Interview mit Valerie Höllinger
"Standards sind die gemeinsame Sprache der Wirtschaft"

| Larissa Bilovits 
| 11.05.2026

Im LEADERSNET-Interview spricht Valerie Höllinger, Geschäftsführerin von Austrian Standards, u.a. über die Rolle von Normen als gemeinsame Sprache der Wirtschaft, die Transformation des Hauses zu einem modernen Servicepartner und darüber, warum Standardisierung gerade bei Zukunftsthemen wie KI, Digitalisierung und autonomem Fahren immer wichtiger wird.

LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Höllinger, Anlass für unser Gespräch ist Ihr fünfjähriges Jubiläum als Geschäftsführerin von Austrian Standards. Vielleicht ganz kurz zum Einstieg: Was steckt denn hinter der Marke Austrian Standards?

Valerie Höllinger: Ganz kurz gesprochen: viel. Wir sind die Organisation, die in Österreich dafür verantwortlich ist, dass wesentliche Produkte, Dienstleistungen und Systeme standardisiert und normiert werden. Das machen wir im Zusammenspiel auf europäischer und internationaler Ebene. Unser Job ist es also, rund 5.000 Expert:innen aus Österreich in die Welt zu entsenden, damit sich jede:r, jedes Unternehmen, jede NGO und auch die öffentliche Verwaltung zu Themen einbringen kann, bei denen sie es für sinnvoll und notwendig erachten.

LEADERSNET: 5.000 Expert:innen können unmöglich alle hier in Ihrem Headquarter am Praterstern mitten in Wien sitzen. Wo sind diese Personen überall?

Höllinger: Am Praterstern sind rund 150 Mitarbeitende tätig, und wir koordinieren diese 5.000 Menschen, die vom Neusiedler See bis zum Bodensee verstreut sind – mit einem gewissen Fokus auf den Wiener Raum. Sie kommen aus privaten Unternehmen, aus öffentlichen Unternehmen, aus NGOs, aus Interessenvertretungen und aus der öffentlichen Verwaltung.

Unser System funktioniert so, dass Menschen aus der Wirtschaft Probleme identifizieren, diese in einen Projektantrag gießen und sagen: Dieses Problem würden wir gerne klären – national, aber auch international. Wir prüfen diesen Antrag und sind dann dafür verantwortlich, den Prozess zu moderieren. Das heißt, wir holen alle Expert:innen an einen Tisch, die für dieses Thema relevant sind, und versuchen letztlich, eine anschlussfähige Lösung zu finden.

Warum ist das wichtig? Standards sind, anders als Gesetze, nicht verbindlich. Sie verbinden zwar, aber sie sind nicht verpflichtend anzuwenden. Dementsprechend ist es wichtig, dass am Ende des Tages Konsens über jene Themen besteht, die geregelt werden sollen. Diesen Prozess, der ein sehr sensibler ist, gestalten wir. Das eine ist also die nationale Moderation. Das andere ist unsere koordinierende Rolle auf internationaler Ebene: Wir schauen, wo es Komitees gibt, die sich mit Themen auseinandersetzen, die auch für die österreichische Wirtschaft strategisch relevant sind, damit wir uns dort einbringen können.

LEADERSNET: Kann man sagen, Standards und Normen sind Spielregeln für ein geregeltes Leben und ein geregeltes Wirtschaftsleben?

Höllinger: Genau so kann man es auf den Punkt bringen. Wir sagen auch gerne: Standards sind die gemeinsame Sprache der Wirtschaft. Denn Standards dienen dazu, dass Produkte, Dienstleistungen und Systeme funktionieren – und vor allem, dass sie miteinander funktionieren. Und miteinander heißt auch: weltweit funktionieren.

Dementsprechend ist es für Unternehmen wichtig, sich in die Normung einzubringen. Dort sehen sie ganz genau, was State of the Art ist. In Wirklichkeit sind wir der Zeit immer ein Stück weit voraus, weil Gremien zu Zukunftsthemen gebildet werden. Wir sind Enabler für Innovation. Für Unternehmen ist es daher ganz wichtig, sich einzubringen, damit sie mitreden und mitgestalten können und gleichzeitig von anderen Playern weltweit hören, was gerade diskutiert wird. Das ist ein unglaublicher Wettbewerbsvorteil. Und die Anwendung von Standards ist notwendig, damit wir anschlussfähig sind.

