LEADERSNET: Sehr geehrte Frau Riess-Hahn, nach vielen Jahren an der Spitze von Wüstenrot: Mit welchen Gefühlen blicken Sie auf Ihren Abschied – und was geht Ihnen in diesem Moment besonders durch den Kopf?
Susanne Riess-Hahn: Das vorherrschende Gefühl ist ohne Zweifel tiefe Dankbarkeit. Ich hatte das Privileg, 23 Jahre lang mit einem herausragenden Team zusammenzuarbeiten. In dieser Zeit durfte ich unglaublich engagierte, begabte und kompetente Menschen begleiten, mit denen es eine große Freude war, dieses Unternehmen kontinuierlich weiterzuentwickeln. 23 Jahre sind in der heutigen Managementwelt eine außergewöhnlich lange Zeit – manche der jüngeren Mitarbeiter:innen haben scherzhaft das Gefühl, ich sei schon immer da gewesen. Es war eine sehr schöne und erfolgreiche Ära. Dennoch ist nun der richtige Zeitpunkt gekommen, eine neue Lebensphase einzuleiten. Lediglich mit dem Begriff "Pension" hadere ich ein wenig, da er eine Passivität impliziert, die mir fern liegt. Vielmehr freue ich mich darauf, ein selbstbestimmtes Leben zu führen – frei von Terminkalendern, die bereits Jahre im Voraus feststehen.
LEADERSNET: Sie haben Wüstenrot durch wirtschaftlich herausfordernde Zeiten geführt – von Niedrigzinsphasen bis hin zu Inflation und einem schwierigen Bauumfeld. Was war rückblickend die größte Herausforderung Ihrer Amtszeit?
Riess-Hahn: Die Zäsur schlechthin war die Finanzkrise 2008. Das war nicht nur für unser Haus, sondern für die gesamte Branche eine massive Erschütterung, die in vielerlei Hinsicht eine Neuausrichtung erzwang. Doch wie bei jeder Krise gilt: Man lernt in solchen Situationen am meisten und kann gestärkt daraus hervorgehen. Während andere Unternehmen scheiterten, haben wir die Krise als Chance begriffen, Dinge neu zu denken. Wir haben die gesamte Unternehmensgruppe umstrukturiert, den Vertrieb vereinheitlicht und uns konsequent auf unsere Stärken konzentriert. Diese Zeit hat die Finanzwirtschaft in Summe vorangebracht, auch wenn sie eine deutlich höhere Regulierung nach sich zog. Letztere war im Kern richtig, doch wie so oft ist das Pendel nach einem anfänglichen Mangel nun ins Gegenteil ausgeschlagen. Wir haben heute mit einer gewissen Überregulierung zu kämpfen, mit der wir uns arrangieren müssen. Die Finanzwirtschaft ist heute zweifellos eine der am strengsten regulierten Branchen überhaupt.
LEADERSNET: Das Wüstenrot-Geschäftsjahr 2025 zeigt trotz schwieriger Rahmenbedingungen stabile Ergebnisse und eine starke Marktposition. Worauf sind Sie in Ihrer Zeit als Generaldirektorin besonders stolz?
Riess-Hahn: Besonders stolz bin ich auf die Etablierung eines hocheffizienten, gemeinsamen Vertriebs für alle drei Produkthäuser. Parallel dazu ist es uns gelungen, den digitalen Vertrieb erfolgreich auszubauen. Unser entscheidendes Alleinstellungsmerkmal gegenüber dem Mitbewerb ist heute: Der:die Kund:in erhält auf Wunsch eine persönliche, hochkompetente Beratung, verfügt aber gleichzeitig über eine App, in der alle Produkte – von der Versicherung über die Bank bis zum Bausparen – nahtlos abgebildet sind. Dass wir diese "Unique Selling Proposition" in dieser Qualität realisiert haben, ist der zentrale Erfolgsfaktor für die Zukunft.
