Fotos & Video Industrie-Summit NÖ–OÖ
NÖ und OÖ setzen mit Manifest ein industriepolitisches Signal

Beim Industrie-Summit der IV NÖ und IV OÖ diskutierten hochrangige Vertreter:innen aus Wirtschaft und Industrie über Reformen für den Standort. Im Fokus standen Wettbewerbsfähigkeit, Energie- und Arbeitskosten sowie strukturelle Maßnahmen. LEADERSNET.tv fragte nach, wie die wichtige Branche wieder fitzubekommen ist.

Oberösterreich und Niederösterreich bilden gemeinsam das industrielle Rückgrat Österreichs. Rund 43 Prozent der industriellen Wertschöpfung, eine jährliche Bruttowertschöpfung von etwa 120 Milliarden Euro sowie über 800.000 Arbeitsplätze sind direkt oder indirekt mit der Industrieregion verbunden. In den letzten Jahren ist es der Branche aber alles andere als gut gegangen. Allein in der Vorwoche wurde bekannt, dass beim Motorradbauer KTM mit Sitz in Oberösterreich weitere 500 Stellen gestrichen werden (LEADERSNET berichtete) und beim Autozulieferer ZKW mit Sitz in Niederösterreich 600 Jobs wegfallen (LEADERSNET berichtete). Vor diesem Hintergrund diskutierten Vertreter:innen aus Politik, Wirtschaft und Interessenvertretungen beim Industrie-Summit in Ybbs über Reformen und die zukünftige Ausrichtung des Standorts. Organisiert wurde die Veranstaltung von der Industriellenvereinigung Niederösterreich (IV-NÖ) und Industriellenvereinigung Oberösterreich (IV-OÖ), moderiert wurde sie von Claudia Reiterer.

Im Mittelpunkt des Gipfels stand die Frage, wie die Rahmenbedingungen für Industrie und Produktion weiterentwickelt werden müssen, um Wettbewerbsfähigkeit, Investitionen und Wertschöpfung langfristig zu sichern. An der Diskussion beteiligten sich die Landeshauptleute Johanna Mikl-Leitner und Thomas Stelzer, die Präsidenten der Industriellenvereinigungen Kari Ochsner (IV-NÖ) und Thomas Bründl (IV-OÖ), IV-Österreich Präsident Georg Knill sowie Agenda Austria Direktor Franz Schellhorn gemeinsam mit hochrangigen Industrievertreter:innen. Im Anschluss unterzeichneten Niederösterreich und Oberösterreich ein gemeinsames Industriemanifest (PDF-Download unten).

Reformbedarf und strukturelle Herausforderungen

Kari Ochsner betonte, Österreich benötige Reformen, "die spürbar wirken". Die Unternehmen würden laufend in Effizienz und Innovation investieren, dafür brauche es jedoch auch verlässliche öffentliche Rahmenbedingungen, um wirtschaftliche Dynamik zu ermöglichen. Es gehe weniger um neue Sparpakete als um Maßnahmen, die zusätzliche Wertschöpfung schaffen könnten. Ochsner sprach sich für gezielte Reformschritte aus und verglich den Reformbedarf mit einem "Schweizer Messer" statt einer "Kettensäge".

Konkret nannte Ochsner drei Ansatzpunkte: zwei Prozent mehr Jahresarbeitszeit, zwei Prozent längeres Verbleiben im Erwerbsleben sowie einen zwei Prozent Selbstbehalt bei Gesundheitsleistungen, gedeckelt mit maximal 50 Euro und ausgenommen finanziell Schwächere. Zusammengenommen könnten diese Maßnahmen Milliarden an zusätzlicher Wirtschaftsleistung generieren und das Budget entlasten. Berechnungen zeigten etwa, dass eine Erhöhung der Wochenarbeitszeit in der Industrie um eine Stunde ein zusätzliches Bruttoinlandsprodukt von über einer Milliarde Euro bewirken könne. Ein um rund ein Jahr höheres faktisches Pensionsantrittsalter würde demnach einen BIP-Effekt von mehr als vier Milliarden Euro bringen und zugleich das Pensionssystem entlasten.

Thomas Bründl, Präsident der Industriellenvereinigung Oberösterreich, verwies auf anhaltende strukturelle Herausforderungen. Trotz einzelner positiver Konjunktursignale gebe es aus Sicht der Industrie noch keinen Anlass zur Entwarnung. Steigende Personal- und Energiekosten, sinkende Jahresarbeitsleistung sowie zunehmender Protektionismus und eine wachsende regulatorische Belastung würden die Wettbewerbsfähigkeit weiter beeinträchtigen. Positiv bewertete Bründl die Zustimmung zum Mercosur-Abkommen auf EU-Ebene.

Die anhaltend hohen Budgetdefizite seien kein Naturgesetz, sondern das Ergebnis vertagter Reformen, eines ineffizienten Föderalismus und einer ausufernden Förderlandschaft, führte Bründl aus. Seit der Covid-Krise seien Rekordsummen verteilt worden, ohne nachhaltiges Wachstum zu erzielen. Ohne strukturelle Reformen drohe eine schleichende Deindustrialisierung und damit ein Verlust an Wohlstand.

