"Krisen zeigen auf, wo wirklich Qualität produziert wird"

Friedrich Dungl, Geschäftsführer des NÖ Pressehaus, im exklusiven Interview über die Corona-Medienförderung, das Umdenken beim Informationskonsum, neue Geschäftsmodelle und die heimische Medienlandschaft 2020. 

In der Krise erreicht die NÖN mit der Printausgabe und der aktuellen Berichterstattung auf NÖN.at so viele Menschen wie noch nie zuvor. Österreichweit lesen gemäß Media Analyse 2019 601.000 Menschen jede Woche die NÖN bzw. BVZ-Printausgaben. Im so genannten weitesten Leserkreis sind es 1.431.000 Millionen. LEADERSNET hat Friedrich Dungl, Geschäftsführer des NÖ Pressehaus, zum Interview gebeten. 

LEADERSNET: Sind nicht gerade Krisen-Zeiten, wie jetzt durch Corona, Prüfsteine für den Qualitätsjournalismus?

Dungl: Einerseits sind solche Krisen ein Prüfstein, anderseits zeigen sie auf wo wirklich Qualität produziert wird und auf wen man sich verlassen kann.

LEADERSNET: Sind Medien eigentlich als systemrelevant anzusehen?

Dungl: Meiner Meinung nach ja. Während wir normalerweise overnewsed but underinformed durchs Leben gehen und von vielen Inhalten überschwemmt werden, die wenig relevant sind, ist das Bereithalten von Informationskanälen für die Menschen nun von existentieller Bedeutung. Wie sonst sollten wir von Verhaltensregeln und neuen Gesetzen erfahren?

LEADERSNET: Hat sich der moralische Anspruch der Journalisten an ihre Arbeit erhöht?

Dungl: Ich denke, dass die meisten Journalisten stets hohe (auch moralische) Ansprüche an ihre Arbeit haben. Wenn man die Medien aktuell beobachtet, gewinnt man den Eindruck, dass umfassend, sorgfältig und unaufgeregt berichtet wird. Den Redaktionen ist ihre Verantwortung ganz offensichtlich bewusst.

LEADERSNET: Kann man Medien als Krisengewinner bezeichnen? Oder ist "nur" die Digitalisierung der Krisengewinner?

Dungl: Die Medien gehören bestimmt zu den von der Krise besonders gebeutelten Branchen. Unsere Online-Plattformen haben natürlich gerade Rekord-Zugriffe, aber daran verdienen wir ja leider noch nichts. Anders sieht es für den Online-Handel aus. Hier ist ein weiterer massiver Anstieg zu beobachten, der nach der Krise auch nicht völlig abebben wird, weil sich das Konsumverhalten nachhaltig ändert.

LEADERSNET: Ist die Situation auch eine große Chance, ein Umdenken im Medienkonsum einzuläuten. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Nachrichten, ein Ende der Fake News?

Dungl: Ich hoffe, dass möglichst vielen Verantwortungsträgern bewusst wird, dass klassische Medien verlässliche Partner sind und so genannte "soziale Medien" in großem Umfang Verschwörungstheorien, Beschwichtigungsversuchen und gezielter Desinformation Raum bieten.

LEADERSNET: Einerseits gibt es in Medienhäusern Kurzarbeit, andererseits ist sehr viel zu tun. Bringt das besondere Herausforderungen und Spannungen mit sich?

Dungl: Ja, natürlich. Unsere Mitarbeiter stehen momentan extreme Belastungen durch. Von dieser Stelle auch ein großes Dankeschön an Alle die mit uns kämpfen. Entlastend wirkt aktuell nur der Entfall von Sportereignissen, Events, Veranstaltungen und Kulturereignissen über die nicht berichtet werden kann. Das spart etwas Zeit.

LEADERSNET: Ist nicht schon die Problemstellung, dass es wirtschaftlich schlecht geht, aber der Informationsbedarf ungeheuer hoch ist, eine nahezu grenzwertige?

Dungl: Viele Menschen klopfen uns derzeit virtuell auf die Schulter und bedanken sich für die geleistete Arbeit und dass wir der Informationspflicht in vollem Umfang nachkommen. Wie wir das finanzieren und stemmen sollen, fragen sich unsere Leser, Nutzer und Partner natürlich nicht. Das bleibt unsere Herausforderung. Aber mit diesem Schicksal sind wir in diesen Tagen nicht allein.

LEADERSNET: Digitalisierung ist nicht nur seit der Krise in den Fokus gerückt. Verzeichnen Sie Reichweitenzuwächse sowohl in Online als auch in Print?

Dungl: Die Zeitungsverkäufe sind hoch und auch die Abo-Abschlüsse laufen sehr gut. Der Zugriff auf die Online-Plattformen explodiert in noch nie dagewesenem Umfang. Von Februar auf März sind die Unique Clients von 1,9 auf 3,7 Mio. gewachsen und auch die Visits haben sich verdoppelt. Das zwingt uns jetzt dazu unsere Serverkapazitäten zu erweitern, damit wir den Ansturm bewältigen können.

LEADERSNET: Sollte man die Rolle der Medien vor der Krise und jetzt mit anderen Augen sehen?