LEADERSNET: Das Allfinanzmodell – also die Kombination aus Bausparkasse, Versicherung und Bank – hat sich auch laut Zahlen bewährt. War das aus Ihrer Sicht der entscheidende strategische Hebel für den Erfolg der letzten Jahre?
Riess-Hahn: Absolut. In der heutigen Zeit ist es für Kund:innen oft schwierig, eine wirklich ganzheitliche und kompetente Beratung zu finden. Kaum ein Anbieter ist in der Lage, die gesamte Produktpalette für das finanzielle Leben aus einer Hand anzubieten. Dass wir diesen Weg konsequent eingeschlagen haben, war der entscheidende Schritt, der uns an die Spitze geführt hat.
LEADERSNET: Wüstenrot feierte 2025 sein 100-jähriges Jubiläum. Wie gelingt es aus Ihrer Sicht, ein so traditionsreiches Unternehmen gleichzeitig innovativ und zukunftsfit zu halten?
Riess-Hahn: Tradition allein ist kein Verdienst. Sie wird erst dann wertvoll, wenn man die über Jahrzehnte gesammelte Erfahrung nutzt, um die Zukunft aktiv zu gestalten. Man muss die Offenheit besitzen, auch langjährig Bewährtes immer wieder kritisch zu hinterfragen. Was vor 20 Jahren richtig war, kann unter heutigen Rahmenbedingungen völlig neu zu bewerten sein. Ein erfolgreiches Unternehmen muss sich ständig evaluieren: Sind wir noch auf Kurs? An welchen Stellschrauben müssen wir drehen? Der deutsche Liedermacher Wolf Biermann hat es treffend formuliert: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu." Hätten wir lediglich von der guten Idee gezehrt, die wir vor 100 Jahren hatten, gäbe es uns heute nicht mehr.
LEADERSNET: Die Ratinganhebung durch Moody's auf A3 und das Wachstum in der Versicherung sowie bei der Bank zeigen eine positive Entwicklung. Wo sehen Sie dennoch weiterhin strukturelle Herausforderungen für Wüstenrot?
Riess-Hahn: Diese Herausforderungen betreffen die gesamte Wirtschaft. Wir leben in einer geopolitisch instabilen Zeit, in der Entscheidungen in fernen Machtzentren unmittelbare Auswirkungen auf uns haben. Die Lage ist heute so volatil, dass wir kaum einschätzen können, was die nächste Woche bringt. Überspitzt formuliert: Wenn ein amerikanischer Präsident wie Donald Trump eine unvorhersehbare Entscheidung trifft, kann die Welt morgen schon anders aussehen. Wir haben es mit einer oft erratischen Weltpolitik zu tun, die Sicherheiten ins Wanken bringt, die wir über Jahrzehnte als gegeben angenommen haben. Für Wüstenrot bedeutet das, eine maximale Flexibilität zu bewahren. Dass wir das können, hat unsere 101-jährige Geschichte bewiesen. Die strukturelle Aufgabe der Zukunft liegt darin, für unvorhersehbare Entwicklungen gewappnet zu sein und mit Anpassungsfähigkeit auf diese schwer planbaren Zeiten zu reagieren.
LEADERSNET: Gerade im Wohnbau gibt es nach wie vor Zurückhaltung – Stichwort hohe Baukosten und regulatorische Hürden. Hat die Branche hier politisch und wirtschaftlich genug getan, um leistbares Wohnen zu sichern?
