Fotos vom Auftakt mit Andreas Rödder
"Austrian Lectures" starteten mit einer Debatte über die Zukunft der Mitte

Mit einer neuen Veranstaltungsreihe widmet sich der Campus Tivoli zentralen gesellschaftspolitischen Fragen. Zum Auftakt beleuchtete Andreas Rödder die zunehmende Polarisierung westlicher Gesellschaften.

Mit den "Austrian Lectures" hat der Campus Tivoli am 24. März im Raiffeisen Forum in Wien eine neue Veranstaltungsreihe gestartet, die sich aktuellen gesellschaftspolitischen Fragestellungen widmet (LEADERSNET berichtete). Zum Auftakt beleuchtete der deutsche Historiker Andreas Rödder unter dem Titel "Lernen wir wieder zu diskutieren! – Die populistische Revolution" die zunehmende Polarisierung politischer und kultureller Debatten und skizzierte Perspektiven für eine zukunftsfähige Politik der Mitte.

Geopolitik und technologische Umbrüche als Krisentreiber

Im Zentrum seines Vortrags zeichnete Rödder das Bild einer bürgerlichen Politik, die sich seiner Einschätzung nach zunehmend zwischen einer postmodernen Revolution einerseits und einer neurechten Gegenrevolution andererseits behaupten müsse. Als Ursachen der gegenwärtigen Krise identifizierte er insbesondere eine sich neu formierende geopolitische Ordnung, tiefgreifende ökonomisch-technologische Umbrüche sowie kulturelle Verschiebungen von links und rechts.

Mit Blick auf die internationale Lage verwies Rödder auf das Ende jener liberalen Ordnung, die sich nach dem Zusammenbruch des Sowjetkommunismus in den 1990er-Jahren durchgesetzt habe. Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Marktwirtschaft und Globalisierung hätten damals vielerorts als Erfolgsmodell gegolten. Heute werde diese Phase aus seiner Sicht zunehmend von einer neuen Ära der Großmachtpolitik abgelöst, in der Staaten wie Russland, China und die USA ihre geopolitischen Interessen offensiver verfolgen. Welche neuen Regeln sich daraus für die internationale Ordnung ergeben, sei laut Rödder derzeit noch offen.

Auch Europa stehe seiner Ansicht nach vor grundlegenden Herausforderungen. So habe die Europäische Union mit ihren Klimazielen und der angestrebten Dekarbonisierung zwar auf einen technologischen Wandel gesetzt, zugleich aber wirtschaftliche Risiken in Kauf genommen. Steigende Energiepreise, protektionistische Tendenzen, Strafzölle und eine zunehmende Deglobalisierung könnten Europas Wettbewerbsfähigkeit zusätzlich unter Druck setzen. Parallel dazu verschärfe auch die rasch fortschreitende Digitalisierung den internationalen Standortwettbewerb.

Postmodernes Denken und neurechte Gegenbewegung

Einen weiteren Schwerpunkt setzte Rödder auf die kulturellen und ideologischen Spannungen innerhalb westlicher Gesellschaften. Dabei verwies er auf langfristige intellektuelle Entwicklungen, die er unter anderem mit Denkströmungen der sogenannten Französischen Theorie verbindet. Diese hätten, so seine Lesart, klassische Ordnungsvorstellungen der Aufklärung wie Wahrheit, Vernunft oder Fortschritt zunehmend infrage gestellt und neue gesellschaftspolitische Deutungsmuster hervorgebracht.

In diesem Zusammenhang ordnete Rödder auch Themen wie Diversität, Gleichstellung und Inklusion in einen größeren gesellschaftlichen Wandel ein, der seiner Einschätzung nach seit den 2010er-Jahren deutlich an politischem Gewicht gewonnen habe. Gleichzeitig beobachte er in den 2020er-Jahren eine neurechte Gegenbewegung, die sich gegen diese Entwicklungen positioniere und sich insbesondere an Fragen rund um Migration, Klimapolitik, Gleichstellung oder Globalisierung abarbeite. Diese Strömung sei zwar inhaltlich nicht einheitlich, gewinne derzeit aber an politischem Einfluss.

Für die politische Mitte und insbesondere für bürgerliche beziehungsweise christdemokratische Parteien leitete Rödder daraus einen klaren Handlungsauftrag ab. Diese dürften sich weder den Argumenten der Neuen Rechten entziehen noch sich von ihnen treiben lassen, sondern müssten eine eigenständige und glaubwürdige Reformagenda entwickeln. Entscheidend sei aus seiner Sicht, wieder überzeugend beantworten zu können, warum bürgerliche Politik den besseren Weg in die Zukunft weisen könne. Dafür brauche es laut Rödder wirtschaftliches Wachstum, technologische Offenheit sowie eine politische Kultur, die Leistung, Freiheit, Risikobereitschaft und Innovationskraft wieder stärker in den Mittelpunkt rückt.

LEADERSNET traf sowohl den Vortragenden Andreas Rödder, als auch Campus Tivoli-Präsident Wolfgang Sobotka zum Interview.

www.campus-tivoli.at

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