Zahlreiche Besucher:innen hatten sich zur Eröffnung der 61. Biennale in Venedig in der anglikanischen Kirche St. George am Campo San Vio für eine raumgreifende Installation des österreichisch-irischen Künstlers Gottfried Helnwein eingefunden und der Zuspruch der Fachwelt war einhellig. Bereits nach 10 Tagen konnte die Kirche rund 10.000 Besucher:innen in der Ausstellung zählen. So etwa sah Sir Gabriele Finaldi als Direktor der National Gallery in London und Gast von Helnweins Installation "O Lamb of God" deutliche Bezüge zu dem von ihm ausgestellten Bild "Agnus Dei" des spanischen Barock Malers Francisco de Zurbarán in der aktuellen Ausstellung "Visions of Baroque Spain". Zahlreiche Museumsleute wie unter anderem die Direktor:innen Ulrike Groos vom Kunstmuseum Stuttgart oder Gerhard Lambrecht von der Kunsthalle Dessau zeigten sich durchweg begeistert von der durch den internationalen Ausstellungkurator Sebastian C. Strenger kuratierten Show des heute 78-jährigen Künstlers, ebenso wie Prominente aus Gesellschaft und Politik, wie u.a. der ungarische Honorarkonsul in Venedig Rudi Roth oder auch der Grazer Stadtrat Günter Riedler.

Gottfried Helnwein im Gespräch mit Gerhard Krispl vor der anglikanischen Kirche St. George in Venedig © LEADERSNET / Manfred Lach
Tatsächlich dominiert Helnweins Biennale-Werk mit zwei 20 x 10 Meter großen Wänden mit Darstellungen von teils übergroßen undefinierbaren schwebenden Figuren in Kindergestalt den Raum im großen Kirchenschiff, welche auf einen in Zentralperspektive gehängten Jesus im Superformat zulaufen. Allerdings hier als Christuskind mit den Wunden als Stigmata in Erscheinung eines etwa elfjährigen Jungen und nicht in üblicher ikonographischer Darstellung als Mann im Alter von 30 Jahren. Eine insgesamt rund 1.000 Quadratmeter große begehbare Rauminstallation, die im Altarraum eine Skulptur zu dessen Füßen durch den Künstler erhält.
Künftig hier auch nach der Biennale der Altar für die Messen der Kirche, mit vom Künstler bearbeiteten Marmor aus Carrara und Glas aus Murano, die ein mit einer Augenbinde versehenes Kind aus Marmor auf einem großen Marmorblock zeigt, über den sich ein Glassturz legt. Ganz in Analogie zu frühzeitlichen Opferritualen, bei denen es um ein reines, makelloses Tier ging, dass man zu opfern bereit war und am Ende der Ausstellung hier durch die großzügige Spende des Künstlers und seine ihn vertretende Galerie Bastian aus Berlin und Paris ins Kircheninventar übergehen lässt.
Die Elemente der Installation entspringen der Motivwelt des Künstlers mit seiner hyperrealistischen Malweise und schaffen von der Wimper bis zu den Blutstropfen eine übersteigerte Authentizität, die den Hyperrealismus Helnweins zur schockierenden Realität werden lässt. Auch in Venedig imitiert Helnwein mit den Mitteln der Malerei die Unbestechlichkeit einer Kamera und katapultiert subtil seine Darstellungen in das Reich der Fiktion. Die Inszenierung durch seine hier gezeigten monumentalen Formate entziehen dem Dargestellten zwar seine erlebbare Wirklichkeit, öffnen zugleich aber Assoziationsräume zu des Künstlers wichtigstem Werkthema: Das Kind.

Gottfried Helnwein auf der Bühne mit Ausstellungkurator Sebastian C. Strenger © LEADERSNET / Manfred Lach
Von den 1970er Jahren an widmete Helnwein sich diesem zentralen Thema in seinem Werk. Das Kind als Sinnbild für die Unversehrtheit und Authentizität eines Individuums und als Ideal, quasi dem Höhepunkt unserer Existenz mit Tugenden wie unbegrenzter Vorstellungskraft und unendlichen Ideenreichtum ausgestattet. Dies jedoch bei gleichzeitiger Fragilität durch Verletzlichkeit und Manipulationsfähigkeit von Kindern und stets der Gefahr von Demütigung, Missbrauch, Gewalt und Grausamkeit ausgesetzt. Das Kind, immer auch schwächstes Glied in der Gesellschaft, bei Konflikten, Kriegen und als Sinnbild für das Opfer.
"Ich will mit meiner Arbeit Bereiche ansprechen, über die die Gesellschaft so gerne hinweggeht. Ich will Dinge sichtbar machen, die die Menschen lieber verdrängen und unsichtbar lassen würden. Ich will sie dazu verführen, diese Dinge anzusehen. Die Helden meiner Geschichten sind die Kinder, als Metapher für eine potenzielle Unschuld und eine im Innersten des Menschen vorhandene Unverletzlichkeit und Unbesiegbarkeit."
Gottfried Helnwein wurde am 8. Oktober 1948 in Wien geboren. Für seine Verdienste in der bildenden Kunst wurde der Künstler jüngst mit dem Goldenen Komturkreuz des Landes Niederösterreich ausgezeichnet. Der frühere Meisterschüler des "phantastischen Realisten" Rudolf Hausner wurde bereits früh mit Auszeichnungen, wie dem Meisterschulpreis (1970), dem Kardinal-König-Preis (1971) und dem Theodor-Körner-Preis (1974) geehrt. Helnwein verließ Österreich in den 1980er Jahren und lebte und arbeitete in Deutschland, Irland, den USA und Tschechien. Derzeit ist das Werk Helnweins im Museum Solo in Madrid in seiner Retrospektive "Mundos Invertidos" zu sehen. Anfang Oktober zeigt das Europäische Museum für Moderne Kunst (MEAM) in Barcelona mit "La Guerra Continua" einen Dialog seines Werkes mit dem spanischen Maler Francisco de Goya. Die Ausstellung "O Lamb of God" zur Biennale ist noch bis zum 2. August 2026, täglich von 11 bis 20 Uhr, zu sehen.
Text Maria del Mar Strenger-González
Fotos von der Eröffnung sehen Sie in unserer Galerie.