LEADERSNET: Sie sind jetzt seit fünf Jahren Geschäftsführerin von Austrian Standards. Da stellt sich unmittelbar die Frage: Wie war diese Reise? Was hat sich alles verändert?

Höllinger: Ganz persönlich gesprochen, war diese Reise sehr bunt, sehr schnell, sehr intensiv und sehr freudvoll. Was hat sich verändert? Wir sind das Normungsinstitut Österreichs mit mittlerweile 107-jähriger Tradition – in einem Umfeld, das sich sehr markant verändert. Unsere Kund:innen wollen heute etwas ganz anderes als vor fünf Jahren und etwas ganz anderes als vor 20 Jahren.

Dementsprechend darf ich eine Entwicklung begleiten, bei der es um eine riesige Transformation geht. Wie Sie wissen, bin ich Transformationsmanagerin. Aber das hier ist noch einmal eine andere Kategorie. Warum ist das so? Wir kommen aus einer sehr analogen Welt. Wir verkaufen Dokumente. Und wir entwickeln uns hin zu einer KI-gestützten, digitalisierten und automatisierten Welt, in der unsere Produkte in die Prozesse der Kund:innen integriert werden.

Diesen Prozess darf ich begleiten. Wir haben vor fünf Jahren begonnen, die Kernprozesse zu optimieren und zu professionalisieren. Mein Anspruch war vom ersten Tag an, Austrian Standards zu einem serviceorientierten Partner für die Wirtschaft weiterzuentwickeln und zu manifestieren, dass wir als jene Organisation gesehen werden, die Enabler für die wesentlichen Themen der österreichischen Wirtschaft und für die relevanten Themen der Unternehmer:innen dieses Landes ist.

LEADERSNET: Wie weit ist es gelungen, Austrian Standards vom eher amtlich geprägten Haus zu einem modernen, serviceorientierten Partner der Wirtschaft weiterzuentwickeln – getreu dem Motto "Gemeinsam statt einsam"?

Höllinger: Das Wort Amt würde ich etwas weicher formulieren. Wir hatten sicher etwas Behördliches. Man muss aber auch sagen: Wir sind durch das Normengesetz ermächtigt, diesen sehr verantwortungsvollen Job zu machen. Gleichzeitig sind wir zu 95 Prozent eigenfinanziert. Ich glaube, auch das ist wichtig zu wissen. Wir leben vom Verkauf jener Produkte, die wir gemeinschaftlich erzeugen.

Ist es gelungen? Ich würde sagen: Wir sind sehr, sehr gut auf dem Weg. Wir wollen viel stärker an den Bedürfnissen unserer Kund:innen dran sein. Wir möchten wissen, wo sie gerade stehen und vor allem, wohin sie morgen wollen. Da ist uns, glaube ich, sehr viel gelungen. Vor allem haben wir alle Servicebereiche dieses Hauses modernisiert – von der Finance über Marketing, Presse und Business Development bis hin zu den Kernprozessen.

In den ersten Jahren ist also sehr viel Groundwork passiert. Bestimmend war dabei auch, einen guten Mix an Kolleg:innen zu bekommen: Menschen, die neues Know-how und frisches Know-how einbringen, die einen anderen Zugang zum Business mitbringen – nämlich einen sehr innovativen, serviceorientierten und kundenorientierten Zugang. Diesen Zugang mit der unglaublichen Expertise dieses Hauses zu kombinieren, war und ist entscheidend.

Wir brauchen diese Expertise, weil wir es mit einem sehr komplexen Themenbereich zu tun haben. Wir behandeln ja alle Themen – es ist ein bunter Strauß. Man lernt hier nie aus. Wenn man will, kann man hier 107 Jahre arbeiten, und es wird wahrscheinlich keinen einzigen Tag langweilig. Diese Kombination gilt es hinzubekommen. Stand heute würde ich sagen, dass das sehr gut gelingt. Worauf ich am meisten stolz bin, ist unsere Kultur. Sie hat sich sehr positiv entwickelt. Wir haben ein sehr professionelles, zielorientiertes und gleichzeitig leichtes Miteinander, in dem Hierarchien hauptsächlich dann sichtbar werden, wenn man ins Organigramm schaut. Ich glaube, das ist die Basis: ein sehr partizipativer Führungsstil, viel Verantwortung, aber auch klare Messbarkeit und ein klares Messen dessen, welche Ziele wir erreichen – jede:r Einzelne von uns. Da ist viel gelungen.

