"Wir sind nach wie vor optimistisch"

Der Vorstandsdirektor der Wiener Flughafen AG, Julian Jäger, gibt im Interview Einblick in die Luftfahrtbranche, verrät was die pandemiebedingten Herausforderungen des vergangenen Jahres waren und skizziert die Zukunft des Tourismus.

Julian Jäger leitet seit September 2011 als Vorstandsdirektor die Flughafen Wien AG. Als Chief Operating Officer (COO) verantwortet er die Luftfahrt, das Handling, den Einzelhandel, die Gastronomie sowie die Bereiche Informationssysteme, Umweltmanagement, Revision und internationale Beteiligungen. LEADERSNET hat Julian Jäger zum Interview gebeten, um die Zukunft des Tourismus zu beleuchten.

LEADERSNET: Das vergangene Jahr hat die Luftverkehrsindustrie – so wie viele andere Branchen – besonders gezeichnet. Wie ist denn die aktuelle Stimmung bei Ihnen am Flughafen Wien?

Jäger: Ja, wir versuchen, die Moral hochzuhalten, aber wir haben sicherlich schon schönere Zeiten erlebt. Wir haben aktuell zwischen 6.000 - 10. 000 Passagiere am Tag, was leider eben doch nur so um die zehn Prozent von vor der Krise sind. Also dementsprechend ist der Betrieb nach wie vor eingeschränkt. Aber wir sind nach wie vor optimistisch. Die Reiselust der Menschen ist ungebrochen. Ich glaube, sie ist sogar noch gestiegen in den letzten Monaten. Und dementsprechend hoffen wir, dass es im zweiten Halbjahr dieses Jahres auch bei uns am Flughafen wieder losgeht.

LEDAERSNET: Sie haben gerade angesprochen, Sie wollen im Unternehmen "die Moral hochhalten". Wie setzen Sie das konkret um?

Jäger: Ich glaube, das Wichtigste ist die Kommunikation. Worunter Kolleginnen und Kollegen aktuell natürlich leiden, ist, dass sie zuhause im Homeoffice sind. Somit trifft man niemanden und bekommt auch weniger mit. Deshalb ist es gerade jetzt noch viel wichtiger, über soziale Medien und unser Intranet mit den Kolleginnen und Kollegen zu kommunizieren. Das Wesentliche ist, dass sie jetzt wissen wie es weitergeht, was geplant ist und da bemühen wir uns, das so gut wie möglich zu machen.

LEADERSNET: Wieviel Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigt der Flughafen Wien?

Jäger: Wir haben rund 5.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die zurzeit fast alle in Kurzarbeit sind. Wir sind sehr dankbar für diese Unterstützung, die auch notwendig ist, um tausende Jobs in der Luftverkehrsindustrie zu erhalten.

LEADERSNET: Was denken Sie, wie sich der heurige Sommer aus Sicht der Luftverkehrsindustrie gestalten wird?

Jäger: Also ich hoffe nach wie vor, dass wir im Sommer diesen Jahres in etwa auf 50 Prozent des Vorkrisen-Niveaus kommen. Im letzten Sommer gab es noch keine Impfungen und die Tests waren teurer und viel weniger verfügbar. Im August war da die Spitze bei in etwa 25 Prozent. Da hatten wir im Durchschnitt 25.000 Passagiere pro Tag. Und ich hoffe schon, dass der heurige Sommer besser wird als der letzte. Und natürlich hoffen wir alle, dass das Impfen jetzt in den nächsten Wochen doch noch schneller in die Gänge kommt und dass im Sommer und dann schon viele Menschen verreisen.

LEADERSNET: Sie haben in den letzten Jahren eine Re-Positionierung in Ihrem Betrieb vorgenommen. Der Flughafen Wien entwickelt sich hin zu einer Airport City. Was bedeutet das?

Jäger: Das ist ein Trend, den es eigentlich schon länger gibt. Und wir versuchen natürlich immer mehr Teile unseres Geschäfts unabhängig vom "reinen Fluggeschäft" zu machen. Und das macht sich auch aktuell bemerkbar. In der Vermietung sind die Umsätze im Prinzip auf dem Vorkrisenniveau. Währenddessen alles, was mit dem Fliegen zu tun hat, wozu beispielsweise das Parken oder die Umsätze in den Shops und so weiter zählen, sehr hart getroffen ist. Deshalb haben wir den "Office Park 4", der im letzten Jahr eröffnet worden ist, nochmal mehr in Richtung Innovation und Nachhaltigkeit positioniert. Die Nachfrage läuft sehr gut und insofern gehen wir davon aus, dass jetzt hier immer mehr Betriebsansiedlungen und Mieter an den Flughafen Wien kommen werden.

LEADERSNET: Was ist das Konzept des "Office Park 4"?

Jäger: Da kann man die neue "Art des Arbeitens" kennenlernen. Da dreht sich sehr viel um "Shared Space". Das heißt, man muss nicht riesige Büro-Räumlichkeiten mieten, sondern man kann auch einfach einen kleinen Schreibtisch in einem Bereich mieten, den man mit vielen anderen teilt und der trotzdem Zugang zu Besprechungsräumlichkeiten bietet. Insofern ist das eine günstige Form, wie man hier mit vielen anderen Menschen moderne Büro-Räumlichkeiten teilen kann.

LEADERSNET: Wie sieht denn Ihre Prognose im Bereich Digitalisierung im Tourismus aus?

Jäger: Aus meiner Sicht ist die Pandemie eigentlich eine Katastrophe. Dadurch sind Trends, die es schon vorher gegeben hat, deutlich beschleunigt worden. Und ich glaube, dasselbe gilt für die Digitalisierung. Das hat es vorher schon gegeben. Nur jetzt geht alles viel, viel schneller. Und das betrifft natürlich auch das Reisen. Ich glaube, die Prozesse beim Reisen werden sich verändern. Man wird sich daran gewöhnen müssen, den sogenannten "Grünen Pass" mit sich zu tragen. Dieser wird beispielsweise auch die Einreise Prozess am Flughafen ändern. Und auch Hygiene oder automatisierte Prozesse werden eine viel größere Rolle spielen.

LEADERSNET: Wie sehen Ihres Erachtens die Visionen des Tourismus 2021 aus?

Jäger: Auch mit zunehmender Digitalisierung, glaube ich, dass unsere Stärke in Österreich der Charme, der persönliche Umgang und das Menschliche sind. Und ich freue mich wieder auf viele persönliche Kontakte in der ganzen Welt und wieder viele Gäste aus dem Ausland bei unserem Flughafen in Wien begrüßen zu dürfen. (sk)

www.viennaairport.com

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