Nach dem hochkarätigen Auftakt am Montagabend (LEADERSNET berichtete) stand der zweite Veranstaltungstag des Europa-Forum Wachau 2026 ganz im Zeichen von Europas Sicherheitsarchitektur, digitaler Souveränität, Gesundheitsversorgung und industrieller Resilienz. Zahlreiche hochrangige Vertreter:innen aus Politik, Militär, Wirtschaft und Wissenschaft diskutierten zum "Technology Day" darüber, wie Europa angesichts geopolitischer Spannungen, technologischer Abhängigkeiten und struktureller Herausforderungen handlungsfähiger werden kann.
Europa als Sicherheitsprojekt
Den Auftakt machte Klaudia Tanner (Verteidigungsministerin, Österreich) mit einer Keynote zur Neuausrichtung der europäischen Sicherheitsarchitektur. "Es besteht die Notwendigkeit, Europa von einem Friedens- auch zu einem Sicherheitsprojekt zu entwickeln. Angesichts einer sich wandelnden Weltordnung, die zunehmend von Rivalität und Machtpolitik geprägt ist, muss Österreich seine gesamtstaatliche Resilienz stärken und aktiv an der europäischen Sicherheits- und Verteidigungspolitik teilnehmen", so Tanner.
Auch Nikolaos Dendias (Minister für nationale Verteidigung, Griechenland) und Anatolie Nosatîi (Minister für nationale Verteidigung, Republik Moldau) betonten die Bedeutung einer stärkeren europäischen Verteidigungsfähigkeit. Während Dendias unter anderem politischen Willen, industrielle Kapazität, Innovation und technologische Souveränität als zentrale Säulen skizzierte, verwies Nosatîi auf Moldaus Rolle angesichts hybrider Bedrohungen und die europäische Integration als strategisches Sicherheitsziel.
In der anschließenden Diskussion "Under Pressure: Strategic Realities and the Modernization of Austria's Defense in a Changing Security Landscape" ging es unter der Leitung von Sebastian Enskat (Leiter Büro Wien, Konrad-Adenauer-Stiftung) um die Folgen des Ukraine-Krieges, die Modernisierung des österreichischen Bundesheeres, eine wehrhafte Gesellschaft und effizientere Prozesse. Auf dem Podium nahmen Harald Vodosek (Nationaler Rüstungsdirektor, Österreich), Markus Reisner (Militäranalytiker, Österreich), Carlo Masala (Professor, Universität der Bundeswehr München) sowie Martin Schiefer (Rechtsanwalt und Partner, Schiefer Rechtsanwälte) Platz.
"Wir versuchen derzeit, mit einer Regulatorik aus den 1950er- und 1960er-Jahren die heutigen Herausforderungen zu bewältigen. Dafür braucht es mehr Kooperation und mehr Geschwindigkeit", so Schiefer, und betonte: "Ohne Europa geht es nicht – mit Europa ist es allerdings manchmal auch schwierig. Entscheidend ist die Einbindung aller Akteur:innen: der Zivilgesellschaft ebenso wie industrieller Kooperationen. Das schafft Impulse für den Kapitalmarkt. Gleichzeitig sind auch wir selbst gefordert – insbesondere im Bereich der geistigen Landesverteidigung."
Militärische Tradition und moderne Verteidigungstechnik
Anschließend verband der Mittagsempfang der Verteidigungsministerin den sicherheitspolitischen Austausch mit militärischer Tradition. Serviert wurde ein klassisches Eintopfgericht aus der "Gulaschkanone", wahlweise mit oder ohne Fleisch. Begleitend dazu gab eine Leistungsschau des Österreichischen Bundesheeres Einblicke in moderne Verteidigungstechnik.
Gesundheit, Digitalisierung und pharmazeutische Sicherheit
Im weiteren Programmverlauf wurde das Gesundheitssystem als zentrale Zukunftsfrage behandelt. In der Paneldiskussion "Wandel des Gesundheitssystems & Niederösterreichs Antwort" standen etwa der demografische Wandel, der Fachkräftemangel und neue Versorgungsformen im Fokus. Unter der Moderation von Sebastian Mörth (Intuitive Futures Forum Berlin) diskutierten Peter McDonald (Vorsitzender, Österreichische Gesundheitskasse), Elisabeth Bräutigam (Vorständin, NÖ Landesgesundheitsagentur) und Anton Kasser (Landesrat, Niederösterreich). Kasser präsentierte Niederösterreichs Gesundheitsplan 2040 Plus und betonte die Bedeutung der Forschung, wo Niederösterreich "wirklich intensiv unterwegs" sei. Bräutigam verwies auf den Anspruch einer flächendeckenden hochwertigen Versorgung: "Alle im Bundesland müssen Zugang zur Spitzenmedizin haben, egal wo die Diagnose gestellt wird." McDonald wiederum hob die finanziellen Herausforderungen hervor und forderte eine stärkere Patientensteuerung sowie mehr Zusammenarbeit zwischen Sozialversicherung und Bundesländern.
