Nach über 25 Jahren Verhandlungen hat die Europäische Union am Freitag grünes Licht für das Mercosur-Abkommen gegeben, die Unterzeichnung ist für Montag (12. Jänner) vorgesehen. Da nach dem Schwenk von Italien die nötige Mehrheit der 27 EU-Mitgliedsstaaten in Brüssel für die Vereinbarung stimmte, steht der größten Freihandelszone der Welt, das rund 700 Millionen Menschen betrifft, nichts mehr im Weg.
In Österreich fiel die Haltung politisch gespalten aus: Bei den Regierungsparteien waren die NEOS von Beginn an klar für das Abkommen, in ÖVP und SPÖ gab es sowohl Befürworter:innen als auch Gegner:innen. Die Oppositionsparteien FPÖ und Grüne lehnen das Abkommen ab. Wirtschaftsexpert:innen und Branchenvertreter:innen sehen hingegen erhebliche Chancen für österreichische Unternehmen, Exportwirtschaft und Versorgungssicherheit. Aus Sicht der Landwirtschaft bleibt das Mercosur-Abkommen trotz Nachverhandlungen inklusive Verbesserungen problematisch.
Positive Reaktionen: Chancen für Unternehmen und Export
Für die Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) ist das Abkommen ein "wichtiger Fortschritt für Wachstum und Jobs“, so Generalsekretär Jochen Danninger. Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen und internationaler Handelskonflikte sei ein verlässlicher Zugang zu wirtschaftlich stabilen Partnerregionen entscheidend. Das Abkommen eröffne insbesondere kleinen und mittleren Unternehmen (KMU) neue Märkte in Brasilien, Argentinien, Paraguay und Uruguay. Danninger betont, dass es auch für die grüne Wende relevant sei: "Für den Bau von Windrädern und Solarpanels braucht es gesicherten Zugang zu Rohstoffen wie Lithium, Kupfer oder Niob. Ohne Abkommen wären diese verbindlichen Verpflichtungen nicht abgesichert."
Ähnlich beurteilt die Industriellenvereinigung (IV), die jahrelang massiv für den Deal geworben hat (LEADERSNET berichtete) die Einigung. Präsident Georg Knill spricht von einem "Meilenstein für den freien Handel" und hebt hervor, dass das Abkommen nach jahrzehntelangen Verhandlungen endlich klare Perspektiven für die Industrie biete. Besonders wichtig sei die umfassende Zollbefreiung für EU-Warenexporte in die Mercosur-Staaten, die Exporte um bis zu 39 Prozent steigern könnte. Knill unterstreicht, dass Mercosur "fair und gut verhandelt" sei und maßgebliche Chancen für Wachstum, Investitionen und Beschäftigung biete. Gleichzeitig kritisiert er die österreichische Bundesregierung: "Es wäre angezeigt gewesen, ein Signal zur Stärkung der Exportwirtschaft zu setzen, statt sich hinter alten Parlamentsbeschlüssen zu verstecken." Knill warnt zudem vor den wirtschaftlichen Risiken, wenn Chancen verstreichen: "Österreichs Industrie lebt von internationaler Verflechtung. Gerade in Zeiten hoher Inflation, Rezession und steigender Zölle ist es ein Schlag ins Gesicht für 1,2 Millionen Arbeitnehmer:innen, wenn wir wesentliche Impulse für Wertschöpfung und Wohlstand verwehren." Für Knill überwiegen klar die Vorteile, die das Abkommen für die österreichische Exportwirtschaft und die Wettbewerbsfähigkeit bringt, und er appelliert an die Politik, nun die Umsetzung auf europäischer Ebene konsequent voranzutreiben.
Auch regional zeigen sich positive Effekte: Die Wirtschaftskammer Niederösterreich (WKNÖ) sieht in dem Abkommen Rückenwind für Export, Jobs und Versorgungssicherheit. Präsident Wolfgang Ecker und Direktor Johannes Schedlbauer unterstreichen die Bedeutung für KMU, die Niederösterreichs Exportvolumen in die Mercosur-Länder in zehn Jahren um über 30 Prozent steigern konnten. Zudem ermögliche das Abkommen fairen Zugang zu Rohstoffen, die für die Energiewende unverzichtbar sind.
Kritische Stimmen: Schutz der Landwirtschaft im Fokus
Aus Sicht der Landwirtschaft bleibt das Mercosur-Abkommen problematisch. Landwirtschaftsminister Norbert Totschnig betont, dass die Entscheidung eine "große Belastung für unsere Landwirtschaft" darstelle. Österreich habe sich trotz demokratischer Mehrheitsentscheidung konsequent gegen das Abkommen gestellt, um die heimischen Bäuerinnen und Bauern zu schützen. Die EU-Kommission habe zwar einige Schutzmechanismen eingeführt – etwa verschärfte Grenz- und Vor-Ort-Kontrollen –, doch wesentliche Probleme blieben ungelöst. Totschnig fordert weiterhin schnelle Zulassungen für alternative Pflanzenschutzmittel, leistbare Treibstoffe und faire Einkommen.
Der Bauernbund warnte ebenfalls vor den Folgen: Präsident Georg Strasser und EU-Abgeordneter Alexander Bernhuber kritisieren, dass das Abkommen "nicht auf dem Rücken unserer Bäuerinnen und Bauern" umgesetzt werden dürfe. Strikte Standards für Importe, transparente Herkunftskennzeichnung und strenges Monitoring auf Pestizid- oder Hormonrückstände seien zwingend notwendig. Die angekündigten EU-Mittel ab 2028 seien keine echten neuen Gelder, sondern lediglich Vorziehungen bestehender Budgets.
Auch Landwirtschaftskammer Österreich (LKÖ)-Präsident Josef Moosbrugger bezeichnet die angeblichen Verbesserungen als "ohne Substanz“ und spricht von einer "Bauern-Vergrämungspolitik" der EU. Er warnt vor zunehmender Abhängigkeit von Übersee, unfairen Produktionsbedingungen und Bürokratie. Für Moosbrugger ist klar: Regionale Versorgungsstrukturen und bäuerliche Familienbetriebe müssen gestärkt und abgesichert werden, sonst sei die Ernährungssicherheit Europas gefährdet.
Fazit
Während Industrie und Handel das Mercosur-Abkommen als Chance für Export, Jobs und Versorgungssicherheit sehen, bleibt die Kritik aus der Landwirtschaft und bei Oppositionsparteien deutlich. Österreichs Unternehmen könnten von neuen Märkten und Rohstoffzugängen profitieren, für heimische Bäuerinnen und Bauern bedeutet die Einigung jedoch erhöhte Konkurrenz durch Billigimporte und die Notwendigkeit zusätzlicher Schutzmaßnahmen.
www.commission.europa.eu
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