Interview mit Hannes Hecher
"Neutralität bedeutet nicht technologische Passivität"

| Bernhard Führer 
| 28.05.2026

Im LEADERSNET-Interview spricht Hannes Hecher, CEO der Schiebel Elektronische Geräte GmbH, über technologische Souveränität, bewaffnete Camcopter und die Frage, warum die Zukunft moderner Sicherheitssysteme nicht nur in der Hardware, sondern vor allem in intelligent vernetzter Software liegt.

LEADERSNET: Schiebel ist 1951 als Kleinelektronikproduzent in Wien gestartet – und heute Weltmarktführer bei unbemannten Helikoptern mit über 40 Kundennationen und mehr als 523 gebauten Einheiten des Camcopter S-100. Was ist das Geheimnis eines Unternehmens, das sich in sieben Jahrzehnten so fundamental neu erfunden hat – und wie viel davon war Plan, wie viel war Glück?

Hannes Hecher: Die entscheidende Rolle hat sicher Hans Georg Schiebel gespielt. Er hat das Unternehmen nicht nur übernommen und weitergeführt, sondern mit einer sehr klaren unternehmerischen Vision neu ausgerichtet. Zunächst führte er die von seinem Vater stammende Idee für Minensuchgeräte zu einem weltweiten Vertriebserfolg. Der Schritt in Richtung unbemannte Systeme war damals alles andere als selbstverständlich. Es war eine mutige Entscheidung, früh in eine Technologie zu investieren, die zu diesem Zeitpunkt noch weit weg vom heutigen Marktpotenzial war.

Für ein zunächst unbekanntes, neues Produkt einen Markt zu entwickeln, ist ein steiniger Weg. Er hat früh erkannt, dass unbemannte Systeme in Zukunft eine zentrale Rolle spielen würden – zunächst aus Anwendungen wie Minendetektion und später zunehmend in zivilen, sicherheitsrelevanten und militärischen Bereichen.

Dass Schiebel heute international so erfolgreich ist, hat viel mit dieser Eigentümerstruktur zu tun. Als privat geführtes Familienunternehmen können wir langfristige Entscheidungen treffen, auch wenn sie kurzfristig risikoreich sind. Der Camcopter S-100 ist nicht das Ergebnis eines kurzfristigen Trends, sondern einer über viele Jahre verfolgten Entwicklung. 

LEADERSNET: Diese langfristige Denkweise hat Schiebel offensichtlich weit getragen – und führt uns direkt zu einer Entscheidung, die in der Branche für Aufsehen gesorgt hat: Auf der DSEI in London haben Sie mit den Modellen S-101 und S-301 erstmals bewaffnete Camcopter präsentiert und eigens dafür die Schiebel Defence GmbH gegründet. Das ist ein fundamentaler Strategiewechsel für ein Unternehmen, das jahrzehntelang als Dual-Use-Anbieter agiert hat. Was hat Sie zu diesem Schritt bewogen – und wo zieht Schiebel die ethische Grenze?

Hecher: Der Camcopter S-100 und der S-300 bleiben Dual-Use-Plattformen, die sowohl für zivile als auch für militärische Anwendungen eingesetzt werden können. Über viele Jahre haben wir sehr den Schwerpunkt auf Aufklärung, Überwachung und Schutz gelegt. Gleichzeitig hat sich das sicherheitspolitische Umfeld deutlich verändert. Unsere Kund:innen denken heute stärker in vernetzten Fähigkeiten – also von der Sensorik über die Datenverarbeitung bis hin zu möglichen Wirkmitteln in klar definierten Einsatzszenarien. Und erst die Weiterentwicklung der Camcopter-Systeme hat die notwendigen technischen Modifikationen für eine mögliche Bewaffnung in der aktuellen Generation überhaupt ermöglicht.

Auf diese Entwicklung reagieren wir mit einer klaren organisatorischen Abgrenzung. Die Schiebel Defence GmbH wurde gegründet, um die militärischen Varianten zu entwickeln, also S-101 und S-301. Damit schaffen wir Transparenz, regulatorische Klarheit und eine nachvollziehbare Trennung innerhalb der Schiebel Unternehmensgruppe.

LEADERSNET: Blicken wir einen Moment zurück, bevor wir weiter in die Zukunft schauen: Gab es einen bestimmten Wendepunkt, einen Moment, in dem sich der Erfolg des Camcopter von der Nischenlösung zum global gefragten System entschieden hat?

