Microsoft, Alphabet (die Muttergesellschaft von Google) und Amazon haben zwischen 2023 und 2025 gemeinsam rund 600 Milliarden US-Dollar in den Aufbau von KI-Infrastruktur investiert. Diese beispiellose Summe übersteigt die Investitionsvolumina ganzer Industriezweige und markiert einen Wendepunkt in der Entwicklung der Tech-Branche.
Erosion der finanziellen Polster und Billionen-Investitionen
Die Auswirkungen dieser Ausgabenwelle zeigen sich deutlich in den Unternehmensbilanzen. Bei Microsoft beispielsweise schrumpfte der Anteil kurzfristiger Investitionen am Gesamtvermögen von 43 Prozent im Jahr 2020 auf nur noch 16 Prozent Ende des dritten Quartals 2025. Ähnliche Entwicklungen lassen sich bei Alphabet und Amazon beobachten, wo die liquiden Mittel im Verhältnis zur stark gewachsenen Bilanzsumme deutlich zurückgegangen sind.
Noch aufschlussreicher ist die Entwicklung beim freien Cashflow – jener Kennzahl, die zeigt, wie viel Geld einem Unternehmen nach Abzug aller Investitionen tatsächlich zur Verfügung steht. Sowohl Alphabet als auch Amazon werden 2025 voraussichtlich weniger freien Cashflow generieren als im Vorjahr. Bei Microsoft verschleiert die offizielle Darstellung die tatsächliche Situation: Die ausgewiesenen Kapitalausgaben berücksichtigen nicht die langfristigen Mietverträge für Rechenzentren und Rechenkapazitäten. Rechnet man diese hinzu, zeigt sich auch hier ein Rückgang.
Für das kommende Jahr prognostizieren Analyst:innen weitere massive Ausgaben: Microsoft dürfte inklusive Leasingverpflichtungen etwa 159 Milliarden US-Dollar aufwenden, Amazon rund 145 Milliarden und Alphabet 112 Milliarden US-Dollar. Über einen Zeitraum von vier Jahren summieren sich die Investitionen dieser drei Konzerne damit auf eine Billion US-Dollar – ein Betrag, der die Dimensionen traditioneller Technologie-Investments bei weitem übertrifft. Diese Entwicklung bleibt nicht ohne Folgen. Meta Platforms verdoppelte seine Schulden im Oktober durch die Emission einer Anleihe über 30 Milliarden US-Dollar. Oracle nahm nach Abschluss eines Cloud-Vertrags mit OpenAI über 300 Milliarden US-Dollar im September Anleihen über 18 Milliarden US-Dollar auf. Die Ära der schuldenfreien oder schuldenarmen Tech-Giganten endet.
Paradigmenwechsel für Investor:innen und Parallelen zur Halbleiterindustrie
Für Kapitalmarkt-Analyst:innen bedeutet diese Entwicklung ein Umdenken. Tech-Konzerne ähneln zunehmend kapitalintensiven Industrieunternehmen, deren Erfolg maßgeblich von der Qualität ihrer Investitionsentscheidungen abhängt. Die bisherige Wahrnehmung als hochskalierbare Software- und Cloud-Anbieter mit überschaubarem Kapitalbedarf verliert an Gültigkeit.
Raymond James-Analyst Josh Beck beobachtet, dass Investor:innen bereits neue Bewertungskennzahlen heranziehen: Die Zahl der KI-Nutzer:innen und die sogenannten "Remaining Performance Obligations" – also vertraglich zugesicherte, aber noch nicht realisierte Umsätze aus Vereinbarungen mit KI-Entwicklern – rücken in den Fokus. Die Kapitalmärkte signalisieren bereits ihre Ungeduld. Amazon-Aktien verloren vergangene Woche etwa fünf Prozent, während Alphabet-Papiere um 2,5 Prozent nachgaben. Diese Kursrückgänge spiegeln wachsende Skepsis wider, ob die enormen Investitionen tatsächlich entsprechende Renditen abwerfen werden.
Die Ausgabenintensität nähert sich mittlerweile jener der Halbleiterfertigung an, wo Chip-Hersteller zweistellige Milliardensummen in hochmoderne Produktionsstätten investieren, deren Errichtung Jahre dauert und die erst langfristig Gewinne abwerfen. Dieses Modell kann hochprofitabel sein – birgt aber erhebliche neue Risiken. Sollte die Nachfrage nach KI-Leistungen hinter den Erwartungen zurückbleiben, drohen hohe Kosten durch unausgelastete Infrastruktur. Zudem besteht das Risiko, auf die falsche Technologie zu setzen – ein Fehler, der bei diesen Investitionsvolumina existenzbedrohend werden kann.
Schwierige Priorisierungsentscheidungen
Die neuen Rahmenbedingungen zwingen zu komplexen strategischen Abwägungen. Microsoft-Finanzchefin Amy Hood machte diese Herausforderung im Oktober während einer Analystenkonferenz deutlich: Das Unternehmen räumt seiner Software-Sparte – Heimat der Office-Produktfamilie – bei der Zuteilung von KI-Rechenkapazität Priorität ein. Dies geht zulasten des schnell wachsenden Azure-Cloud-Geschäfts.
Solche Zuteilungskonflikte dürften künftig zunehmen. Die Transformation der Geschäftsmodelle bringt eine neue Ära der Unsicherheit mit sich – sowohl für die Konzerne selbst als auch für ihre Investor:innen.
Prognostizierte KI-bezogene Investitionen (nächstes Jahr) © Bernhard Führer
Basierend auf den im Artikel genannten Zahlen und ergänzt um aktuelle Marktdaten, hat der Autor eine Analyse der finanziellen Transformation erstellt. Die Tabelle verdeutlicht den massiven Wandel von "Software-Skalierung" hin zu "Infrastruktur-Investition".

Finanzielle Kennzahlen des KI-Wettrüstens (Projektion 202425) © Bernhard Führer
Zusätzliche Informationen & Kontext
- Nettoergebnis 2023–2025: Microsoft, Alphabet und Amazon erwirtschafteten kumulativ über 750 Milliarden US-Dollar Gewinn – dennoch zeigen sich Belastungen in den Cashflows
- CapEx-Intensität bei Microsoft: Von fünf Prozent des Umsatzes vor zehn Jahren auf 15 Prozent (FY2023) und zuletzt über 22 Prozent gestiegen
- Neue Bewertungskennzahlen: Investoren nutzen zunehmend KI-Nutzerzahlen und "Remaining Performance Obligations" zur Bewertung
- Zeitrahmen Rechenzentrum-Bau: Laut AWS dauert der Bau eines neuen Rechenzentrums 18–30 Monate
- Microsoft Priorisierung: Office-Franchise erhält Vorrang bei KI-Rechenkapazität vor Azure Cloud-Service
- Vergleich zur Halbleiterindustrie: KI-Investitionen ähneln zunehmend dem kapitalintensiven Modell der Chip-Fertigung
- DeepSeek-Effekt: Das chinesische Start-up zeigte, dass vergleichbare KI-Modelle zu einem Bruchteil der Kosten trainiert werden können – verstärkt Investorenskepsis.
(Quellen: Yahoo Finance, CNBC, Financial Times, GeekWire, Statista, Sherwood News, Hinweis: Alle Dollarbeträge in US-Dollar. Prognosen basieren auf Unternehmensangaben und Analystenschätzungen. Stand: Dezember 2025)
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