"Industrielles Herz der Republik"

Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner unterstrich die gemeinsame Verantwortung der beiden Bundesländer. In Niederösterreich und Oberösterreich schlage das industrielle Herz der Republik, jedes dritte Beschäftigungsverhältnis hänge von der Stärke der Industrie in diesen Regionen ab. Die Industrie bilde das Fundament des Wohlstands und finanziere Sozialstaat, Bildung und Gesundheit. Gerade angesichts großer Herausforderungen brauche es ein klares industriepolitisches Bekenntnis, das mit dem Industriemanifest abgegeben werde.

Aus Sicht Mikl-Leitners seien ein Industriestrompreis nach deutschem Vorbild bis 2030 sowie eine spürbare Entlastung des Faktors Arbeit zentrale Voraussetzungen. Trotz angespannter Budgetlage müssten die Lohnnebenkosten ab 2027 gesenkt werden. Zudem forderte sie einen entschlosseneren Bürokratieabbau auf Bundesebene und betonte, dass Rechtsstaatlichkeit und Geschwindigkeit kein Widerspruch sein dürften.

Auch Landeshauptmann Thomas Stelzer hob die Bedeutung des gemeinsamen Vorgehens hervor. Mit dem Industriemanifest bekennen sich Oberösterreich und Niederösterreich klar zum Produktionsstandort. Ohne starke Industrie gebe es weder sichere Arbeitsplätze noch Wohlstand. Mit 43 Prozent der industriellen Wertschöpfung trügen beide Länder besondere Verantwortung für ganz Österreich.

Stelzer betonte, dass Industrie und Klimaschutz vereinbar seien, wenn auf Innovation statt auf Verbote gesetzt werde. Betriebe bräuchten leistbare Energie, faire Arbeitskosten und weniger Bürokratie. Als Länder wolle man Verfahren beschleunigen, in Infrastruktur investieren und die Fachkräfteausbildung stärken. Gleichzeitig seien EU und Bund gefordert, Planungssicherheit und verlässliche Rahmenbedingungen zu gewährleisten.

Weitere Forderungen

Weitere Stimmen aus Wirtschaft und Interessenvertretungen unterstrichen den Reformbedarf. Michaela Roither, Geschäftsführerin der IV-Niederösterreich, bezeichnete das Jahr 2026 als entscheidende Wegmarke für den Industriestandort. Neben Wettbewerbsfähigkeit und Energiefragen seien auch neue Märkte von Bedeutung, etwa im Zusammenhang mit dem Wiederaufbau der Ukraine oder in internationalen Zukunftssektoren.

Franz Schellhorn, Direktor der Agenda Austria, sprach sich für eine konsequente ausgabenseitige Budgetsanierung aus. Hohe Staatseinnahmen bei gleichzeitig hohen Defiziten seien langfristig nicht tragfähig und untergrüben das Vertrauen in den Standort.

Leonard Schitter, CEO der Energie AG, nannte neben der Rückkehr zu mehr Optimismus, insbesondere Deregulierung, den Abbau von Hemmnissen sowie eine Reduktion der Staatsausgaben als zentrale Voraussetzungen. Günther Ofner, Vorstand der Flughafen Wien AG, betonte die Bedeutung von Wirtschaftswachstum durch niedrigere Energiepreise, zusätzliche Investitionen und deutlich schnellere Genehmigungsverfahren. Joachim Haindl-Grutsch, Geschäftsführer der IV-Oberösterreich, verwies auf die Belastung durch Stagnation und hohe Inflation und forderte verbesserte Rahmenbedingungen durch die Bundespolitik.

Gemeinsames Industriemanifest unterzeichnet

Mit dem unterzeichneten Industriemanifest schaffen Niederösterreich und Oberösterreich eine strategische Klammer für ihre industriepolitische Kooperation. Ziel ist es, Investitionen zu ermöglichen, die Wettbewerbsfähigkeit des Produktionsstandorts zu stärken und Wertschöpfung langfristig im Land zu halten. Das Manifest bündelt zentrale Handlungsfelder – von Transformation und Innovation über moderne Infrastruktur und schnellere Verfahren bis hin zur Stärkung von Netzwerken zwischen Industrie, Forschung und Start-ups.

Interview-Partner:innen

Neben Kari Ochsner, Thomas Bründl, Johanna Mikl-Leitner, Thomas Stelzer, Michaela Roither, Joachim Haindl-Grutsch, Franz Schellhorn, Leonard Schitter, Günther Ofner, und Franz Schellhorn holte LEADERSNET.tv noch Georg Knill, Präsident IV Österreich, Doris Hummer, Präsidentin WK OÖ, Unternehmer Stefan Pierer und Helmut Miernicki, Geschäftsführer ecoplus, vor die Kamera.

Fotos vom Industrie-Summit 2026 sehen Sie in unserer Galerie.

www.niederoesterreich.iv.at

www.oberoesterreich.iv.at

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