Interview mit Johannes Christian Thiery
"Viele Gäste kommen heuer zweimal zu uns und lassen den Flugurlaub aus"

| Redaktion 
| 01.06.2026

Johannes Christian Thiery ist gemeinsam mit seiner Schwester Maria Katharina Thiery-Schroll Eigentümer des Hotel Schloss Dürnstein in Niederösterreich. Im exklusiven LEADERSNET-Interview spricht er über die Vorzüge seines Hauses in der Wachau, erklärt, warum Menschen derzeit vermehrt auf Fernreisen verzichten, und verrät, welche Rolle das Schlosshotel als Ort für Seminare spielt.

LEADERSNET: Sehr geehrter Herr Thiery, das Hotel Schloss Dürnstein befindet sich seit bereits drei Generationen in ihrem Familienbesitz. Wie hat sich die Hotellerie über die Jahre verändert?

Johannes Christian Thiery: Die Veränderung ist enorm – und sie betrifft beide Seiten: Gäste und Mitarbeiter:innen. Früher kamen unsere Gäste für zehn Tage, viele davon Jahr für Jahr. Man kannte sich, man wusste, was der andere schätzte. Die Ansprüche waren hoch, aber die Zufriedenheit kam schnell – eine schöne Landschaft, guter Wein, gutes Essen, persönliche Betreuung. Das reichte.

Heute dominieren Kurzurlaube und Wochenend-Aufenthalte. Der Gast hat vor der Anreise hundert Fragen, vergleicht online jeden Preis und möchte während des Aufenthalts möglichst viele individuelle Erlebnisse gebündelt haben. Das ist keine Kritik – das ist die Zeit, in der wir leben. Aber es bedeutet einen deutlich höheren Betreuungsaufwand.

Auf der Mitarbeiterseite hat sich ebenfalls vieles grundlegend gewandelt. Früher war die Haltung verbreitet: Wenn es dem Betrieb gut geht, geht es mir gut. Dieses Verantwortungsbewusstsein, diese Identifikation mit der eigenen Aufgabe – das hat die DACH-Wirtschaft und Japan groß gemacht. Heute stehen Freizeitregelungen und Zusatzleistungen oft noch vor der Frage, was die eigentliche Aufgabe überhaupt ist.

Das ist kein rein betriebliches Problem – das ist eine gesellschaftliche und politische Frage.

LEADERSNET: Derzeit liest man von überhöhten Flugpreisen und Unsicherheit in vielen Regionen. Spüren Sie die Entwicklung bei Ihren Buchungen?

Thiery: Wir glauben, das spüren wir bereits – und zwar konkret. Stammgäste rufen an und sagen: "Wir kommen heuer zweimal und lassen den Flugurlaub aus." Das sind noch kleine Signale, aber sie häufen sich.

Ich erlebe das selbst: Wenn wir im Winter geschlossen haben, fliege ich gerne in den Süden. Aber es wird von Jahr zu Jahr mühsamer – Verspätungen, Ausfälle, Chaos. Der Zeit- und Geldaufwand, bis man ein Reiseziel überhaupt erreicht hat, ist enorm gestiegen. Und gleichzeitig hört man überall von Waldbränden, Überschwemmungen, Trockenheit, Konflikten, Anschlägen. Die Welt fühlt sich unruhiger an – und das schlägt sich im Reiseverhalten nieder.

Österreich hingegen ist nach wie vor eine sichere, stabile Region mit enormer Lebensqualität. Wenn ich in die Wachau oder an den Wörthersee will, bin ich mit dem Auto oder dem Zug in wenigen Stunden dort -ohne Sicherheitskontrolle, ohne Verspätung, ohne Risiko. Das wird wieder mehr Menschen bewusst.

Wir sehen eine Tendenz, die mich an die Coronazeit erinnert: Die Menschen bleiben wieder mehr in der Heimat, entdecken das Nahe neu – und bleiben auch länger. Für uns als Schlosshotel in einer der schönsten Kulturlandschaften Europas ist das eine echte Chance.

LEADERSNET: Sie vermieten auch Ferienwohnungen und sogar eine ganze Villa in der Wachau. Kommen sich diese Angebote nicht in die Quere mit Ihren 47 Zimmern und Suiten im Schloss?

Thiery: Nein, überhaupt nicht – und ich sage das auch aus eigener Erfahrung. Mit einem Freundeskreis miete ich selbst gerne eine Ferienwohnung, mit einem anderen buche ich ein Fünf-Sterne-Zimmer. Es geht immer darum, was zur Gruppe und zum Anlass passt -nicht um Entweder-oder.

Genau das erleben wir auch bei unseren Gästen. Wir haben Stammgäste, die regelmäßig in kleinen Gruppen kommen: Ein Teil mit Kindern zieht in eine der Wohnungen, der andere Teil nimmt ein großes Zimmer im Schloss. Alle sind zusammen – aber jeder hat das Angebot, das zu ihm passt.

Ein breites Gesamtangebot ist da kein Widerspruch, sondern ein echter Vorteil. Man kann flexibler auf unterschiedliche Reisegruppen, Budgets und Bedürfnisse eingehen – und bindet die Gäste langfristig stärker, weil für jeden Anlass das Richtige dabei ist.

LEADERSNET: Stichwort Seminare und Workshops. Da sind wahrscheinlich unter Woche auch interessante Angebote dabei. Wie sieht da ihre typische Zielgruppe aus?

Thiery: Seminare im Fünf-Sterne-Bereich sind seit Jahren ein schwieriges Thema. Viele Unternehmen haben sich das schlicht nicht mehr getraut – zu groß die Angst vor dem Imageproblem, wenn die Führungsebene im Schlosshotel tagt, während anderswo gespart wird. Das hat uns merklich getroffen.

Aber wir spüren gerade wieder einen Aufwind – besonders im Management-Bereich steigt die Nachfrage. Und ich glaube, das hat auch damit zu tun, dass sich das Format selbst verändert hat. Seminare sind heute viel mehr als Arbeit im Konferenzraum. Teambuilding, gemeinsame Erlebnisse, Rahmenprogramm - das ist oft genauso wichtig wie der Inhalt. Und genau dafür ist die Wachau ideal: Radfahren entlang der Donau, Bootsfahrten, Weinverkostungen – das lässt sich hier alles wunderbar kombinieren.

Dazu kommt ein praktischer Vorteil, den viele unterschätzen: Wir liegen näher an Wien, als viele denken. Vom Stadtzentrum oder vom Flughafen ist man bei uns schneller als vom ersten in den vierzehnten Bezirk. Das ist für internationale Teilnehmer ein echtes Argument.

LEADERSNET: Vielen Dank!

www.schloss.at

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