LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Wutscher-Hold, Sie führen das Familienunternehmen "sehenwutscher" in der dritten Generation. Gab es weibliche Vorbilder aus Ihrer Familie, deren Führungsstile den ihrigen besonders geprägt haben?
Alexandra Wutscher-Hold: Ja, auf jeden Fall. In meiner Familie gab es starke weibliche Vorbilder, die mich sehr geprägt haben. Besonders der Fleiß meiner Mutter hat mich beeindruckt. Sie ist stets mit großem Engagement und Verantwortungsbewusstsein vorangegangen und war für mich ein wichtiges Vorbild.
Auch meine Großmutter hat eine bedeutende Rolle gespielt. Sie hat meinen Großvater, den Unternehmensgründer, gerade in der schwierigen Anfangsphase tatkräftig unterstützt. Diese Stärke im Hintergrund, dieses Mittragen und Mitgestalten, haben mir gezeigt, wie wichtig Zusammenhalt und gemeinsame Werte in einem Familienunternehmen sind.
LEADERSNET: War für Sie immer klar, dass Sie in das Familienunternehmen einsteigen, oder gab es Momente in Ihrem Leben, in denen Sie einen ganz anderen Weg in Betracht gezogen haben?
Wutscher-Hold: Man kann fast sagen, dass mein Bruder und ich im Familienbetrieb groß geworden sind. Die Augenoptik war einfach immer präsent und Teil unseres Alltags. Natürlich stellt man sich als Jugendliche die Frage, ob man auch mal ganz andere Wege gehen möchte. Aber nach der Schule hat sich für mich schnell herauskristallisiert: Mein Platz ist im Familienunternehmen. Dabei war es mir jedoch extrem wichtig, nicht einfach nur 'einzusteigen', sondern ein solides Fundament zu bauen. Ich wollte mir das fachliche Optik-Know-How in der Tiefe aneignen und habe die Ausbildung zur Optikermeisterin und Kontaktlinsenoptikerin absolviert. Parallel dazu habe ich mich durch eine universitäre Ausbildung im Bereich Personal und Management darauf vorbereitet, das Unternehmen strategisch in die Zukunft zu führen. Diese Kombination aus technischem Fachwissen und Management-Know-how war für mich der Schlüssel für einen erfolgreichen Einstieg ins Familienunternehmen. Und diese Entscheidung habe ich bislang keinen einzigen Tag bereut.
LEADERSNET: Sie teilen sich die Geschäftsführung mit Ihrem Bruder. Wie sieht Ihre interne Aufgabenverteilung aus und was schätzen Sie an dieser geschwisterlichen Doppelspitze im Vergleich zu klassischen Managementstrukturen?
Wutscher-Hold: Mein Bruder und ich kümmern uns gemeinsam um alle Management-Prozesse und Entscheidungen im Unternehmen. Darüber hinaus fokussiere ich mich verstärkt auf die Themen Personal und Akademie, während Fritz vermehrt in den Bereichen Marketing und unserer Exklusivmarke Fr!tz Eyewear tätig ist. Daraus ergeben sich auch unsere Zusatzfunktionen als CHRO und CMO. Ich schätze an unserer geschwisterlichen Doppelspitze, dass wir Entscheidungen gemeinsam diskutieren und dadurch viel reflektierter treffen können. Außerdem ergänzen sich unsere Stärken perfekt. Auch bringt diese Struktur Vorteile hinsichtlich der Verfügbarkeit und gegenseitigen Vertretung mit sich.
LEADERSNET: Sie haben zudem die "Alexandra Wutscher Akademie" gegründet, mit der Sie ein starkes Zeichen für Bildung setzen wollen. Ist die persönliche Weiterentwicklung – gerade für Frauen in der Optik-Branche – ein zentraler Schlüssel für Erfolg? Und wenn ja, warum?
Wutscher-Hold: In der aktuellen Marktphase ist eine qualitativ hochwertige Aus- und Weiterbildung im eigenen Unternehmen kein bloßes 'Nice-to-have' mehr, sondern die Grundvoraussetzung, um als Unternehmen nachhaltig und gesund zu wachsen. Das beginnt bei einer fundierten Ausbildung unserer Lehrlinge, betrifft aber im Kern jede:n einzelnen Mitarbeiter:in im Betrieb. Ich bin davon überzeugt: Wer aktiv Wege und Räume zur Weiterentwicklung der Mitarbeiter:innen schafft, steigert die Loyalität und Identifikation mit dem Unternehmen massiv. Mitarbeiter:innen suchen heute nicht mehr nur einen Job, sondern Perspektiven. Wenn diese innerhalb der eigenen Firmenstruktur geboten werden, schaffen wir eine Win-win-Situation für beide Seiten.
