Bilanz zum Song Contest 2026
Dara holt den ESC-Sieg, die Wirtschaft zieht eine gemischte Bilanz

Der 70. Eurovision Song Contest in Wien brachte eine Überraschungssiegerin, Rekordquoten für den ORF und ein Millionenplus für den Handel. Der große Ansturm auf die Hotellerie blieb jedoch aus und den Public-Viewing-Veranstaltungen verhagelte das schlechte Wetter die Bilanz.

Ein vollkommen verrückter Votingkrimi hat in der Nacht auf Sonntag dem Eurovision Song Contest eine überraschende Siegerin beschert: Die bulgarische Sängerin Dara gewann mit ihrer Dancepopnummer "Bangaranga" den Bewerb in der Wiener Stadthalle haushoch mit 516 Punkten. Ihr Song kam bei den ESC-Fans am besten an. Durch ihren Sieg holt Dara das große Musikevent 2027 nach Bulgarien. Platz zwei ging an Israel mit Noam Bettan, Platz drei eroberte Alexandra Căpitănescu aus Rumänien. Für das Gastgeberland verlief der Abend sportlich enttäuschend: Der heimische Vertreter Cosmó landete auf dem vorletzten Platz, entging mit sechs Punkten jedoch immerhin dem Null-Punkte-Schicksal.

Abseits der Bühne kann eine gemischte wirtschaftliche Bilanz gezogen werden, die von glänzenden Handelsumsätzen und historischen TV-Rekorden, aber auch von einer spürbaren Zurückhaltung in der Hotellerie geprägt ist.

Wirtschaftlicher Impuls und Millionenplus für den Handel

Rund 88.000 zusätzliche Besucher:innen wurden in Wien zum 70. Jubiläumsjahr des ESC erwartet. Laut Berechnungen der Stadt Wien wurde ein Nachfrage-Impuls von rund 57 Millionen Euro prognostiziert, der eine geschätzte Wertschöpfung von 52 Millionen Euro für Wien und ganz Österreich generieren soll. Jeder investierte öffentliche Euro erwirtschafte dabei 1,70 Euro an Wertschöpfung, während der internationale Image- und Medienwert der Austragung auf rund 730 Millionen Euro geschätzt wird. Wiens Bürgermeister Michael Ludwig betonte im Vorfeld, dass der ESC starke wirtschaftliche Akzente setze und die Wirtschaft der Stadt stärke.

Besonders der österreichische Einzelhandel profitierte massiv von dem Großereignis. Hochrechnungen des Handelsverbandes zeigten einen Mehrumsatz von rund 70 Millionen Euro. "Der ESC ist nicht nur ein Medienereignis mit überragender Reichweite, er hat auch starke Auswirkungen auf unser Konsumverhalten. Der österreichische Handel darf sich auf einen Mehrumsatz von rund 70 Millionen Euro freuen", erklärte Rainer Will, Geschäftsführer des Handelsverbands. Vor allem die Lebensmittel-, Mode-, Elektro- und Sportartikelhändler profitierten von den Ausgaben, wobei rund 17 Prozent der Bevölkerung zusätzliche Ausgaben mit durchschnittlich 108 Euro pro Kopf planten. Besonders die "Gen Z" (18 bis 28 Jahre) zeigte die stärkste Ausgabebereitschaft.

Auch die Tourismusattraktivität dürfte langfristig profitieren. Laut einer Potenzialstudie der Österreich Werbung führte das Event dazu, dass rund 36 Millionen Menschen ein zusätzliches Interesse an Österreich als Reisedestination zeigen. Geschäftsführerin Astrid Steharnig-Staudinger hielt fest, dass Kultur und Musik ein konkreter Reiseanlass und damit ein entscheidender Wettbewerbsvorteil für Österreich seien.

Hotellerie verfehlt den ganz großen Ansturm

Trotz der 95.000 verkauften Tickets für die insgesamt neun Shows in der Stadthalle blieb der erwartete Ansturm auf die Wiener Beherbergungsbetriebe hinter den ursprünglichen Erwartungen zurück. So lag die Hotelauslastung in der ESC-Woche bei lediglich rund 70 Prozent – viele Betriebe hatten im Vorfeld mit deutlich mehr Song-Contest-Gästen gerechnet. Es stellte sich die Frage, ob die Nachfrage überschätzt wurde, die Preise zu hoch angesetzt waren oder die Fans vermehrt auf Kurzzeitvermietungen auswichen.

