LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Höllinger, 1911 wurde der Weltfrauentag erstmals offiziell gefeiert. Hat er für Sie in der heutigen Zeit noch Relevanz?
Valerie Höllinger: Auf jeden Fall. Der Weltfrauentag ist ein Anlass, genauer hinzusehen: Es ist für mich ein Tag, der aufzeigt, dass Gleichstellung sich, über den formulierten Anspruch hinaus, in Systemen, Produkten und Entscheidungen konkret niederschlagen muss. Funktionieren die Konzepte und Regelungen, die wir anstreben oder die wir als gut abgespeichert haben, wirklich für alle? Die Qualität zeigt sich im Alltag und ein Erfolgsmerkmal dabei sind unterschiedliche Perspektiven am Tisch. Sie erhöhen die Qualität unmittelbar. Standards arbeiten mit dem Prinzip des Schwarmwissens. Sie sind konsensbasierte Lösungen von Fachexpert:innen, die einheitlich definieren, wie gemessen, getestet und umgesetzt wird.
LEADERSNET: Was passiert, wenn Perspektiven fehlen?
Höllinger: Wenn Perspektiven fehlen, steigt das Risiko, dass Annahmen, Anwendungsfälle oder Umsetzungsfragen zu eng gedacht werden. Vielfalt ist daher kein Zusatz, sondern ein Qualitätsfaktor: je breiter die Expertise, desto robuster das Ergebnis. Deshalb haben wir unser Community-Management gezielt weiterentwickelt. Es wird künftig noch stärker als zentrale Schnittstelle zwischen internen Teams und externen Stakeholdern wirken.
Joanna Gajdek leitet zum Beispiel das Team International und vertritt Austrian Standards in wichtigen europäischen und internationalen Arbeitsgruppen, unter anderem in der Gender Diversity Coordination Group von CEN und CENELEC, den zentralen Organisationen für die europäische Normung. Außerdem ist sie, Bezug nehmend auf Diversität, international in der Arbeitsgruppe zu gender-responsive Standards von UNECE aktiv. Hinter diesem Begriff steht ein sehr wichtiges Instrument: gender-responsive Standards. Sie unterstützen dabei, unterschiedliche Perspektiven und Lebensrealitäten systematisch in der Standardisierungsarbeit zu berücksichtigen, damit Standards in der Anwendung fair und für alle praktikabel sind.
In ihrem Team arbeitet Kathrin Weinkogl als Komitee- und Communitymanagerin. Sie vernetzt im Bereich Managementsysteme, Expert:innen, stärkt die Zusammenarbeit in den Komitees und trägt dazu bei, kontinuierlich neue Fachleute für die Mitarbeit zu gewinnen. Managementsysteme steuern Themen wie Qualität, Sicherheit oder Gesundheit nachhaltig und nachvollziehbar, etwa Qualitätsmanagement nach ISO 9001, Umweltmanagement nach ISO 14001 oder Arbeitsschutzmanagement nach ISO 45001.
LEADERSNET: Es waren immer mehr Männer als Frauen in der Standardisierung vertreten. Wird das von Frauen jemals aufzuholen sein?
Höllinger: Die Idee der Standardisierung ist in einer Zeit entstanden, in der Frauen nicht die Rechte von Männern hatten. Aber auch zu jener Zeit gab es bereits Frauen, die in der Standardisierung mitgearbeitet haben und Vorsitzende waren. Aber definitiv zu wenig und zu sogenannten "Orchideenthemen". Diese Zeiten sind längst vorbei. So haben wir zum Beispiel für das Thema KI eine ausgewiesene Expertin als Leitung für die zuständige Arbeitsgruppe gewinnen können. Das ist nur ein Beispiel und je vielfältiger die Beteiligung, desto besser das Ergebnis. Deshalb lade ich auch immer wieder ausdrücklich ein, mitzumachen. Wer Praxiswissen hat und Zukunft mitgestalten möchte, ist bei uns willkommen.
LEADERSNET: Um was zu machen?
Höllinger: Standards werden von Fachleuten aus Wirtschaft, Forschung, Verwaltung und Interessenvertretungen entwickelt. Dabei werden in einem klar strukturierten Konsensprozess Fakten, Anforderungen und auch unterschiedliche Interessen systematisch zusammengeführt: Was muss ein Produkt, ein Verfahren oder eine Dienstleistung können, damit es in der Realität sicher, verlässlich und anwendbar ist?
Als Austrian Standards sorgen wir dafür, dass diese Expertise in Österreich zusammenkommt und professionell moderiert wird. Und das mit klaren Regeln, transparenten Schritten und dem Ziel, am Ende eine Lösung zu haben, die breit akzeptiert und umsetzbar ist. Und weil viele Themen längst nicht mehr an Landesgrenzen enden, ermöglichen wir über unsere Mitgliedschaften auch die aktive Mitgestaltung auf europäischer und internationaler Ebene. Kurz gesagt: Wer mitmacht, bringt Praxiswissen ein, hilft Anforderungen zu schärfen und gestaltet mit, wie sich Qualität und Zukunftsfähigkeit in ganz konkreten Bereichen ausprägen.
LEADERSNET: Was bringt es, in der Standardisierung mitzuarbeiten?
Höllinger: Wer in der Standardisierung mitarbeitet, gewinnt vor allem einen Wissens- und Netzwerkvorsprung. Sie sind im Austausch mit Expert:innen aus unterschiedlichen Branchen, auch über Österreich hinaus, und erkennen Markttrends und künftige Anforderungen oft Jahre früher, als sie breit sichtbar werden. So gestalten Sie mit, was morgen "state of the art" ist. Gleichzeitig sind die Diskussionen in den Gremien fachlich sehr tiefgehend. Man erhält Einblick in Best Practices, Innovationen, aber auch typische Fehlerquellen anderer Marktteilnehmenden. Standards bündeln diese konsolidierte Expertise. Und die Mitarbeit schärft das eigene Qualitäts- und Sicherheitsverständnis. Zudem ist die Mitarbeit in Österreich kostenfrei, in anderen Ländern muss man dafür zahlen.
LEADERSNET: Zum Abschluss möchte ich noch einmal zum Beginn unseres Interviews kommen: Wenn Sie Ihre Botschaft zum Weltfrauentag in einem Satz zusammenfassen: Wie lautet sie?
Höllinger: Meine Botschaft zum Internationalen Frauentag ist: Je vielfältiger die Perspektiven auf allen Ebenen, desto besser werden die Lösungen, von denen wir alle profitieren, weil sie mehr Lebensrealitäten mitdenken.
LEADERSNET: Vielen Dank!
www.austrian-standards.at
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