Matthias Schabetsberger im Interview
"Reichweitenangst ist längst kein Thema mehr – dafür aber Zapfsäulenangst"

Im LEADERSNET-Interview spricht Matthias Schabetsberger, CEO von Polestar Österreich, über den Wandel der Automobilbranche, die wachsende Bedeutung von E-Mobilität, den Ausbau des österreichischen Händler- und Servicenetzwerks, die Zusammenarbeit mit Volvo, veränderte Kundenbedürfnisse und die Rolle von Ladeinfrastruktur und Digitalisierung.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Schabetsberger, Polestar konnte im ersten Quartal 2026 zulegen. Welche Faktoren waren aus Ihrer Sicht global und lokal entscheidend für diese positive Dynamik – insbesondere am österreichischen Markt?

Matthias Schabetsberger: Wir blicken auf ein Rekordjahr 2025 zurück und konnten den positiven Trend im ersten Quartal fortsetzen – und das in einem sehr kompetitiven und herausfordernden Premium EV-Segment. Für uns war dabei der entscheidende Faktor die Erweiterung unseres Vertriebsmodells um Einzelhandelspartner. Weltweit gibt es mittlerweile 230 Retail-Standorte, und in Österreich ist es uns dank neun Einzelhandelspartnern gelungen, die Zahl unserer Standorte von drei auf insgesamt elf deutlich auszubauen. Polestar gewinnt an Tempo und Sichtbarkeit, und das ist für uns entscheidend.

LEADERSNET: Welche Bedeutung hat die aktuelle internationale Entwicklung für die Positionierung von Polestar in Österreich – und welche Marktchancen ergeben sich daraus konkret für die kommenden Monate und Jahre?

Schabetsberger: Der Automobilmarkt befindet sich im Wandel. Elektromobilität ist kein Nischenthema mehr, sondern entwickelt sich zunehmend zum neuen Standard. Reichweitenangst ist längst kein Thema mehr, dafür aber eine Zapfsäulenangst. Das ist natürlich der aktuellen geopolitischen Situation geschuldet. Wir verzeichnen aber generell ein steigendes Interesse an Elektroautos, vor allem auch, weil immer mehr Konsument:innen sich bewusst für eine klimafreundlichere Mobilität entscheiden. Gerade in Österreich sehen wir großes Potenzial, auch weil der Ausbau der Infrastruktur rasch voranschreitet.

LEADERSNET: Polestar baut sein Partner- und Servicenetzwerk in Österreich aus. Welche strategische Rolle spielt physische Präsenz heute noch in einer zunehmend digitalisierten Customer Journey für E-Mobilität? Beim Markteintritt verfolgte die Marke ja noch klar einen "digital first"- bzw. "digital only"-Ansatz, der sich aber als wenig erfolgreich erwiesen hat.

Schabetsberger: Wir haben unser Vertriebsmodell erweitert, weil wir gemerkt haben, am Ende geht es darum, wirklich nah an unseren Kund:innen zu sein. Deshalb kombinieren wir heute ganz gezielt beide Welten: Interessierte können nach wie vor online kaufen, aber auch direkt beim Händler vor Ort. Gerade im Premium-Segment spielen persönliche Beratung und individuelle Betreuung nach wie vor eine große Rolle. Umso mehr freut es uns, dass wir in Österreich mittlerweile elf Standorte haben, die genau das ermöglichen.

LEADERSNET: Wie stellen Sie sicher, dass mit jedem neuen Standort nicht nur die Reichweite steigt, sondern auch die Marken- und Servicequalität auf einem einheitlich hohen Niveau bleibt? Und inwiefern profitiert Polestar dabei von der "Schwestermarke" Volvo?

Schabetsberger: Unsere Händlerpartner sind allesamt auch Volvo-Betriebe. Die enge Zusammenarbeit mit unserer Schwestermarke hilft uns hier, da wir auf ihr hochwertiges und gut ausgebautes Netzwerk zurückgreifen dürfen. Dank mittlerweile 32 Polestar Service Points ist sichergestellt, dass Kund:innen stets einen kompetenten Ansprechpartner in ihrer Nähe haben. Darüber hinaus ist für uns entscheidend, dass Kund:innen an jedem Standort dieselbe Polestar Experience haben. Deshalb treten wir auch mit einer klaren, einheitlichen Corporate Identity auf. Wenn Sie also in den Polestar Space in Wien gehen, sieht der dem neuesten Polestar Space in Dornbirn sehr ähnlich.

LEADERSNET: Bisher produziert Polestar seine Modelle in Asien, vor allem in chinesischen Werken, und in den USA. Im Vorjahr wurde auch eine europäische Produktion angekündigt: Wo wird diese stattfinden und welche Modelle sollen künftig "in der alten Welt" vom Band rollen?

Schabetsberger: In Sachen Plattformen und Produktionsstätten setzen wir auf Konzernstrukturen. Wir produzieren derzeit auf zwei Kontinenten und haben zuletzt auch die Produktion des Polestar 3 in den USA konsolidiert. Der Polestar 4 wird ebenfalls in Südkorea gefertigt, die Produktion des Polestar 7 soll in Europa erfolgen. 78 Prozent des weltweiten Absatzes passieren in Europa, deshalb sind kurze Lieferwege sinnvoll. Wir stellen uns also auch hier breiter auf.

LEADERSNET: Energieversorgung und Ladeinfrastruktur bleiben zentrale Themen der E-Mobilität. Wie positioniert sich Polestar in der aktuellen Diskussion rund um Energieeffizienz und alltagstaugliches Laden?

