"Unser Ziel ist es, die Begegnung von Mensch und Natur kreativ und nachhaltig zu fördern"

Niederösterreichische Ingenieurkunst überzeugt beim "European Award for Ecological Gardening" als einer von drei internationalen Gewinnern  – LEADERSNET traf Preisträger Werner Sellinger von der grünplan GmbH zum Interview.

Hohe, internationale Würden für ein Werk niederösterreichischer Ingenieurskunst: im Wettbewerb um den  "European Award for Ecological Gardening" konnte die Neugestaltung der Donaulände Tulln eine internationale Fachjury überzeugen. Das vom Ingenieurbüro grünplan GmbH unter Werner Sellinger geplante und umgesetzte Vorzeigeprojekt konnte in der Kategorie "Kommunales Grün" den ersten Platz holen und sich gegen insgesamt 68 Einreichungen aus 10 Ländern behaupten.

Seit der Ausarbeitung des Gesamtkonzeptes im Jahr 2015 durch die Ingenieure und Landschaftsarchitekten von grünplan wurde die gesamte Tullner Donaulände im Stadtgebiet Schritt für Schritt neu modelliert und gestaltet. LEADERSNET traf Werner Sellinger zum Interview über dieses besondere Projekt.

LEADERSNET: Herr Sellinger, Herzlichen Glückwünsch zu der Auszeichnung durch die European Garden Association! Was bedeutet dieser Preis für Sie?

Sellinger: Die Auszeichnung der Donaulände Tulln zeigt, wie sich zeitgenössische Landschaftsarchitektur und nachhaltige, ökologische Gartengestaltung erfolgreich vereinbaren lassen. Wir freuen uns sehr, dass wir dieses Projekt der Gartenstadt Tulln umsetzen konnten. In der Planung war es unser Ziel, die Begegnung von Mensch und Natur kreativ und nachhaltig zu fördern – und ich denke, die rege Nutzung der Donaulände zeigt, dass das gut gelungen ist.

LEADERSNET: Nach welchen Kriterien wurden die Projekte bewertet?

Sellinger: Die internationale Fachjury unter der Leitung von ORF Bio-Gärtner Karl Ploberger bewertete die Einreichungen u.a. nach den Kriterien "Respekt vor Natur und Biodiversität", "Ökologische Pflege und Pflanzenauswahl", "Umsetzung innovativer und nachhaltiger Ideen" und „Soziale Aspekte mit Vorbildcharakter". Wir sind sehr stolz darauf, dass sich unser Projekt an der Tullner Donaulände in der Kategorie "Kommunales Grün" gegen neun weitere Projekte aus Österreich und Deutschland durchgesetzt hat.

© Natur im Garten / Ehn

LEADERSNET: Herr Sellinger, bitte erzählen Sie uns zum Einstieg ein wenig über die Ausgangslage zum Start des Projekts: was war vorhanden, was benötigt und welche Anforderungen bzw. Wünsche wurden von der Stadt Tulln an Sie und die grünplan GmbH als umsetzendes Ingenieurbüro gestellt?

Sellinger: Der Abschnitt der Donaulände auf Höhe des Stadtzentrums Tulln ist geprägt von einer Fülle an Funktionen und Nutzungsanforderungen. Das Dammbauwerk, dessen Gestalt zunächst durch seine technischen Parameter geprägt ist, gliedert den Raum in folgende Bereiche: einen Uferbereich an der Wasserkante samt Treppelweg, die Dammkrone samt internationalem Radweg sowie die stadtseitigen Dammböschungen und Freiräume in Zusammenhang mit der dahinter angrenzenden Bebauung der Stadt. Der Uferbereich der Donau ist geprägt von der Schiffsanlegestelle, dem Gästehafen, dem Erlebnis- und Gastronomieschiff "MS Stadt Wien" und der Donaubühne als Konzert- und Eventlocation. Sowohl der Treppelweg als auch der Dammkronenweg sind stark frequentierte Spazier-, Lauf- und Fahrradstrecken. Seitens der Stadt Tulln wurde eine Attraktivierung des Bereiches des wasserseitigen Dammkörpers bis zur Donau gewünscht, die zu längeren Aufenthalten anregt und die Donau direkt erlebbar macht. Die Attraktivierung sollte abschnittsweise über mehrere Jahre umgesetzt werden. Wesentlich war daher ein Konzept, wie neu gestaltete Teilbereiche sowohl eigenständig aber auch im Gesamtkonzept funktionieren können.

LEADERSNET: Also war es von Anfang an ein Projekt, das auf eine mehrjährige Umsetzung angelegt war – wie lange dauerte die Umsetzung des Projekts insgesamt?

Sellinger: Genau, es war ein Projekt in Etappen – natürlich auch, um die aktive Nutzung des Gebiets möglichst wenig einzuschränken bzw. zu stören. Es sollte eine ganzheitliches und natürliche Entwicklung stattfinden und auch ein ganz selbstverständliches "Zusammenwachsen" gewährleistet sein – im wahrsten Sinne des Wortes (lacht): das gilt für die Natur genauso wie die Anwohner und Besucher. Schlussendlich hat die Umsetzung auf Etappen anhand unserer Planung und unter unserer Bauaufsicht von 2016 bis 2019 gedauert, das Projekt wurde erst im letzten Jahr fertiggestellt. 