Hecher: Der unternehmerische Grundstein wurde schon viel früher gelegt. Der internationale Durchbruch des Camcopter S-100 kam aber aus meiner Sicht in dem Moment, in dem Kund:innen erkannt haben, dass ein unbemannter Hubschrauber nicht nur ein interessantes Technologieprodukt ist, sondern eine echte operative Fähigkeit.

Besonders im maritimen Bereich wurde dieser Mehrwert sehr schnell sichtbar. Marinen brauchen Systeme, die senkrecht starten und landen können, auch auf kleineren Schiffen einsetzbar sind, keine zusätzliche Start- oder Landeausrüstung benötigen und gleichzeitig hochwertige Sensorik über längere Zeiträume tragen können. Genau hier konnte der S-100 seine Stärken ausspielen.

LEADERSNET: Der maritime Bereich spielt also eine Schlüsselrolle – und er wird geopolitisch immer brisanter. Der Camcopter S-300 ist das Herzstück des europäischen SEACURE-Konsortiums unter Führung von Thales. Spätestens seit den Sabotageakten an Ostsee-Unterseekabeln steht das Thema auf der politischen Agenda. Wie groß ist der tatsächliche Bedarf – und ist Europa wirklich vorbereitet?

Hecher: Der Bedarf ist sehr groß und wird weiter steigen. Kritische Infrastruktur endet nicht an Land. Unterseekabel, Pipelines, Energieinfrastruktur und maritime Versorgungswege sind zentrale Lebensadern unserer Wirtschaft und unserer Sicherheit. Die letzten Jahre haben sehr deutlich gezeigt, wie verletzlich diese Infrastruktur ist.

Für uns ist dieses Thema nicht völlig neu. Schiebel beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Frage, wie unbemannte Systeme gefährliche oder schwer zugängliche Räume sicherer überwachen können – dazu gehört auch die Minendetektion. Der Camcopter bietet hier den Vorteil, Sensorik über längere Zeiträume in ein Einsatzgebiet zu bringen, ohne Menschen unnötig einem Risiko auszusetzen.

LEADERSNET: Sie haben von einem "immensen Bedarf an Minenräumung im Meer" gesprochen. Die Ostsee gilt als eines der am stärksten verminten Gewässer der Welt – ein Erbe zweier Weltkriege. Gleichzeitig legen neue Konflikte täglich neue Seeminen. Wie groß ist dieses Marktpotenzial tatsächlich – und warum ist es bisher so wenig im öffentlichen Bewusstsein?

Hecher: Das Marktpotenzial ist erheblich, aber es ist kein klassisches öffentlich sichtbares Thema. Seeminen und Munitionsaltlasten liegen unter der Wasseroberfläche – sie sind im Alltag nicht präsent, obwohl sie für Schifffahrt, Energieversorgung, Offshore-Infrastruktur und Umwelt ein enormes Risiko darstellen können.

Dazu kommt: Minenräumung ist technisch komplex, zeitintensiv und teuer. Viele dieser Aufgaben wurden lange als Spezialthemen für Marinen oder Behörden betrachtet. Durch den Schutz kritischer Infrastruktur, neue geopolitische Spannungen und die stärkere Nutzung des Meeresraums rückt das Thema aber zunehmend in den Fokus.

LEADERSNET: Bleiben wir bei einem Thema, das Schiebel von vielen Mitbewerbern unterscheidet: der österreichische Firmensitz. Österreich ist verfassungsrechtlich neutral – doch Neutralität ist bekanntlich kein Geschäftsmodell für die Rüstungsindustrie. Ist sie am Ende eher Bremse oder – paradoxerweise – ein Vertrauensbonus bei Kund:innen, die westlichen Großmächten skeptisch gegenüberstehen?

Hecher: Österreich ist ein sehr guter Standort für High-Tech-Entwicklung, Qualität und industrielle Präzision. Unser Sitz in Wien und unsere Produktion in Wiener Neustadt stehen international für Verlässlichkeit, Engineering-Kompetenz und langfristige Partnerschaft. Das ist definitiv ein Vorteil.

Gleichzeitig bedeutet der österreichische Rechtsrahmen auch zusätzliche Komplexität. Exporte sind nicht verboten, aber sie sind streng reguliert. Für international tätige Unternehmen, wie die Schiebel Gruppe, ist aber entscheidend, dass Verfahren nachvollziehbar, effizient und planbar sind. In einem globalen Wettbewerb zählt nicht nur die beste Technologie, sondern auch das regulatorische Umfeld.