Die Branchenvertreter bemühten sich indes um Schadensbegrenzung. Norbert Kettner, Geschäftsführer von WienTourismus, betonte Anfang Mai, dass die Buchungslage stabil sei, Wien jedoch zu keinem Zeitpunkt ausgebucht war. Mit über 42.000 Zimmern und rund 85.000 Betten verfüge die Stadt über ausreichend Kapazitäten. Markus Gratzer, Generalsekretär der Österreichischen Hotelvereinigung (ÖHV), stellte klar: "Der Song Contest regt die Fantasie offenbar sehr an. Von ausgebucht kann aber keine Rede sein." Er verwies darauf, dass selbst bei den höchstens 15.000 Gästen beim ESC-Finale in der Stadthalle rechnerisch noch immer 10.000 Hotelbetten frei geblieben wären. Dass einige Firmen im Vorfeld vortäuschten, es gäbe keine freien Zimmer mehr, bezeichnete Gratzer als Marketing-Fantasie. Dennoch blieb die Bilanz verhalten, da kurzfristig noch immer viele günstige Zimmer verfügbar waren.

Zudem trübte das schlechte Wetter die allgemeine Event-Stimmung außerhalb der Halle. Obwohl der WienTourismus mit "Vienna OffStage" das größte Social-Programm der ESC-Geschichte für Delegierte gestartet hatte und Welcome Desks in der ganzen Stadt einrichtete, machte das Wetter vielen Public Viewing Events im Land einen dicken Strich durch die Rechnung. Im Eurovision Village am Wiener Rathausplatz waren beim Finale aber dennoch gut 30.000 wetterfeste ESC-Fans mit dabei. Ein Großteil der Bevölkerung (30 Prozent) verfolgte die Shows letztlich aber lieber im privaten Familienkreis vor dem heimischen Bildschirm, während einer Umfrage zufolge lediglich vier Prozent ein Lokal oder ein Public Viewing besuchten. 

Historische TV-Quoten und Rekorde im ORF

Ein Erfolg war der ESC 2026 hingegen für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Die Live-Übertragung in ORF 1, moderiert von Victoria Swarovski und Michael Ostrowski, erzielte dem Medienunternehmen zufolge eine Rekordkulisse. Bis zu 1,684 Millionen Zuseher:innen verfolgten das große Finale, was dem ORF den reichweitenstärksten Wert seit dem ESC 2015 in Wien einbrachte. Der Marktanteil beim Gesamtpublikum lag bei bis zu 64 Prozent, während beim jungen Publikum astronomische Werte erzielt wurden: In der Zielgruppe der 12- bis 29-Jährigen kletterte der Marktanteil bei der finalen Entscheidung auf bis zu 93 Prozent.

Insgesamt erreichten die Sendungen des Finaltags einen weitesten Seherkreis von 3,268 Millionen Zuschauer:innen in Österreich – das entspricht 43 Prozent der heimischen TV-Bevölkerung ab zwölf Jahren. Auch der digitale Bereich meldete Rekorde: Rund 100.000 User:innen verfolgten das Event via Livestream auf ORF On. In Deutschland verfolgten zudem 8,18 Millionen Zusehende in der ARD die ORF-Übertragung aus der Wiener Stadthalle.

ORF-Generaldirektorin Ingrid Thurnher zog eine durchwegs positive Bilanz: "Mit der Ausrichtung des 70. Eurovision Song Contest hat der ORF ein internationales Großereignis realisiert, das von Millionen Menschen weltweit verfolgt wurde. Das Ergebnis ist eine ORF-Produktion, die einmal mehr verdeutlicht, wie bedeutend und international erfolgreich öffentlich-rechtliche Programmangebote sind." Fernsehdirektorin Stefanie Groiss-Horowitz ergänzte, der ESC habe gezeigt, was der ORF leisten könne, "wenn viele Zahnräder perfekt ineinandergreifen."

Neue Standards bei der Nachhaltigkeit

Ein zukunftsweisender Aspekt des Events war die offizielle Zertifizierung des Wettbewerbs. Der ESC 2026 erhielt das österreichische Umweltzeichen für "Green Producin" sowie für "Green Event" und wurde mit der Silber-Zertifizierung von Bio Austria ausgezeichnet. Durch den Einsatz einer vollständig LED- und lasergestützten Beleuchtung auf der Bühne sowie Batterien statt Diesel-Generatoren als Notfallbackup wurden massive Energiemengen eingespart. Zudem wurde gänzlich auf Einweggeschirr verzichtet und der Bio-Anteil beim Catering übertraf mit 64,3 Prozent das ursprüngliche Ziel von 60 Prozent.

Bundesminister Norbert Totschnig gratulierte dem ORF und betonte, dass die Veranstalter damit einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz leisteten und die regionale Wertschöpfung stärkten. Laut Michael Krön, Executive Producer des ESC 2026, konnte der ORF im Bereich Nachhaltigkeit neue Wege beschreiten. Gemeinsam mit der Stadt Wien und Partnern wie den ÖBB und dem Flughafen Wien wird nun ein umfassender Nachhaltigkeitsbericht erarbeitet, um zukünftigen Austragungsländern als wissenschaftlich fundierter Leitfaden zu dienen.

Galerien von diversen ESC-Veranstaltungen in Wien sehen Sie in den Galerien unten.

www.songcontest.orf.at

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