Schabetsberger: Für die breite Akzeptanz der E-Mobilität sind die wahrgenommene Alltagstauglichkeit und ein Vertrauen in die Ladeinfrastruktur entscheidend. In Österreich schreitet der Ausbau voran und es wird weiter in die Infrastruktur investiert. Deshalb freue ich mich auch besonders über unsere Kooperation mit OMV eMotion. Wir können damit unseren Polestar Fahrenden attraktive Konditionen in einem richtig gut ausgebauten Ladenetzwerk bieten. Moderne E-Mobilität bedeutet aber auch, dass viele Ladevorgänge bequem zuhause stattfinden. Hier schaffen wir Möglichkeiten, um die Gesamtkosten für Polestar Fahrende zu reduzieren, indem wir Smart Charging eingeführt haben. Das Fahrzeug verwaltet die Ladezeiten damit basierend auf Energiepreissignalen, dem Haushaltsbedarf und den Netzbedingungen, was Kosteneinsparungen ermöglicht.

Wir arbeiten kontinuierlich daran, Energieverbrauch und Ladeperformance zu optimieren – etwa durch effiziente Antriebssysteme, intelligentes Batteriemanagement und Software-Updates Over-the-Air. Unser Ziel ist es, Elektromobilität möglichst unkompliziert und alltagstauglich zu machen.

LEADERSNET: Welche technologischen Entwicklungen – etwa im Bereich Reichweite, Ladegeschwindigkeit oder Softwareintegration – sehen Sie derzeit als entscheidend, um die Akzeptanz von E-Mobilität weiter zu erhöhen?

Schabetsberger: Die Technologie ist meiner Meinung nach nicht das Thema. Vorbehalte gegenüber Elektroautos werden immer weniger, je mehr Menschen einmal die Erfahrung gemacht haben, wie angenehm das Fahrerlebnis und wie mühelos der Alltag mit einem E-Auto ist. Was es aber braucht, sind klare Signale der Entscheidungsträger:innen und ein Bekenntnis dazu, den Wandel voranzutreiben. Jede Diskussion darüber, ein Verbrenner-Aus abzuwenden oder zu verzögern, ist ein Rückschritt und führt zu Verunsicherung.

LEADERSNET: Bei den aktuellen Modellen setzt Polestar - wie zahlreiche andere Hersteller - sehr stark auf Touchbedienung, was bei vielen Kund:innen und Motorjournalist:innen nicht allzu gut ankommt. Künftig wird eine stark ablenkende Bedienung auch im EuroNCAP-Crashtest bestraft. Wird es künftig auch bei Polestar wieder mehr "echte" Knöpfe und Tasten geben?

Schabetsberger: Vorweg ist festzuhalten, dass EuroNCAP für uns ein wichtiger Gradmesser ist – umso stärker ist natürlich auch das Signal, dass all unsere Fahrzeuge die Höchstbewertung erreicht haben. Polestar 3 erhielt 2025 sogar die Auszeichnung als sicherstes Fahrzeug der oberen Mittelklasse. Entscheidend ist für uns die Fahrer:innenorientierung. Das heißt, dass wir die Bedienung möglichst intuitiv gestalten wollen. Deshalb evaluieren wir, welche Funktionen sinnvoll über den Touchscreen gesteuert werden und wo physische Bedienelemente Vorteile bringen. Ich schließe nicht aus, dass in künftigen Modellen mehr Knöpfe oder Drehregler zu finden sind.

LEADERSNET: Welche neuen Modelle hat Polestar in der Pipeline und was erwarten Sie sich vom neuen Flaggschiff Polestar 5, dessen Technik und Leistung mindestens so ambitioniert sind wie sein Preis?

Schabetsberger: Erst vor Kurzem haben wir unsere größte Modelloffensive mit vier neuen Fahrzeugen in den kommenden drei Jahren angekündigt. Das umfasst eine neue Variante unseres Bestseller Polestar 4, einen Nachfolger des ikonischen Polestar 2, den Kompakt-SUV Polestar 7 sowie den Polestar 5, für den erste Auslieferungen im Sommer diesen Jahres erfolgen. Ein Auto wie dieses gibt es bisher nicht. Basierend auf dem Konzeptfahrzeug Precept verkörpert er alles, wofür Polestar steht. Er ist sozusagen unsere Marke auf Rädern. Als Luxus Grand Tourer ist er natürlich kein Volumenmodell, sondern soll Begehrlichkeit wecken und auf die weitere Modellpalette abstrahlen.

LEADERSNET: Abschließend: Polestar setzt stark auf Transparenz in der Lieferkette und CO₂-Bilanzierung pro Fahrzeug. Welche Bedeutung hat diese Offenlegung für die Glaubwürdigkeit der Marke und die Kaufentscheidung Ihrer Kund:innen?

Schabetsberger: Unser Ziel ist es, die transparenteste Automarke der Welt zu sein. Und wir sind auf einem sehr guten Weg, immerhin waren wir der erste Hersteller, der den Fußabdruck seiner Fahrzeuge mit sogenannten Life Cycle Assessments offenlegt. Gerade erst haben wir auch unseren Nachhaltigkeitsbericht 2025 veröffentlicht, der zeigt, dass wir unsere Emissionen pro verkauftem Fahrzeug seit 2020 um 31 Prozent reduzieren konnten – und das bei gleichzeitigem Wachstum und weltweiter Expansion. Für uns ist Nachhaltigkeit eine Frage der Haltung, kein Marketingversprechen. Unsere Durchschnittskund:innen sind mit 45 Jahren etwas jünger, für sie sind Fragen der Nachhaltigkeit zunehmend auch ein Kaufargument. 

LEADERSNET: Vielen Dank.

www.polestar.com

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