Vor 14 Jahren wurde das Insurance Forum Austria (IFA) ins Leben gerufen, um Entscheidungsträger:innen der Versicherungsbranche zu vernetzen und neue Impulse zu setzen. Seither stehen aktuelle Herausforderungen, strategische Zukunftsthemen und hochkarätige Persönlichkeiten aus dem In- und Ausland im Mittelpunkt der Veranstaltung. Auch die 14. Ausgabe, die kürzlich im Falkensteiner Balance Resort Stegersbach stattfand, knüpfte an diesen Anspruch an.
Geopolitische und technologische Entwicklungen
Mehr als 180 Spitzenvertreter:innen der Versicherungswirtschaft nutzten das Forum, um aktuelle Entwicklungen und deren Auswirkungen auf die Branche einzuordnen. Im Fokus standen geopolitische Spannungen, geoökonomische Verschiebungen sowie technologische Veränderungen.
"Ich glaube, wir leben in höchst unsicheren Zeiten. Kriege, Krisen und Künstliche Intelligenz prägen unsere Gegenwart. Gerade deshalb ist der Austausch von hoher Relevanz. Hier kommen mehr als 180 Führungskräfte der Versicherungswirtschaft zusammen. Im Zentrum steht die Einordnung der geopolitischen Realität und die Frage, wie diese neue Weltordnung die Versicherungs- und Risikolandschaft verändert. Genau darum geht es an diesen beiden Tagen", sagte Gerhard Pichler, Managing Partner Business Circle und Initiator der Veranstaltung, gegenüber LEADERSNET.tv.
Who’s who der Versicherungsbranche
Vertreten war dabei das Who’s who der Branche. Zu den Teilnehmer:innen zählten unter anderem Stephan A. Jansen (Professor für Management, Innovation & Finance, Karlshochschule Karlsruhe), Stephen Voss (Vorstandsvorsitzender, Neodigital Versicherung), Kurt Svoboda (CFO Uniqa), Sonja Brandtmayer (Deputy CEO, Wiener Städtische Versicherung), Barbara Liebich-Steiner (CDO, Uniqa), Philipp Wassenberg (CEO, Ergo Versicherung), Stefan Bergsmann (Geschäftsführer, Horváth Managementberatung), Kathrin Kühtreiber-Leitner (Vorstandsdirektorin, Oberösterreichische Versicherung), Karin Scheiblberger (Geschäftsführerin, RVD Raiffeisen Versicherungsdienst), Peter Loisel (Country Head Austria, Finlex), Iva Herceg (Head of Large Corporate Business, Uniqa), Manuel Klein (Managing Director, Squer), Andreas Schmitt (Vorstandsmitglied, Greco Austria) sowie Ralf Widtmann (CEO, Riskine).
Im Zentrum der Diskussionen stand die Frage, welche Chancen sich aus den aktuellen Entwicklungen ergeben und wie sich Versicherungsunternehmen in einer zunehmend multipolaren Welt strategisch positionieren können.
Künstliche Intelligenz wird zum operativen Faktor
Ein zentrales Thema war die Rolle der Künstlichen Intelligenz. Einigkeit bestand darüber, dass KI nicht mehr als Zukunftsthema zu betrachten sei. Anwendungen wie "Agentic AI" wirkten sich bereits konkret auf Geschäftsmodelle und Kundenbeziehungen aus.
Während Kund:innen verstärkt KI-basierte Anwendungen zur Analyse von Verträgen oder zum Vergleich von Angeboten nutzen, stehen viele Unternehmen noch vor der Herausforderung, entsprechende Systeme in bestehende IT-Strukturen zu integrieren. Der Tenor der Diskussionen war eindeutig: KI entwickle sich zunehmend zu einem operativen Muss.
Daten als strategischer Wettbewerbsfaktor
Auch die Bedeutung von Daten rückte in den Fokus. Regulatorische Initiativen auf EU-Ebene, insbesondere FIDA (Financial Data Access), sollen den Austausch von Daten in Echtzeit ermöglichen. Gleichzeitig zeige sich in Teilen der Branche Zurückhaltung gegenüber diesen Entwicklungen.
Vor dem Hintergrund steigender Anforderungen an Transparenz wurde diese Haltung kritisch bewertet. Daten werden zunehmend als zentraler Wettbewerbsfaktor gesehen, der über zukünftige Marktpositionen mitentscheidet.
Aufholbedarf im österreichischen Markt
Mit Blick auf Österreich ergibt sich ein differenziertes Bild. Die Branche gilt insgesamt als stabil, gleichzeitig bestehen Defizite, insbesondere im Bereich datenbasierter Preisgestaltung. Veraltete IT-Systeme erschweren vielfach den Einsatz moderner KI-Modelle und bremsen damit Innovationsprozesse.