LEADERSNET: sehenwutscher zählt rund 700 Mitarbeiter:innen. Damit tragen Sie natürlich enorme Verantwortung. Mit Blick auf den internationalen Frauentag am 8. März: Fördern Sie gezielt weibliche Talente, um auch in Führungspositionen innerhalb Ihrer Filialen für Ausgewogenheit zu sorgen?
Wutscher-Hold: Die Augenoptik hat sich generell zu einem sehr weiblich geprägten Berufsbild gewandelt. Um diesem Wandel gerecht zu werden, müssen wir moderne Rahmenbedingungen schaffen. Das bedeutet für uns konkret, Barrieren abzubauen – etwa durch Führungsmodelle in Teilzeit, individuelle Karrierepfade, familienfreundliche Rahmenbedingungen. In Frauen zu investieren und ihnen den Weg in Führungspositionen zu ebnen, ist für uns kein Trend, sondern eine unternehmerische Notwendigkeit für die Zukunft.
LEADERSNET: Sie wurden erst kürzlich mit dem Steirerin Award 2025 in der Kategorie Wirtschaft prämiert. Was bedeutet Ihnen diese Anerkennung für Ihre persönliche Karriere und die Sichtbarkeit von Frauen im Management?
Wutscher-Hold: Ich habe mich sehr über diese Auszeichnung gefreut – schon die Nominierung war eine besondere Wertschätzung meines bisherigen beruflichen Werdegangs, meiner täglichen Arbeit – und auch der Leistung des gesamten Teams bei sehenwutscher. Der Award hat einen Ehrenplatz in unserem Headoffice in Graz und gehört nicht nur mir, sondern allen Frauen, die täglich mutig ihren Weg gehen, anpacken und gestalten. Denn über den persönlichen Erfolg hinaus sind Formate wie diese natürlich ein wichtiges Instrument, um die Sichtbarkeit von Frauen in Führungspositionen, die leider immer noch nicht selbstverständlich ist, zu erhöhen. Indem wir weibliche Führungskräfte vor den Vorhang holen, senden wir ein starkes Signal an die nächste Generation: Management ist keine Frage des Geschlechts, sondern der Kompetenz und der Vision.
LEADERSNET: Und zu guter Letzt: In der Optik-Branche arbeiten viele Frauen, in der Chefetage sind sie allerdings oft noch in der Unterzahl. Was war die größte Hürde, die Sie auf Ihrem Weg zum CEO nehmen mussten? Und was würden sie jungen, aufstrebenden Frauen raten?
Wutscher-Hold: Ich freue mich, dass wir bei sehenwutscher bereits eine sehr fortschrittliche Unternehmenskultur leben und viele unserer Filialleitungen weiblich besetzt sind. Ich persönlich hatte das Glück, in einem familiären Umfeld aufzuwachsen, in dem mein Bruder und ich von Beginn an gleichermaßen gefördert und in Entscheidungsprozesse eingebunden wurden. Dennoch verschließe ich nicht die Augen vor der Realität außerhalb unserer Unternehmensgrenzen. Oft müssen Frauen die sprichwörtliche 'Extrameile' gehen, um sich in Führungspositionen Gehör und die gleiche fachliche Anerkennung zu verschaffen, wie ihre männlichen Kollegen. Mein Rat an junge, aufstrebende Frauen ist daher: Bleibt hartnäckig und steht selbstbewusst für eure Werte und Visionen ein, auch wenn es Gegenwind gibt. Doch eines ist mir besonders wichtig zu betonen: Dieser Wandel ist keine reine Frauenaufgabe. Wir brauchen die Männer als aktive Verbündete. Echte Gleichstellung im Management erreichen wir nur, wenn auch männliche Führungskräfte laut für diese Werte einstehen und aktiv Räume für Frauen öffnen. Es ist ein gemeinsamer Weg.
LEADERSNET: Vielen Dank!
www.wutscher.com
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