Riess-Hahn: Aus unserer Sicht tun wir alles, was in unserer Macht steht, um Wohnraumträume für unsere Kund:innen zu realisieren. Gerade die private Wohnraumfinanzierung ist ein sehr risikoarmes und stabiles Geschäft. Problematisch sind jedoch oft politische Entscheidungen, die einer gewissen Irrationalität folgen. Ich denke hier an die sogenannte "Solidaritätsabgabe" – ein Begriff, gegen den ich mich verwahre. Es handelt sich faktisch um eine Bankenabgabe ohne inhaltliche Begründung, die lediglich der Budgetsanierung dient. Banken sind ein wesentlicher Motor der Wirtschaft. Es ist kurzsichtig, sich dort Mittel zu holen, nur weil im Bundeshaushalt ein Defizit besteht. Ich könnte es eher akzeptieren, wenn diese Gelder zweckgebunden in Innovation, Forschung und Entwicklung fließen würden, statt lediglich zur Schuldentilgung genutzt zu werden. Hier ist die öffentliche Hand ebenso wie jedes Unternehmen gefordert, echte strukturelle Reformen umzusetzen.
LEADERSNET: Wenn Sie Wüstenrot in fünf bis zehn Jahren betrachten – wo sollte das Unternehmen dann stehen, und welchen Rat geben Sie Ihrem Nachfolger, Gregor Hofstätter-Pobst, mit auf den Weg?
Riess-Hahn: Ich halte wenig davon, meinen Nachfolgern öffentlich Ratschläge zu erteilen. Sie müssen ihre eigenen Entscheidungen treffen und ihren eigenen Weg finden. Ich übergebe ein Haus, das hervorragend aufgestellt ist und über ein exzellentes Team sowie ein enormes Zukunftspotenzial verfügt. Ich bin sehr zuversichtlich, dass das neue Vorstandsteam diese Aufgaben glänzend bewältigen wird – ganz ohne Ratschläge "vom Balkon".
LEADERSNET: Mit Ihrem Abschied von Wüstenrot endet ein prägender Lebensabschnitt – gleichzeitig wurden Sie laut Medienberichten zuletzt vom Bundeskanzler als mögliche ORF-Generaldirektorin ins Spiel gebracht. Wie konkret sind Ihre Zukunftspläne – und würde Sie eine solche Aufgabe grundsätzlich reizen?
Riess-Hahn: Bei diesen Berichten handelt es sich um eine reine Erfindung. Eine solche Aufgabe würde mich nicht reizen, da für mich feststeht, dass ich künftig keine operative Funktion mehr übernehmen werde. Es gibt viele andere Projekte, denen ich mich widmen möchte und für die bisher die Zeit fehlte. Ich werde mich verstärkt im Tierschutz engagieren, etwa für die Stiftung Gut Aiderbichl, und meine Arbeit im Bereich der Behindertenpolitik, beispielsweise für den Verein "RollOn", fortsetzen. Außerdem wurde ich gerade als Präsidentin der Sporthilfe wiedergewählt und werde dort meinen Einsatz für die österreichischen Leistungssportler:innen mit großer Freude fortsetzen. Zudem freue ich mich auf mehr Zeit für meine Familie und meine Hunde. Es wird sicher interessante Projekte geben, in die ich meine Erfahrung einbringen kann, aber das wird nicht mehr im Rahmen einer institutionellen Funktion geschehen.
LEADERSNET: Abschließend: Dürfen wir uns auf die Zukunft freuen oder müssen wir diese mit großem Respekt erwarten?
Riess-Hahn: Beides ist angebracht. Ich bin eine Verfechterin des Optimismus, aber nicht eines blinden Optimismus. Man sollte den Dingen mit Zuversicht begegnen, aber gleichzeitig Vorsorge für den Fall treffen, dass positive Erwartungen sich nicht erfüllen. Absolute Sicherheit ist eine Illusion der Vergangenheit. Früher erstellte man detaillierte Zehnjahrespläne – heute können wir kaum absehen, was nächste Woche geschieht. Die Weltlage ist volatil, erratisch und oft irrational. Wir müssen uns darauf einstellen, in einer schwer planbaren Zeit zu leben. Die Kunst besteht darin, für alles gewappnet zu sein und flexibel auf neue Herausforderungen zu reagieren. Das ist die Aufgabe, vor der wir alle stehen.
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