In der zeitgleich stattfindenden Session "Digitale Souveränität: Kann Europa noch aufholen?" diskutierten unter der Moderation von Bettina Blumenthal (Moderatorin) unter anderem Alexander Pröll (Staatssekretär für Digitalisierung, Österreich), Iulian Cosmin Margeloiu (Staatssekretär Wirtschaftsministerium, Rumänien), Patricia Neumann (CEO, Siemens AG Österreich), Alexander Windbichler (Gründer und CEO, Anexia Holding), Michael Krammer (Gründer, Ventocom GmbH) und Thomas Arnoldner (Stv. CEO, A1 Telekom Austria Group) über Europas Rückstand bei Schlüsseltechnologien. Als zentrale Hebel wurden weniger nationale Fragmentierung, stärkere europäische Industriepolitik sowie Investitionen in Bildung, Infrastruktur und Künstliche Intelligenz genannt.
Im Pharmig Salon "Gesundheit & Sicherheitspolitik: Arzneimittel als strategische Ressource" ging es weiters um Gesundheit als sicherheitspolitische Frage. Unter der Moderation von Martina Salomon (Herausgeberin, Kurier) diskutierten Monika Köppl-Turyna (Direktorin, EcoAustria Institut für Wirtschaftsforschung), Stefan Hendriks (Senior-Vizepräsident und Leiter des westeuropäischen Clusters, Novartis), Walter Feichtinger (Präsident, Center für Strategische Analysen), Anton Kasser (Landesrat, Niederösterreich) und Markus Müller (Rektor, Medizinische Universität Wien). Genannt wurden unter anderem bürokratische Hürden, langsame Zulassungsverfahren und zu wenig Risikokapital als Gründe für Europas Rückstand im Innovationswettbewerb.
Industrie, Demokratie und geopolitische Zusammenarbeit
Zum Abschluss standen bei "Rüstung & Sicherheitspolitik: Industrielle Kooperationen und regionale Chancen" regionale Chancen, Verteidigungsfähigkeit und gesamtgesellschaftliche Resilienz im Mittelpunkt. Unter der Moderation von Heinz Stiastny (Vorstandsmitglied, Zentrum für Risiko- und Krisenmanagement) diskutierten Ronald Vartok (Leiter der Direktion für Verteidigungspolitik und Internationale Beziehungen, BMLV), Reinhard Marak (Leiter, WKÖ-Stabstelle Krisenmanagement und Sicherheitsvorsorge), Peter Koren (Vize-Generalsekretär, Industriellenvereinigung), Claus Zeppelzauer (Prokurist, ecoplus und Geschäftsführer, ecoplus Digital GmbH), Nicolas Stockhammer (Politikwissenschaftler, Department für Sicherheitsforschung, Universität für Weiterbildung Krems) und Markus Singer (Rechtsanwalt, Singer & Kessler Rechtsanwälte). Diskutiert wurde über Forschung und Entwicklung, rechtliche Anpassungen für industrielle Kooperationen sowie die Stärkung geistiger Resilienz.
Parallel dazu setzten drei Salons weitere thematische Schwerpunkte. Im "Google AI Salon" ging es unter anderem mit Staatssekretär Alexander Pröll um Künstliche Intelligenz in der öffentlichen Verwaltung, digitale Souveränität und GovTech-Lösungen. Der Salon "Demokratie, Macht & Medien", an dem unter anderem profil-Chefredakteurin Anna Thalhammer und Kurier-Herausgeberin Martina Salomon teilnahmen, widmete sich dem Verhältnis von Politik und Medien, digitalen Plattformen, Polarisierung und Vertrauensverlust. Im "IDM Danube-Salon" standen regionale Kooperationen, grenzüberschreitende Netzwerke, der Wiederaufbau der Ukraine und die europäische Integration im Donauraum im Mittelpunkt.
LEADERSNET war beim "Technology Day" vor Ort und hat Eindrücke für Sie in der Galerie gesammelt.
www.europaforum.at
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