Interview Veronika Kirchmair
"Unterschiedliche Hintergründe, Erfahrungen und Perspektiven bereichern unser Haus"

Veronika Kirchmair ist Leiterin des St. Peter Stiftkulinariums, das auf über 1.200 Jahre Geschichte zurückblickt. Im LEADERSNET-Interview spricht sie u.a. über die Hürden in einer männlich dominierten Branche, über die Förderung von Frauen als entscheidenden Wirtschaftsfaktor und über die Bedeutung von Personal Branding in der heutigen Zeit. 

LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Kirchmair, Sie leiten das St. Peter Stiftskulinarium, das auf eine über 1.200-jährige Geschichte zurückblickt und damit auf eine Zeit, in der Führung fast ausschließlich männlich geprägt war. Wie geht es Ihnen mit der Rolle als moderne Gastgeberin in diesem historischen Erbe?

Veronika Kirchmair: Ich empfinde diese Rolle als große Verantwortung und zugleich als Chance. Ein Haus mit über 1.200 Jahren Geschichte bedeutet, Tradition zu bewahren, ohne starr zu sein. Als moderne Gastgeberin bringe ich Offenheit, Neugier und Zeitgeist in ein historisches Umfeld. Dabei ist es mir wichtig, dass sich das Stiftskulinarium weiterentwickelt, ohne seine Wurzeln zu verlieren. Ich sehe mich nicht als "Ausnahmefrau", sondern als Teil einer Entwicklung, die zeigt, dass weibliche Führung in der Gastronomie nicht nur möglich, sondern bereichernd ist.

LEADERSNET: Die Gastronomie und besonders die Spitzengastronomie ist eine männlich dominierte Branche. Welche spezifischen Hürden müssten Sie auf Ihrem Weg zur Leitung des Restaurants nehmen? Was raten Sie anderen Frauen, die eine ähnliche Karriere anstreben?

Kirchmair: Gastronomie braucht ein florierendes Zeitmanagement. Viele Frauen müssen hier sehr bewusst ihre Energie und Zeit kalkulieren und auf ein unterstützendes Umfeld bauen. Mein Rat: Vertrauen Sie auf Ihre Empathie und Ihr Feingefühl. Diese Eigenschaften sind im Umgang mit Gästen und Team unschätzbar wertvoll. Gleichzeitig sollten Frauen mutig Entscheidungen treffen, Verantwortung übernehmen und sich nicht von traditionellen Rollenbildern bremsen lassen. 

LEADERSNET: Und welche ökonomischen Anreize bedarf es Ihrer Meinung nach, um generell mehr Frauen den Schritt in die kulinarische Selbstständigkeit zu ermöglichen?

Kirchmair: Flexible Arbeitsmodelle, Förderprogramme für Gründerinnen und transparente Finanzierungsmöglichkeiten sind entscheidend. Die Gastronomie ist ein intensiver Beruf, in dem Erfolg von Präsenz und Hingabe abhängt. Wenn man Frauen durch passende Rahmenbedingungen, Mentoring und wirtschaftliche Unterstützung den Einstieg erleichtert, öffnen sich viele Chancen für langfristige, erfolgreiche Selbstständigkeit.

LEADERSNET: Und angesichts des Fachkräftemangels in der Gastronomie: Sehen Sie die gezielte Förderung von Frauen als wettbewerbsentscheidenen Wirtschaftsfaktor, um qualifiziertes Personal langfristig zu binden?

Kirchmair: Absolut. Frauen bringen besondere soziale Kompetenzen, Teamgefühl und Sensibilität mit. Das sind Eigenschaften, die in der Gastronomie essenziell sind. Unternehmen, die diese Talente gezielt fördern und flexible Strukturen schaffen, sichern sich nicht nur engagiertes Personal, sondern profitieren langfristig von stabilen Teams und einer höheren Qualität im Service und in der Küche. Bildung halte ich – auch über die Gastronomie hinaus – für unser wichtigstes Gut.

LEADERSNET: Sie sagen selbst, dass Sie Gastronomie als ganzheitliches Erlebnis betrachten. Inwieweit spielt für Sie hier generell Vielfalt (sprich Alter, Herkunft, Geschlecht) in Ihrem Team eine Rolle?

Kirchmair: Vielfalt ist für mich zentral. Unterschiedliche Hintergründe, Erfahrungen und Perspektiven bereichern unser Haus und unser gastronomisches Angebot. Ein diverses Team bringt neue Ideen, frischen Geist und Kreativität. Egal, ob in der Küche, im Service oder in der Organisation. Nur in einem Umfeld, in dem alle Stimmen gehört werden, kann ein Haus wie das Stiftskulinarium lebendig bleiben und sich weiterentwickeln.

LEADERSNET: Als Co-Eigentümerin einer der exklusivsten Adressen des Landes sind Sie ein stückweit selbst zur Marke geworden. Wie wichtig ist "Personal Branding" für Frauen in der Wirtschaft heute, um in einer von Männern dominierten Business-Welt die nötige Sichtbarkeit für ihre Projekte zu schaffen?

Kirchmair: Personal Branding ist heute entscheidend, gerade für Frauen in Branchen, die traditionell männlich dominiert sind. Es geht darum, Kompetenz, Haltung und Persönlichkeit sichtbar zu machen, ohne sich zu verbiegen. Ich sehe Branding nicht als Selbstinszenierung, sondern als Ausdruck dessen, wofür man steht: Qualität, Vision und Authentizität. Das schafft Vertrauen bei Gästen, Partnern und im eigenen Team.

Wie man persönlich auftritt, muss ehrlich sein. Es ist wichtig, eigene Ziele klar zu definieren und sich nicht bei jedem Windstoß von der Richtung abbringen zu lassen. Einen Weg konsequent zu Ende zu gehen, macht stark. Oft ist es gerade der Gegenwind, der uns die größte Motivation schenkt und uns weiterbringt.

LEADERSNET: Und zu guter Letzt: In einem Haus, das seit über 1.200 Jahren besteht, hat man sicher schon jede Form von Mansplaining erlebt – wenn die alten Klostermauern sprechen könnten, welche historische Anekdote über Männer, die Frauen die Welt erklären wollten, wäre heute Ihr Favorit für einen illustren Abend an der Bar?

Kirchmair: Historische Anekdoten gäbe es viele, doch mein Mann, Claus Haslauer, und ich arbeiten seit 36 Jahren gleichberechtigt und partnerschaftlich Seite an Seite. Für mich war von Anfang an selbstverständlich, dass Frauen in unserem Haus denselben Platz wie Männer einnehmen und ich habe stets klare Worte für unsere gemeinsame Vision gefunden.

LEADERSNET: Vielen Dank!

www.stpeter.at

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