Wien ist künftig Austragungsort eines neuen internationalen Branchenformats: Erstmals fand die ELA Global Supply Chain Excellence im Palais Niederösterreich statt. Veranstaltet wurde die Konferenz vom Verein Netzwerk Logistik (VNL) gemeinsam mit der European Logistics Association (ELA) und dem Lieferketteninstitut ASCII. Die Tagung soll künftig jährlich in der Bundeshauptstadt abgehalten werden.
Hochkarätige Diskutant:innen
Unter dem Leitthema "Bridging the Continents. Powering Global Supply Chains" diskutierten führende Vertreter:innen aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft über die Transformation globaler Wertschöpfungsnetzwerke. Im Mittelpunkt standen Resilienz, geopolitische Spannungen, Digitalisierung, Nachhaltigkeit sowie die Zukunft transatlantischer Handelsbeziehungen – insbesondere in der Automobilindustrie. Das Format verband den TransAtlantic Automotive Supply Chain Summit mit der Verleihung der ELA Awards, bei denen die besten europäischen Logistikprojekte ausgezeichnet wurden.
Zu den Vortragenden zählten unter anderem Hans Dieter Pötsch, Aufsichtsratsvorsitzender der Volkswagen AG, Hildegard Müller, Präsidentin des deutschen Verbands der Automobilindustrie (VDA), Gabriel Felbermayr, Direktor des WIFO, Markus Mau, Präsident der European Logistics Association, sowie Franz Staberhofer, Obmann des Vereins Netzwerk Logistik.
Europäischer Logistikpreis 2025
Im Rahmen der ELA Awards wurde das Gemeinschaftsprojekt von Dachser SE und dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML mit dem Europäischen Logistikpreis 2025 ausgezeichnet. Prämiert wurde die Entwicklung eines digitalen Echtzeitabbilds sämtlicher Sendungen, Assets und Prozesse in Umschlagterminals. Laut Jury ermögliche das System signifikante tägliche Prozessverbesserungen an Stückgut-Cross-Dock-Standorten in Europa.
Neben dem Siegerprojekt von Dachser SE und dem Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik IML standen fünf weitere Initiativen im Finale des Europäischen Logistikpreises 2025: Blowind mit einem 3-Megawatt-Ladesystem für schwere Elektrofahrzeuge; die BMW Group mit dem Projekt "Logistik Kompass" im Werk Steyr; Pošta Slovenije & Solvesall mit "Delivery Point Optimization for Greater Efficiency"; SOK mit einem KI-gestützten Lebensmittel-Lieferservice via S-kaupat-App und Robotik von Starship Technologies; sowie Strauss mit der Brownfield-Transformation "Logistics Next Level".
Paradigmenwechsel in der Lieferkette
In seiner Keynote verwies Hans Dieter Pötsch darauf, dass globale Lieferketten heute fragiler seien als in der Vergangenheit. Geopolitische Konflikte, Handelskriege, regulatorische Eingriffe oder Naturkatastrophen führten im Schnitt alle 1,4 Jahre zu massiven Störungen. Der Einkauf entwickle sich vom operativen Bestellwesen zu einem strategischen Steuerungs- und Krisenmanagementinstrument. Transparenz über alle Wertschöpfungsstufen, strategische Partnerschaften sowie Rohstoffsicherung und Kreislaufwirtschaft seien zentrale Hebel, um Resilienz und Versorgungssicherheit zu stärken.
Hildegard Müller betonte, die deutsche Automobilindustrie plane bis 2030 Investitionen von über 500 Milliarden Euro in Dekarbonisierung und Digitalisierung. Gleichzeitig verschlechterten sich die Standortbedingungen in Europa. Überregulierung, hohe Kosten und geopolitische Spannungen gefährdeten die Wettbewerbsfähigkeit. Die Industrie fordere daher bessere Rahmenbedingungen, offene Märkte und neue Partnerschaften zur Sicherung kritischer Rohstoffe.
Auch Gabriel Felbermayr und Julia Friedlander (Atlantik Brücke) analysierten die Belastungen des transatlantischen Handels. Neue US-Zölle hätten die europäische Automobilindustrie stark getroffen und Exporte einbrechen lassen. Die transatlantische Partnerschaft bleibe zentral, erfordere jedoch eine neue Balance zwischen Wettbewerbsfähigkeit, Sicherheit und Stabilität.
Nick Vyas vom USC Marshall Center GSCI sprach von einem grundlegenden Paradigmenwechsel: Jahrzehntelange Optimierung auf Kosten und Geschwindigkeit habe Effizienz geschaffen, zugleich jedoch Anfälligkeiten erhöht. Künstliche Intelligenz, Automatisierung und Cybersicherheit würden zu entscheidenden Wettbewerbsfaktoren.
Die Logistikforscher Veit Kohnhauser und Markus Gerschberger verwiesen auf die hohe Komplexität globaler Netzwerke. Wirtschaftliche Unsicherheit, staatliche Eingriffe und Cyberrisiken zählten zu den größten Bedrohungen. Zielkonflikte zwischen Kosten, Nachhaltigkeit und Resilienz müssten aktiv gesteuert werden.
Wien als dauerhafte Plattform
Markus Mau erklärte, die Premiere habe gezeigt, "welche Kraft im internationalen Dialog und in der gemeinsamen Gestaltung globaler Wertschöpfungsketten liegt". Für die ELA sei das Format strategisch zentral, da es Wirtschaft, Politik und Wissenschaft auf höchstem Niveau zusammenführe. Aufgrund des Erfolgs werde die Veranstaltung künftig jährlich in Wien stattfinden.
Auch Franz Staberhofer unterstrich die Bedeutung des Standorts. Eine Veranstaltung dieser internationalen Tragweite im Herzen Europas zu verankern, sei "ein starkes Signal" für Wien und Österreich. Gerade in Zeiten geopolitischer Spannungen sei der kontinuierliche Austausch unterschiedlicher Perspektiven entscheidend, um tragfähige Lösungen zu entwickeln.
Fazit
Abschließend bleibt festzuhalten, dass die Diskussionen einen klaren Trend verdeutlichten: Strategische Resilienz tritt zunehmend an die Stelle reiner Effizienz. Vertrauen, technologische Kompetenz, transparente Datennutzung und internationale Kooperation gelten als zentrale Voraussetzungen, um Wettbewerbsfähigkeit und Stabilität langfristig zu sichern.
www.vnl.at
www.elalog.eu
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