Neue Marktdaten zeigen, wie stark der KI-Sektor überhitzt ist. Die Phase des euphorischen Investierens geht in eine Zeit der Ernüchterung über. Ein bemerkenswerter Moment war dabei die Vorstellung von GPT-5 Anfang August 2025. Sam Altman hatte zuvor noch angedeutet, OpenAI stehe kurz vor einer Art Superintelligenz. Die Reaktion auf das Modell blieb jedoch verhalten. Der KI-Experte Gary Marcus sprach von einem Werk, das zwar erwartet, aber überschätzt worden sei. Auch im deutschsprachigen Raum erhielt Altman Gegenwind. Der Publizist Sascha Lobo sah die überzogene Rhetorik als Symptom einer Szene, die nur noch auf Übertreibung reagiert.
Eine Blase, die nachgibt
Laut Daten des US-Dienstleisters Carta lagen die Seed-Bewertungen amerikanischer KI-Start-ups im Jahr 2024 um mehr als 40 Prozent über jenen von Unternehmen ohne KI-Fokus. In späteren Runden war die Differenz mit etwa 50 Prozent noch deutlicher. Ähnliche Entwicklungen gibt es auch in Europa.
Ein zweiter Trend verstärkt das Bild: In Europa sinkt die Zahl der Venture-Capital-Deals im Bereich KI seit 2021 kontinuierlich, während der durchschnittliche Dealwert steigt. Finanzierer:innen setzen also weniger auf breite Streuung und stärker auf einzelne große Wetten. Für viele Jungunternehmen kann dies als Warnsignal gedeutet werden: Sobald diese Konzentration einsetzt, wird Kapital knapper.
Historische Parallelen drängen sich auf. Die späten Neunziger zeigen, wie rasch ein technologischer Höhenflug enden kann. Damals stiegen die Bewertungen von Internetfirmen schwindelerregend, ehe sie im Frühjahr 2000 förmlich implodierten. Mehrere Investor:innen sprechen heute von einem Déjà-vu.
Hinzu kommt, dass die kurzfristigen Investments der großen Tech-Unternehmen zurückgehen (siehe Grafik). So machen die kurzfristigen Investitionen von Microsoft etwa 16 Prozent des Gesamtvermögens zum Ende des dritten Quartals 2025 aus, ein Rückgang von etwa 43 Prozent im Jahr 2020. Die relativen Cash-Positionen von Alphabet und Amazon sind im Verhältnis zum Vermögen, das durch die Ausgaben für die KI-Infrastruktur gestiegen ist, ebenfalls deutlich kleiner geworden.
Kurzfristige Investitionen des Gesamtvermögens / Quelle: Morningstar, S&P Capital IQ
Auch Private-Equity-Firmen, die in der Coronapandemie vermehrt in junge Tech-Firmen investierten, ziehen sich aus frühen KI-Runden wieder zurück. KKR-Manager Philipp Freise warnte bereits im Sommer vor einer Welle an Beteiligungen, die unter Niedrigzinsbedingungen günstig finanziert wurden, heute aber kaum mehr abzustoßen sind. Der gemeinsame Nenner dieser Einschätzungen ist simpel: Viele KI-Firmen sind hoch bewertet, aber wirtschaftlich dünn aufgestellt. Branchenkenner:innen sprechen von negativen Margen und hohen Abhängigkeiten von Drittanbietern.
Der Fall Lovable
Das schwedische Start-up Lovable gilt als Paradebeispiel. Gegründet im November 2023, erreichte es nur acht Monate später eine Bewertung von rund 1,8 Milliarden Dollar. Lovable betreibt jedoch kein eigenes Modell, sondern nutzt die Systeme großer US-Konzerne und verkauft darauf spezialisierte Programmierdienste.
Das Problem dieser Anbieter liegt in den Kosten. Rechenleistung und API-Gebühren sind hoch. Dabei kann bezweifelt werden, dass die Abo-Einnahmen reichen, um die laufenden Ausgaben zu decken. Die turbulente Preisdebatte rund um Cursor, einen weiteren KI-Anbieter (US-amerikanisches Start-up im Bereich "AI-assisted coding"), unterstreicht die Unsicherheit. Nachdem das Unternehmen seine Tarife angehoben hatte, folgte eine Welle an Beschwerden, Rückerstattungen inklusive.
Hinzu kommt die schwache Kundenbindung. Viele Nutzer:innen verschwinden, sobald ein Projekt beendet ist oder es einen noch günstigeren Anbieter gibt. Ein KI-Gründer beschrieb den Markt kürzlich als Bereich, in dem sich Abwanderungsraten kaum stabilisieren lassen.
Investor:innen hoffen dennoch auf satte Exits. Dass Google im Juli den israelischen Sicherheitsanbieter Wiz für 32 Milliarden Dollar übernahm, dient vielen als Beleg für die Möglichkeit eines gewinnbringenden Verkaufs an einen großen strategischen Käufer im Markt.
Warnungen und wachsender Kostendruck
Die großen US-Konzerne investieren weiter massiv. Eine Analyse zeigt, dass die sieben größten Tech-Unternehmen in den vergangenen 18 Monaten rund 560 Milliarden Dollar in KI gesteckt haben. Die geschätzten KI-Umsätze lagen im selben Zeitraum jedoch nur bei etwa 35 Milliarden.
Auch OpenAI ringt mit den Kosten. Laut Einschätzungen des Economist erzielte das Unternehmen 2024 zwar einen Umsatz von rund 3,7 Milliarden Dollar, schrieb aber gleichzeitig ein Minus im Bereich mehrerer Milliarden. Das im Dezember 2024 veröffentlichte Modell OpenAI 03 soll etwa hundertmal teurer gewesen sein als sein Vorgänger. Branchenkreise gehen davon aus, dass solche Kostensprünge kein Einzelfall bleiben.
Dies kann Auswüchse einer Art Materialschlacht annehmen. Dabei können kleine Firmen die steigenden Kosten für Rechenleistung kaum stemmen. Die Gefahr besteht somit, dass ein großer Teil der heutigen Start-ups am Preisdruck scheitert.
OpenAI-Chef Sam Altman sagte selbst, Investor:innen seien "übererregt". Torsten Slok von Apollo (Anm.: Private-Equity-Unternehmen) meinte, die Top-10-Unternehmen des S&P 500 seien stärker überbewertet als in den Neunzigern. Ein MIT-Bericht von 2025 fand, dass 95 Prozent der Unternehmen "null Rendite" aus ihren Generative-AI-Investitionen erzielen.
Im Unterschied zur Dotcom-Blase der späten 1990er Jahre verfügen viele der heutigen Unternehmen, die in den KI-Sektor investieren, bereits über etablierte Geschäftsmodelle und stabile Umsätze. Dennoch ist – ähnlich wie Anfang der 2000er Jahre – mit einer deutlichen Marktbereinigung zu rechnen, von der zahlreiche aktuelle KI-Firmen nicht verschont bleiben werden.
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