Neutralität bedeutet nicht technologische Passivität. Österreich kann und sollte mit seiner Industrie einen Beitrag zur europäischen Sicherheit leisten – innerhalb klarer gesetzlicher Rahmenbedingungen. Unser Ziel ist nicht Militarisierung, sondern die Bereitstellung von Technologie für Aufklärung, Schutz, Sicherheit und Verteidigungsfähigkeit.

LEADERSNET: 70 bis 80 Prozent Ihrer Kunden sind Militärs, überwiegend Marinen – von den Vereinigten Arabischen Emiraten über die Hellenic Navy bis zur Royal Thai Navy. Gleichzeitig wächst das zivile Einsatzspektrum: Emissionsüberwachung auf See, Küstenwache, Seenotrettung. Wo sehen Sie in zehn Jahren das Verhältnis zwischen militärischen und zivilen Anwendungen?

Hecher: Ich glaube, die klare Trennung zwischen zivil und militärisch wird technologisch weniger eindeutig, regulatorisch aber umso wichtiger. Viele Fähigkeiten sind identisch: Überwachung, Lagebild, Sensorintegration, Kommunikation, Ausdauer und Betriebssicherheit. Ob ein System für Küstenschutz, Umweltüberwachung, Such- und Rettungsmissionen oder militärische Aufklärung eingesetzt wird, hängt stark vom Nutzer:in und vom Einsatzkontext ab.

Der militärische und sicherheitsbehördliche Bereich wird weiter sehr wichtig bleiben, weil die Nachfrage nach Intelligence, Surveillance and Reconnaissance und Sicherheit und Schutz kritischer Infrastruktur steigt. Gleichzeitig sehen wir im zivilen Bereich großes Wachstum – etwa bei Emissionsüberwachung, Küstenwache, Katastrophenschutz, Umweltmonitoring und Verkehrsüberwachung.

LEADERSNET: Ein Blick auf das Schlachtfeld der Gegenwart: Die Drohnenkriegsführung in der Ukraine hat die Logik moderner Kriegsführung auf den Kopf gestellt – Tausende günstige Einwegdrohnen gegen schwere Panzertechnik. Der Camcopter ist ein hochentwickeltes, teures Präzisionsinstrument. Stellt die ukrainische Erfahrung das Schiebel-Konzept grundsätzlich in Frage – oder bestätigt sie es?

Hecher: Die Ukraine zeigt sehr deutlich, dass Drohnen in allen Größen- und Preisklassen eine zentrale Rolle spielen. Günstige Einwegdrohnen haben ihre Berechtigung, aber sie ersetzen nicht hochentwickelte, langlebige und integrierte Systeme. Es geht nicht um entweder oder. Moderne Streitkräfte brauchen beides.

LEADERSNET: Und wenn wir den Blick fünf Jahre nach vorne richten: Wo liegt der größere Innovationssprung – in der Hardware, also Reichweite, Nutzlast, Bewaffnung – oder in der Software, in KI-gestützter Auswertung und Entscheidungsunterstützung?

Hecher: Beides wird wichtig bleiben, aber der größte Sprung wird wahrscheinlich in der Software, Sensorfusion und Entscheidungsunterstützung liegen. Hardware bleibt die Grundlage: Reichweite, Nutzlast, Ausdauer, Wetterfestigkeit und Zuverlässigkeit entscheiden darüber, ob ein System überhaupt einsatzfähig ist. Aber der eigentliche Mehrwert entsteht zunehmend durch die Daten, die ein System sammelt, verarbeitet und in ein Lagebild überführt.

KI kann dabei helfen, Muster schneller zu erkennen, große Datenmengen auszuwerten, Sensorinformationen zu priorisieren und Betreiber:innen zu entlasten. Wichtig ist aber: Autonomie bedeutet nicht, dass Verantwortung abgegeben wird. Aus unserer Sicht wird KI vor allem Assistenz und Entscheidungsunterstützung leisten. Der Mensch bleibt – insbesondere bei sicherheitskritischen und militärischen Anwendungen – in der Verantwortung. Die Zukunft liegt also nicht nur in "mehr Drohne", sondern in besser integrierten, resilienten und intelligent vernetzten Systemen.

LEADERSNET: Vielen Dank!

www.schiebel.net

Kommentar veröffentlichen

* Pflichtfelder.

leadersnet.TV