LEADERSNET: Welche Gestaltungselemente haben Sie in die Tullner Donaulände einfließen lassen und warum?

Sellinger: Entstanden sind farbenfrohe, mäandrierende Stauden- und Gräserbeete, die sich an die Geländemodellierung anpassen und spannungsreiche Räume bilden. Inmitten dieser ansprechenden naturnahen Gestaltung mit schattenspendenden Schirmplatanen bieten Freiflächen viel Platz zum Picknicken, Spielen und Verweilen für alle Nutzergruppen. Verschiedene Sitzgelegenheiten aus Holz laden zur Entspannung aber auch zum Ausblick in die Landschaft ein. Gleichzeitig macht die Wassertreppe - eine Sitz- und Liegedeck-Konstruktion - mit einem direkten Zugang zur Donau das Erlebnis am Wasser möglich. Beim Gästehafen wurde eine multifunktionale Veranstaltungsfläche geschaffen. Eine begrünte Pergola bietet den Schiffstouristen zudem eine beschattete Wartemöglichkeit. Eine Blumentreppe mit Sitz- und Liegegelegenheiten überbrückt gestalterisch den Höhenunterschied zwischen dem Gästehafen und dem internationalen Donauradweg. Von hier aus werden die Gäste Tullns – insbesondere Radtouristen – mit innovativen Gestaltungselementen über den Klosterweg weiter ins Stadtzentrum eingeladen. Als gestalterisches Highlight gelten die von grünplan designten, multifunktionalen "Frames", weiße Metallkonstruktionen die sowohl als Beleuchtung, Landschaftsinstallation, Infotafel und Pergola dienen.

© Stadtgemeinde Tulln

LEADERSNET: Welchen Herausforderungen mussten Sie sich im Zuge der Umsetzung stellen?

Sellinger: Die erste besondere Herausforderung begegnete uns bereits in der Planungsphase: hier war es nämlich essentiell, den abflusswirksamen Querschnitt des Flussprofils nicht zu beeinträchtigen, denn die Donau wird auch in Zukunft wieder Hochwasser führen. Hier gleichzeitig die Freizeitnutzung im Hochwasserbereich der Donau zu gewährleisten, das war der "Knackpunkt". Einge Gestaltungselemente des Projekts liegen im Bereich des 100-jährigen und des 300-jährigen Hochwasserpegels. Bei allen Maßnahmen musste also bewusst entschieden werden, ob sie in diesem Fall beschädigt werden dürfen, wie sie ausgeführt sein müssen – die selbstentwickelten Sitzbänke wurden beispielsweise speziell verankert – um bestehen zu können oder ob sie entfernt werden können. Hier haben wir also quasi für jedes Element eine eigene, maßgeschneiderte Lösung gesucht und gefunden. So kann im Falle eines Hochwassers zum Beispiel  die reversible Konstruktion der Wassertreppe ganz rasch mittels Autokran entfernt werden. Auch das Dammbauwerk selbst durfte nicht geschwächt werden. Es ist ein eigenes Ökosystem, das dynamischen Veränderungsprozessen unterworfen ist. Dieses System "Donau – Ufer – Damm" und all seine Veränderungszyklen haben wir demnach auch in jedem einzelnen unserer Planungsschritte berücksichtigt.

LEADERSNET: Wie viele Neupflanzungen waren für ein derart groß angelegtes Projekt vonnöten? Und wie wirkt sich die Umgestaltung auf die Umwelt bzw. die Natur, im Speziellen auf die lokale Tierwelt, aus?

Sellinger: Insgesamt wurden 19.300 klimafreundliche, standortangepasste Stauden und Gräser gepflanzt. Mit variablen Blütenaspekten ernähren sie über die gesamte Vegetationsperiode zahllose Insekten und visualisieren natürliche Prozesse und jahreszeitliche Veränderungen. Wildtiere finden hier in unmittelbarer Nähe der Innenstadt Brut- und Rückzugsgebiete.

LEADERSNET: Was bedeutet der neu gestaltete Raum an der Donaulände für die Stadt Tulln?

Sellinger: Es ist ein nachhaltiges Naherholungsgebiet entstanden, das die Natur nicht nur respektiert und sich in natürliche Zyklen integriert, sondern auch die Stadt aufwertet und ein Anziehungspunkt für Anwohner und Besucher ist. Mit dem Gesamtkonzept des Kunst- und Erholungsraums Donaulände Tulln erhielt die Stadt nicht nur eine unverwechselbare Identität, sondern auch einen Ort der Identifikation seiner Bevölkerung. Der attraktivierte Freiraum ist auch ein wesentlicher Bestandteil der Positionierung Tullns als die Gartenhauptstadt des Landes sowie der Lebens- und Freizeitqualität für Bevölkerung und Gäste.

www.gruenplan.at

© Stadtgemeinde Tulln

"Der Ingenieur ein Durchblicker"

 



WKNÖ Fachgruppen-Obmann Ingenieurbüros KommR. Ing. Helmut Pichl ist es wichtig, die Tätigkeiten von niederösterreichischen Ingenieurbüros der Bevölkerung und den Auftraggebern, näher zu bringen.

Es werden die Leistungen von Referenz-Ingenieuren und deren Projekte vor den Vorhang gebeten werden.

Der NÖ Ingenieur verbindet die Natur des Landes Niederösterreich mit dem Wissen um die beste Technik mit seinem scharfen Durchblick, eben ein Durchblicker.

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