und gegenseitiges Lernen." Zugleich betonte sie, dass sich Medien bewusst machen sollten, welche Verantwortung mit jedem investierten Werbeeuro einhergehe – denn letztlich trage jede:r einen Teil zur Gestaltung der Medienlandschaft bei.
Die Bedeutung von KI-Kompetenz als integralen Bestandteil moderner Medienkompetenz betonte Julia Eisner: "Viele junge Menschen ahnen kaum, wie stark Algorithmen ihre Wahrnehmung beeinflussen – oder was eine digitale Bubble überhaupt bedeutet. Gerade deshalb ist es entscheidend, früh ein Bewusstsein dafür zu schaffen, was Künstliche Intelligenz kann – und was nicht: zu Hause und in der Schule." Dafür brauche es auch Kompetenzen bei Eltern, Bezugspersonen und Lehrkräften, so Eisner. "Zugleich habe ich großes Vertrauen in die junge Generation: Sie will verstehen, kritisch hinterfragen und die digitale Zukunft aktiv mitgestalten."
Eindrücke vom iab Business Breakfast finden Sie in unserer Galerie.
www.iab-austria.at
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