Am 12. November 1918 machte Österreich einen seiner größten Schritte in Richtung Gleichberechtigung, als infolge des Ersten Weltkriegs das allgemeine Frauenwahlrecht eingeführt wurde. Allerdings sollte es noch etliche Jahre andauern, nämlich bis Ende der 1970er-Jahre, bis die tatsächliche Gleichstellung im Familien- und Arbeitsrecht erfolgte. Doch trotz der mehr oder weniger erfolgreichen staatlichen und gesellschaftlichen Bemühungen werden Frauen auch im Jahr 2026 in vielen Bereichen dem Mann untergeordnet – allen voran in puncto Verdienst. Denn wie aktuelle Daten der Statistik Austria belegen, verdienen Frauen noch immer im Durchschnitt 11,6 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Doch was bedeutet das eigentlich?
Equal Pay Day
Der sogenannte Gender Pay Gap beträgt also 11,6 Prozent. Das bedeutet im Klartext, dass Frauen in Österreich ganze 42 Kalendertage im Jahr rechnerisch unbezahlt arbeiten. Somit fällt der Equal Pay Day 2026 auf den 11. Februar. Diese Einkommensungerechtigkeit beginnt aber nicht erst im Berufsleben. Schon in der Ausbildung verdienen weibliche Lehrlinge im Schnitt um 7,8 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Im aktiven Erwerbsleben steigt diese Einkommenlücke schließlich auf 11,6 Prozent an und verschärft sich nochmals in der Pension dramatisch. Denn es gibt nicht nur den Gender Pay Gap, sondern auch den Gender Spar und Gender Pension Gap (LEADERSNET berichtete hier und hier) sowie weitere Ungerechtigkeiten markiert durch den Gender Care oder auch den Gender Health Gap (LEADERSNET berichtete hier und hier) – um nur einige der gerne übersehenden Benachteiligungen anzuführen. Das heißt also, Frauen verdienen nicht nur weniger als Männer, sie erhalten auch durchschnittlich rund 36 Prozent weniger Alterseinkommen. Somit zieht sich die Diskriminierung durch das gesamte Erwerbsleben.
Gefälle in den Bundesländern
Je nach Region ändert sich jedoch die Höhe des Gender Pay Gaps. Beträgt er in Wien 4,2 Prozent (Equal Pay Day: 15. Jänner 2026) schießt er in Vorarlberg in die Höhe und erreicht 20,1 Prozent. Somit arbeiten Vorarlbergerinnen theoretisch bis zum 14. März diesen Jahres 'gratis'. Besonders gravierend sind zudem die Unterschiede nach Beschäftigungsform. Während Arbeiterinnen durchschnittlich 25,1 Prozent weniger verdienen, beläuft sich der Wert bei Angestellten auf 27,9 Prozent, bei Vertragsbediensteten auf 6,1 Prozent und bei Beamtinnen auf 4,8 Prozent. Diese Zahlen unterstreichen somit abermals, dass Einkommensungerechtigkeit strukturell verankert ist. Die BPW Austria – Business and Professional Women Gesellschaft fordert daher die zügige Umsetzung der EU-Richtlinien zur Lohntransparenz in nationales Recht, verbindliche Einkommendaten sowie die konsequente, gesetzlich garantierte Durchsetzung von gleichem Lohn für gleichwertige Arbeit.
Schlussendlich sollte bewusst werden, dass es sich bei der Lücke von 11,6 Prozent nicht um ein Naturgesetz handelt, sondern um das Spiegelbild veralteter Strukturen. Solange also unbezahlte Care-Arbeit überwiegend Frauensache bleibt, Transparenz bei den Gehältern eher die Ausnahme als die Regel ist und die Arbeit von Frauen nicht als gleichwertig gesehen wird, wird sich der Equal Pay Day nur langsam nach hinten verschieben. Dabei kann es sich Österreich schlichtweg nicht leisten, das Potenzial und die wirtschaftliche Eigenständigkeit von über der Hälfte seiner Bevölkerung durch Einkommensunterschiede zu bremsen. Echte Lohngerechtigkeit erfordert also mehr als nur Appelle an die Verhandlungsstärke von Frauen. Es braucht einen konsequenten Ausbau der flächendeckenden Kinderbetreuung, die Förderung einer partnerschaftlichen Aufteilung von Elternkarenz sowie eine verbindliche Umsetzung der EU-Lohntransparenz-Richtlinie. Denn nur, wenn der Gender Pay Gap nicht länger als "Frauenthema" gesehen, sondern als gesamtwirtschaftliches Wirtschaftshindernis begriffen wird, kann eine faire Arbeitswelt Realität werden. Das Ziel muss es also sein, in Österreich den Verdienst von der Leistung abhängig zu machen und nicht etwa vom Geschlecht.
www.equal-pay-day.at
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