Strukturelle Themen und ungenutztes Potenzial
Neben technologischen Fragestellungen wurden auch strukturelle Herausforderungen thematisiert. Diskutiert wurde unter anderem die geringe Präsenz von Frauen in Führungspositionen, obwohl sie im Vertrieb häufig überdurchschnittliche Erfolgsquoten erzielen.
Als mögliche Ansatzpunkte wurden flexible Arbeitsmodelle sowie gezielte Fördermaßnahmen genannt, um dieses Potenzial stärker zu nutzen.
Konsolidierung im Maklermarkt
Ein weiteres Thema war die Entwicklung im Maklermarkt. In Österreich stehe eine stärkere Konsolidierung noch bevor, wobei Übernahmen weiterhin als attraktiv gelten.
Gleichzeitig wurde betont, dass Wachstum durch Zukäufe allein nicht ausreiche. Entscheidend sei die erfolgreiche Integration, insbesondere auf IT- und Prozessebene, um langfristige Effekte und Synergien zu erzielen.
Klimarisiken rücken stärker in den Fokus
Ein weiterer Schwerpunkt der Veranstaltung lag auf klimabedingten Risiken. Expert:innen verwiesen darauf, dass Österreich aufgrund geografischer und klimatischer Faktoren besonders betroffen sei. Die systematische Bewertung dieser Risiken werde zunehmend als Voraussetzung für nachhaltige Geschäftsmodelle gesehen.
Zukunft der Versicherungsbranche im Fokus
Einen inhaltlichen Höhepunkt bildete die Keynote von Stephan A. Jansen, Professor für Management, Innovation & Finance an der Karlshochschule Karlsruhe, der die zukünftige Entwicklung der Versicherungsbranche einordnete und zentrale Herausforderungen skizzierte.
"Im Wesentlichen zeigt sich, dass Versicherung auch künftig ein Erfolgsmodell bleiben wird. Solidarität ist dabei das zentrale Stichwort. Gleichzeitig werden wir uns in den Bereichen Technologie und Klimawandel deutlich stärker anstrengen müssen. Viele Formen der Versicherbarkeit werden infrage gestellt werden, sowohl durch regulatorische Entwicklungen als auch durch geopolitische Spannungen und geoökonomische Verwerfungen. Für die Branche bedeutet das, die Ausgangslage ist weiterhin gut. Damit das so bleibt, muss jetzt konsequent gehandelt werden", so Stephan A. Jansen gegenüber LEADERSNET.tv.
Einblicke aus Praxis und Politik
Im Rahmen eines Morning Briefings war Vienna Insurance Group-CEO Hartwig Löger zu Gast. Das Gespräch umfasste ein breites Themenspektrum, von geopolitischen Entwicklungen über Fragen der Sicherheit bis hin zu Regulierung, ESG, Altersvorsorge und Künstlicher Intelligenz.
Zusätzliche Perspektiven ergaben sich aus seinen persönlichen Erfahrungen sowohl in der Versicherungswirtschaft als auch aus seiner Zeit als Finanzminister.
Mehrere Transformationen gleichzeitig
Einigkeit unter den Teilnehmer:innen bestand darin, dass sich die Versicherungsbranche aktuell in einer Phase tiefgreifender Veränderungen befindet, die gleichzeitig auf mehreren Ebenen stattfinde. Unternehmen seien gefordert, technologische Entwicklungen, regulatorische Anforderungen sowie geopolitische und klimatische Risiken parallel zu bewältigen.
Dabei zeige sich, dass strategische Orientierung weniger durch Vereinfachung entsteht, sondern durch den strukturierten Umgang mit steigender Komplexität, so die teilnehmenden Expert:innen. Klar wurde auch, dass rasches Handeln zunehmend entscheidend ist, um langfristig wettbewerbsfähig zu bleiben.
Interviewpartner:innen
LEADERSNET.tv holte neben Gerhard Pichler (Managing Partner Business Circle) und Stephan A. Jansen (Professor für Management, Innovation & Finance, Karlshochschule Karlsruhe), auch noch Stephen Voss (Vorstandsvorsitzender, Neodigital Versicherung), Kurt Svoboda (CFO Uniqa), Sonja Brandtmayer (Deputy CEO, Wiener Städtische Versicherung), Barbara Liebich-Steiner (CDO, Uniqa), Philipp Wassenberg (CEO, Ergo Versicherung), Stefan Bergsmann (Geschäftsführer, Horvath Managementberatung), Kathrin Kühtreiber-Leitner (Vorstandsdirektorin, Oberösterreichische Versicherung), Karin Scheiblberger (Geschäftsführerin, RVD Raiffeisen Versicherungsdienst), Peter Loisel (Country Head Austria, Finlex), Iva Herceg (Head of Large Corporate Business, Uniqa), Manuel Klein (Managing Director, Squer), Andreas Schmitt (Vorstandsmitglied, Greco Austria) und Ralf Widtmann (CEO, Riskine) vor die Kamera.
Einen Eindruck von der Veranstaltung können Sie sich hier machen.
www.businesscircle.at
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