Vielleicht noch ein kleines Beispiel: Bevor Sie heute hierhergekommen sind, sind gerade meine Hunde gegangen. Wir haben hier eine Dog Policy. Ich hatte gestern Aufsichtsratssitzung und mein Dogsitter ist ausgefallen. Da sind sofort zwei Kolleginnen eingesprungen, die den ganzen Tag in meinem Büro gesessen sind, mit meinen beiden Hunden, und dort gearbeitet haben. Am Abend bin ich hinausgegangen und habe mir gedacht: Das ist so symbolisch dafür, wie sich unsere Kultur verändert hat. Es geht um Nahbarkeit, Unmittelbarkeit, Professionalität und Zielorientierung – aber auch um Freude, Lachen und Leichtigkeit.

LEADERSNET: Das klingt fast so, als könnten Normen auch Spaß machen. Ist das so?

Höllinger: Oh ja, Normen machen absolut Spaß. Am Anfang hat man vielleicht ein bestimmtes Bild vom Normungsprozess. Der Prozess selbst kommt natürlich nicht immer leichtfüßig daher – Gott sei Dank. Denn es ist sehr wichtig, dass man entlang einer gut ausgearbeiteten Geschäftsordnung arbeitet, damit alle gehört werden, jede:r die Möglichkeit hat, sich einzubringen, und Interessen ausbalanciert werden. Das ist vielleicht nicht das, was man auf den ersten Blick als sexy bezeichnen würde. Sexy ist aber das, was dahintersteht. Der Impact, den wir liefern, ist für die Wirtschaft hochrelevant.

Die Themen reichen von der Schneelast auf Berghütten oder der Frage, wie Pisten gestaltet werden sollen, bis hin zu Quantentechnologie, KI, Automatisierung und autonomem Fahren. Das sind alles Themen, mit denen wir uns beschäftigen. Man hat also das gesamte Leben jeden Tag hier im Haus – und das Leben, das wir für die Wirtschaft und für Konsument:innen besser machen. Es wird sicherer, einschätzbarer, und das Vertrauen in Produkte und Dienstleistungen wird durch Standards gestärkt.

LEADERSNET: Austrian Standards ist sozusagen eine Plattform der Innovation geworden. Wohin werden Sie sich im Lichte der Digitalisierung und der Künstlichen Intelligenz entwickeln?

Höllinger: Da würde ich zunächst darauf schauen, was "wir" bedeutet. Die Themen, die Sie ansprechen, sind gerade DIE großen Themen der Standardisierung. Es sind vor allem Querschnittsthemen, die über viele Bereiche hinweggehen. Wenn ich von "wir" spreche, würde ich gerne auch Europa meinen. Wir sind in den europäischen und internationalen Verbund eingebettet. Ich glaube, es ist wichtig, dass sich die europäische Standardisierung stärkt. Themen wie Digitalisierung, Automatisierung und autonomes Fahren sind dabei besonders wichtig. Europa braucht hier eine klare Strategie. Wenn ich etwa auf China schaue, ist die Standardisierung dort anders aufgestellt – nicht partizipativ und bottom-up wie bei uns. Bei uns werden die Interessen der Wirtschaft von der Wirtschaft eingebracht, und Probleme werden von der Wirtschaft selbst gelöst. In China ist Standardisierung Teil der Staatsstrategie und mit sehr vielen Ressourcen ausgestattet.

Für Europa und insgesamt für die Standardisierung ist wichtig, dass diese großen Themen ohne Standardisierung gar nicht mehr umsetzbar sind. Sie sind zu komplex und zu länderübergreifend, um ausschließlich gesetzlich oder durch Marktdynamiken geregelt zu werden. Es braucht die genaue Spezifikation von Begriffen, Technologien und Prozessen, um Interoperabilität sicherzustellen.

Ein Aspekt fällt mir noch ein: Wenn es um KI geht, ist auch Ethik ein zentrales Thema. Da ist Europa ganz vorn. Natürlich könnten wir mit KI schon jetzt sehr viel schneller sein und viele andere Dinge ins Leben bringen, wenn wir ethische Grundsätze beiseiteschieben würden. Aber die Rolle Europas ist ganz klar, diese Grundsätze hochzuhalten und sich dafür auch in den Normungsgremien einzusetzen.

LEADERSNET: Vielen Dank!

www.austrian-standards.at

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