Dungl: Man hätte auch vor der Krise die klassischen Medien nicht derartig aushungern sollen. Viele Unternehmen sind in wirtschaftlich problematische Situationen gerückt.

LEADERSNET: In welchen Branchen funktioniert das Werbegeschäft dennoch?

Dungl: Wir haben kleinere Erfolge bei lokalen Initiativen für Lieferservice oder kleine Händler, die nun einen Online-Shop anbieten. Der Rest sieht düster aus.

LEADERSNET: Blickt man auf die zwei Beine Vertriebserlöse und Werbung. Welche Auswirkungen sind hier besonders spürbar?

Dungl: Während die Werbeerlöse wegbrechen, sind die Vertriebsumsätze erfreulich. Allerdings können diese das Umsatzminus im Anzeigenbereich nicht einmal ansatzweise kompensieren.

LEADERSNET: Online Shops etc.: Suchen Medienhäuser jetzt besonders nach neuen Geschäftsfeldern? Und werden diese im Schnellverfahren aus dem Boden gestampft?

Dungl: Wir überlegen verschiedene neue Geschäftsfelder, kämpfen aber mit der Herausforderung, dass wir während Kurzarbeit und Arbeitsbeschränkungen nach wie vor wöchentlich Zeitungen herausbringen und Online laufend aktuell berichten. Das begrenzt die Möglichkeiten für "Schnellverfahren", da wir keine Hüftschüsse ins Blaue machen wollen. Teure Fehlschläge würden jetzt zur Unzeit kommen.

LEADERSNET: Wie sieht es mit den Umsatzverlusten aus? Lässt sich der Schaden schon abschätzen?

Dungl: Wir gehen von einem mittleren einstelligen Millionenbetrag aus.

LEADERSNET: Welche Rolle spielen die Sozialen Medien? Verliert das Influencer-Marketing an Gewicht?

Dungl: In meinem privaten Umfeld stelle ich fest, dass zum Glück immer mehr Menschen hinterfragen, was da so alles durch das Netz geistert. Beim Verifizieren oder Falsifizieren greifen sie nun verstärkt auf klassische Medien zurück. Wir bekommen viele sehr ermutigende Glückwunschschreiben von unseren Lesern und Nutzern.

LEADERSNET: Home Office und Co.: Werden alte interne Abläufe vermehrt in Frage gestellt? Werden Projekte nun schneller entwickelt und umgesetzt?

Dungl: Wir lernen momentan erzwungener Maßen sehr rasch, wie wir unsere Organisation und Abläufe optimieren. Einiges davon werden wir beibehalten.

LEADERSNET: Wie war die Geschäftsentwicklung im abgelaufenen Geschäftsjahr?

Dungl: Wir haben wie die meisten anderen in der Branche unter dem Machtvakuum zwischen Mai und September gelitten. Die Kommunikation der öffentlichen Institutionen war praktisch inexistent. Das konnten wir auch in den letzten drei Monaten nicht mehr aufholen.

LEADERSNET: Was bringt ein Blick in die Zukunft bei ihren Produkten?

Dungl: Wir bleiben bei der Entwicklung unserer Bezahlschranke dran. Wir merken gerade jetzt welchen zentralen Platz die Plattformen von NÖN und BVZ im täglichen Medienkonsum bereits einnehmen. Und hochwertige Inhalte dürfen etwas kosten.

LEADERSNET: Welches Szenario skizzieren Sie für die heimische Medienlandschaft 2020?

Dungl: Krisenmodus aber keine Schockstarre. Die Kollegen arbeiten sehr konzentriert daran ihre Unternehmen mit möglichst geringen Blessuren durch die Krise zu steuern, aber auch schon an der Zeit danach!

LEADERSNET: Die Regierung hat nun auch ein Hilfspaket für Medien in der Coronakrise geschnürt. Wie beurteilen Sie dieses?

Dungl: Ich freue mich, dass die Bundesregierung Medienunternehmen als demokratiepolitisch wichtig und als schützenswerte kritische Infrastruktur betrachtet und dass rasch reagiert wurde, um in dieser schweren Krise zu helfen. Über den Förderansatz kann man allerdings geteilter Meinung sein. Damit ein Medium wirksam werden kann, braucht es journalistische Inhalte. Meinungsvielfalt entsteht nicht durch das Abschreiben oder Aggregieren von Information, sondern durch ihre Erstellung. Daher wäre für mich z.B. die Förderung journalistischer Arbeitsplätze viel zielgerichteter als die Belohnung einer möglichst hohen Druckauflage! Gratiszeitungen haben naturgemäß wesentlich weniger Leser pro Exemplar als Kaufzeitungen. Auflage lässt also keinen Rückschluss auf Reichweite zu. Und der Vertrieb ist viel billiger. 100 Exemplare in eine Entnahmebox zu füllen kostet einen Bruchteil von dem Betrag der nötig ist, um an 100 Abonnenten (vielleicht auch noch auf dem Bergbauernhof) zuzustellen. Der Förderansatz „Druckauflage“ ist daher weder mit Reichweite, Qualität oder Kosten erklärbar. Und der Umstand, dass Wochenzeitungen und Magazine von dieser Sonderförderung völlig ausgeschlossen werden auch nicht.

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