Nachdem vergangenen Mittwoch die ersten Eckpunkte der Industriestrategie vorgestellt wurden (LEADERSNET berichtete) folgten am Freitag alle Details der "Industriestrategie Österreich 2035". Wirtschafts- und Energieminister Wolfgang Hattmannsdorfer, Innovations- und Infrastrukturminister Peter Hanke sowie Deregulierungsstaatssekretär Sepp Schellhorn präsentierten ein umfangreiches Maßnahmenpaket, das die industrielle Wertschöpfung in Österreich langfristig sichern und stärken soll.
Hattmannsdorfer betonte, dass die Industrie das Rückgrat von Wohlstand und Beschäftigung sei, aber unter erheblichem Wettbewerbsdruck stehe. Mit der Strategie werde erstmals eine klare Richtung vorgegeben, um Deindustrialisierung zu stoppen und eine Neu-Industrialisierung zu starten. Die 114 Maßnahmen, die Definition von Schlüsseltechnologien und das Monitoring der Umsetzung sollen Innovationskraft, Resilienz und Wettbewerbsfähigkeit stärken. Hanke unterstrich, dass die Strategie konkrete Ziele verfolge, darunter die Definition von Schlüsseltechnologien und Stärkefeldern, die Förderung einer "Just Transition" und das Vorantreiben der Klimaziele. Damit solle eine langfristige Vision bis 2035 entstehen und Planungs- sowie Investitionssicherheit geschaffen werden. Schellhorn legte den Fokus auf Entbürokratisierung: Verfahren sollen vereinfacht, unnötige Lasten reduziert werden, damit Unternehmen schneller investieren können. Wörtlich sagte er: "Der Aktenordner darf nicht zum Sargnagel der Industrieproduktivität werden."

Messbare Ziele und 114 Maßnahmen
Die Strategie definiert sechs messbare Ziele: Stärkung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit, Weiterentwicklung der wirtschaftlichen Handlungsfähigkeit in Europa, Erhöhung der Leistungsfähigkeit und Innovationskraft, Ausbau wirtschaftlicher Resilienz, Förderung nachhaltiger und zirkulärer Produktion sowie Entwicklung des Fachkräftepotenzials. Erstmals werden zudem neun Schlüsseltechnologien identifiziert, unterstützt durch ein Förderbudget von rund 2,6 Milliarden Euro. Die 114 Maßnahmen verteilen sich auf Forschung, Technologie & Innovation, Energie, Bildung, Fachkräfte & Arbeitsmarkt, Kreislaufwirtschaft, Bioökonomie & Transformation, Infrastruktur, Mobilität & Resilienz, Europa & geopolitische Herausforderungen sowie Entbürokratisierung & Finanzierung.
Die Umsetzung wird kontinuierlich überwacht: Der Produktivitätsrat erweitert seinen Bericht um ein Wettbewerbsfähigkeitsradar, eine neue Task Force Industrie bewertet die jährlichen Ergebnisse, und die Bundesregierung legt einen jährlichen Bericht vor. Die Strategie wurde in einem breiten Stakeholder-Prozess unter Einbindung von Sozialpartnern, Industriellenvereinigung, Forschungs- und Standortagenturen sowie zahlreichen Fachexpert:innen erarbeitet.
Reaktionen aus Wirtschaft und Forschung
Die Reaktionen auf die vorgestellten Maßnahmen fallen überwiegend positiv aus, betonen jedoch die Notwendigkeit rascher und praxisnaher Umsetzung.
Vonseiten der Industriellenvereinigung begrüßt man das Bekenntnis zum Industrieland Österreich, mahnt aber, dass der Erfolg an messbaren Zwischenzielen und einer raschen Umsetzung der Maßnahmen gemessen werden müsse. Strukturelle Reformen bei Staat, Verwaltung und Abgaben seien Voraussetzung, um finanziellen Spielraum für Investitionen zu schaffen. Ähnlich sieht IV-Burgenland Präsident Christian Strasser die Notwendigkeit kurzfristiger Maßnahmen, um Wettbewerbsnachteile gegenüber Deutschland zu vermeiden, sowie die Senkung der Lohnnebenkosten und die Verschmelzung von Energie- und Industriepolitik auf regionaler Ebene.
Oesterreichs Energie sieht die Strategie als wichtiges Signal für einen wettbewerbsfähigen Standort und höhere Resilienz. Generalsekretärin Barbara Schmidt hebt die enge Verzahnung von Industrie, Energie und Infrastruktur hervor und betont die zentrale Rolle von Pumpspeichern für Versorgungssicherheit und Integration erneuerbarer Energien. Zudem unterstreicht die Branche ihre Investitionen als stabilen Konjunkturimpuls.
Die metalltechnische Industrie betont die Bedeutung des Industriestrompreises und der Strompreiskompensation für energieintensive Betriebe und ruft zu weiteren politischen Maßnahmen auf, etwa zur Inflationsbekämpfung, Entbürokratisierung, Stärkung des Binnenmarkts und Freihandelsabkommen. Kleinwasserkraft Österreich begrüßt die Fokussierung auf Wasserkraft, kritisiert aber gleichzeitig die EAG-Verordnungen, die Investitionen behindern und Strompreise verteuern könnten.
Fachverbände der Fahrzeugindustrie sehen die Strategie als wichtigen Schritt für die digitale und nachhaltige Transformation ihrer Branche und fordern rasche Finanzierung, insbesondere des Twin Transition Programms, sowie Unterstützung bei der Umstellung von Fertigungsanlagen und der Lokalisierung von Wertschöpfung. Wirtschaftsbund-Generalsekretärin Tanja Graf und WKÖ-Generalsekretär Jochen Danninger betonen die Notwendigkeit schneller Umsetzung, kontinuierliches Monitoring und europäische Einbettung, um Wettbewerbsfähigkeit und Resilienz zu stärken.
Im Bereich Kreislaufwirtschaft lobt Altstoff Recycling Austria (ARA) die klare Verankerung in der Strategie, insbesondere zur Sicherung von Rohstoffunabhängigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und Klimaschutz. Digitale Ressourcenplattformen für Sekundärrohstoffe werden als zentrale Maßnahme hervorgehoben.
Forschungsförderungsgesellschaft (FFG) und Wissenschaftsfonds (FWF) sehen die Schlüsseltechnologien als strategischen Schwerpunkt und unterstreichen die Bedeutung von Forschung, Technologie und Innovationspolitik. Die Finanzierung über den FTI-Pakt sowie die Verzahnung nationaler und europäischer Förderinstrumente sind essenziell, um Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit langfristig zu sichern.
Fazit
Insgesamt wird die Industriestrategie als richtiger Kurs und wichtiges Signal für den Standort bewertet, wobei Umsetzungsgeschwindigkeit, Praxistauglichkeit und stabile Investitionsrahmen als zentrale Erfolgsfaktoren gelten. Hier muss die Regierung also liefern, damit das Maßnahmenpaket auch tatsächlich greifen kann.
Hier geht es zur Homepage der Industriestrategie 2035. Unten finden Sie diese als PDF-Download.
www.bundeskanzleramt.gv.at
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